Trügerische Statistik Der Vatikan - ein Schurkenstaat?

Nicht São Paulo oder Lagos, nicht die Bronx oder der Wedding führen die weltweite Kriminalitätsrangliste an. Weit gefehlt. Es ist das Reich von Staatschef Benedikt XVI., in dem pro Einwohner die meisten Zivil- und Strafverfahren anhängig sind - trotz unverändert geltenden siebten Gebots.

Von , Rom


Rom - Die erstaunliche Statistik hat jetzt der "Promotor Iustitiae" des Vatikanstaats, Nicola Picardi, zur Eröffnung des Gerichtsjahres bekannt.

Petersplatz: Schwarze Schafe von außen
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Petersplatz: Schwarze Schafe von außen

Im vergangenen Jahr hätte sich die vatikanische Justiz mit 341 Zivil- und 486 Strafverfahren befassen müssen. Das sind, umgerechnet auf die 492 Einwohner, gut anderthalb Verfahren pro Kopf und damit mehr als das zwanzigfache der Quote im Nachbarland Italien. Und das, obwohl die Security-Dichte eines Polizeistaats würdig ist: ein Schweizergardist für vier Staatsbürger. Dazu kommen die Museumswärter und die von Italien delegierten Polizisten.

In den allermeisten Fällen, so Staatsanwalt Picardi, handele es sich um Handtaschendiebstähle, ansonsten um Betrügereien, Fälschungen und andere Formen von Kleinkriminalität - verübt allerdings nicht von kleptomanischen Klerikern, Schweizergarden oder Nonnen, sondern von den schwarzen Schafen unter den 18 Millionen Pilgern und Touristen, die jährlich Petersplatz, Petersdom und Vatikanische Museen besuchen. Rund 90 Prozent der Straftaten bleiben ungesühnt, nicht aus christlicher Barmherzigkeit, sondern weil die Täter relativ problemlos die paar Meter über die Grenze nach Italien flüchten.

Wie jedes Jahr empfahl Staatsanwalt Picardi in seinem Bericht über den Zustand von Justiz und Sicherheit in God’s own country, nun doch endlich dem Schengen-Raum beizutreten, um die grenzüberschreitende "Kooperation zwischen Justiz und Polizei" zu verstärken. Diese Möglichkeit besteht auch für Länder, die nicht der EU angehören. Doch der Vatikan konnte sich bislang nicht zu dem Schritt durchringen.

Stattdessen meinte Benedikt XVI., in seiner Ansprache an die Sicherheitsleute im Kirchenstaat: "Lasst uns den mütterlichen Schutz der Jungfrau erbitten." Womöglich hat er dabei an die Wochen im April 2005 gedacht. Damals, nach dem Tod von Johannes Paul II., kamen insgesamt sechs Millionen Pilger zum Petersplatz. Und es wurde kein einziger Fall von Taschendiebstahl gemeldet.



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