Urteil im Fall Tugce Ein Schlag fürs Leben

Die Studentin Tugce Albayrak starb nach einem Schlag von Sanel M. Der 18-Jährige wurde zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt. Seine tatsächliche Strafe ist weitaus härter. Sie wurde nicht vom Gericht verhängt.

Ein Kommentar von

Angeklagter Sanel M.: "Fälle wie diese sind so ungewöhnlich nicht"
Getty Images

Angeklagter Sanel M.: "Fälle wie diese sind so ungewöhnlich nicht"


Abgeurteilt war Sanel M. lange bevor überhaupt feststand, wann und wer über ihn den Richterspruch fällen würde. Als im April der Prozess gegen ihn begann und der 18-Jährige auf der Anklagebank in Saal 3 des Landgerichts Darmstadt Platz nahm, war sein Bild längst in das öffentliche Gedächtnis gemeißelt, Sanel M. als Täter gebrandmarkt: Er war der Komaschläger, der Killer, der Tugce-Mörder.

Unverpixelt wurden Fotos von ihm veröffentlicht, die dem brutalen Gangster die passende Gestalt verliehen: die des coolen Mackers, die Hand zum Victoryzeichen erhoben. Passt. "Wie kommt ein 18-Jähriger dagegen an?", fragte der Vorsitzende Richter Jens Aßling in seiner Urteilsverkündung. "Gar nicht."

Das verpasste Image war allen bekannt, auch in der Justizvollzugsanstalt, in der Sanel M. in Untersuchungshaft sitzt. Ein Mithäftling brach ihm die Nase, weil er "das Mädchen totgeschlagen" habe. Sanel M. kann nicht an Veranstaltungen teilnehmen, bei denen auch andere Gefangene dabei sind. Noch immer erhält er Morddrohungen, sein Alltag ist geprägt von Angst. Seine Haftbedingungen sind also, auch wenn das viele freuen wird, härter als die anderer Gewalttäter seines Kalibers.

Selbst schuld, werden viele sagen. Hätte er sich früher überlegen können. Ja, hätte er. Aber Sanel M. ist nicht der einzige, der wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt ist oder dem diese Straftat vorgeworfen wird. Oder wie Richter Aßling sagte: "Fälle wie diese sind so ungewöhnlich nicht." Aber Sanel M. ist der einzige, der schon jetzt so gebrandmarkt ist, dass er es auch nach Verbüßen der Jugendstrafe schwer haben wird, den richtigen Weg einzuschlagen, erst recht in seiner Heimat, dem Rhein-Main-Gebiet. Unser Rechtssystem sieht aber nun einmal eine Resozialisierung vor. Wie soll sie bei Sanel M. gelingen?

Im Video: Das Urteil im Fall Tugce

Die Vorverurteilung ging so weit, dass sogar höchste Repräsentanten des Staates wie Bundespräsident Joachim Gauck Partei ergriffen. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier erschien auf der Beerdigung des Opfers und forderte, der jungen Frau posthum das Bundesverdienstkreuz zu verleihen.

Welches Signal ist das für ein Gericht, das ebenso ein Staatsorgan ist? Ist das noch mit staatlicher Neutralität in Einklang zu bringen? Wie verträgt sich das mit der Grundvoraussetzung unseres rechtsstaatlichen Strafverfahrens, der Unschuldsvermutung? Fragen, die der Vorsitzende Richter bei der Urteilsverkündung anklingen ließ. Mit ihm hatte man schon während der Hauptverhandlung nicht tauschen wollen. Jetzt, nach dem Urteil, will man es noch weniger.

Richter Aßling sagte, er hoffe, dass es der Kammer gelungen sei, sich von nichts und niemandem beeinflussen zu lassen - und schob im Anschluss nach: "Jeder Mensch ist beeinflussbar." Das hatte der Prozess exemplarisch anhand der etwa 60 Zeugenaussagen gezeigt. Die meisten von ihnen waren geschönt, erfunden, dramatisiert. Viele angereichert mit Details aus der Presse. Fast alle unbrauchbar.

Für das Gericht war es ein schwieriges Prozedere, dem es sich nicht nur gestellt, sondern auch fair gewidmet hat. Sein Urteil ist mit drei Jahren Jugendstrafe überraschend hart ausgefallen - wenn auch milder als jenes der Öffentlichkeit. Es lautet: Lebenslang.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, auch Bundespräsident Joachim Gauck habe das Bundesverdienstkreuz für Tugce gefordert. Das hat er nicht getan. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.