Türkei Opfer von Polizeigewalt soll sechseinhalb Jahre ins Gefängnis

Für die Staatsanwaltschaft wiegen Beamtenbeleidigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt schwerer als Schläge und Stöße: Eine Frau aus der Türkei soll für sechs Jahre ins Gefängnis - länger als die Polizisten, von denen sie malträtiert wurde.


Izmir - In der Türkei soll ein Opfer von Polizeigewalt länger ins Gefängnis als die prügelnden Beamten. Das gehe aus den Strafforderungen der Staatsanwaltschaft im westtürkischen Izmir hervor, berichtete die Zeitung "Vatan" am Donnerstag. Zwei Polizisten, die im vergangenen Jahr eine Frau auf einer Polizeiwache malträtierten, sollen demnach mit jeweils fünf Jahren und neun Monaten Haft bestraft werden. Der Frau drohe dagegen eine Haftstrafe von sechseinhalb Jahren wegen Beamtenbeleidigung und Widerstands gegen die Staatsgewalt.

Der Fall der Polizeigewalt gegen die 37-jährige Fevziye Cengiz aus Izmir hatte Ende vergangenen Jahres für Schlagzeilen gesorgt. Damals wurden Bilder einer Überwachungskamera bekannt, auf denen zu sehen war, wie die beiden Beamten auf Cengiz einschlugen. Die Sequenz ist mehrere Minuten lang. "Vatan" hatte das Video zusammen mit einem ausführlichen Bericht veröffentlicht. Der Bericht und besonders die Aufnahme lösten große Empörung aus.

Als andere Medien den Fall aufgriffen, gerieten die Behörden zunehmend unter Druck. Schnell stellte sich heraus, dass auch die Justiz nicht viel besser gehandelt hatte als die Polizei. Damals entschuldigte sich der höchste staatliche Vertreter der Provinz Izmir, Gouverneur Mustafa Cahit Kirac: "Das Video ist der reine Horror. Ich entschuldige mich bei Fevziye Cengiz für das Vorgehen der Polizei".

Bis zur Veröffentlichung der Bilder hatte die Staatsanwaltschaft für die zwei Polizisten nur jeweils anderthalb Jahre Haft gefordert. Aufgrund der Aufnahmen habe die Anklage ihre Strafforderung nun erhöht, bleibe aber immer noch unter der Forderung für das Opfer, meldete "Vatan".

Menschenrechtler kritisieren seit langem, dass Polizisten in der Türkei häufig Gewaltvorwürfe von Festgenommenen mit teilweise absurden Gegenklagen kontern. Diese würden von der Justiz häufig energischer verfolgt als die eigentlichen Misshandlungen.

ulz/AFP

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