Turin Italienischer Inzestfall lässt Land und Leute kalt

25 Jahre lang soll ein Mann aus Turin seine Tochter vergewaltigt und seinen Sohn zum Mitmachen angestiftet haben: Italien erlebt eine schockierende Parallele zum Fall Josef F. in Österreich. Doch weil die Beteiligten nicht aus der Mitte der Gesellschaft stammen, hält sich die öffentliche Empörung in Grenzen.

Von Michael Braun, Rom


Nachrichtenagenturen im Ausland, auch die deutsche dpa, melden, eine Vergewaltigungsgeschichte "erschüttere Italien", doch von Erschütterung ist nichts zu spüren. Ein Fall, vergleichbar dem von Josef F. aus dem österreichischen Amstetten: So präsentiert sich auf den ersten Blick der am Freitag von der Polizei in Turin aufgedeckte Vergewaltigungsfall. 25 Jahre lang soll sich der 64-jährige Michele M. an seiner Tochter vergangen haben. Mit ihm zusammen kam sein 41-jähriger Sohn in Haft. Auch er soll die 34-jährige Schwester und zudem noch die vier eigenen, acht bis 20 Jahre alten Töchter missbraucht haben.

Josef F. - er hatte auch südlich der Alpen enorme Aufmerksamkeit - wird zwar in den italienischen Medien immer wieder zitiert, doch ein "Fall Amstetten" bahnt sich in Turin nicht an. Die nationale Tageszeitung "La Repubblica" brachte einen Artikel weit hinten versteckt auf Seite 23, dem "Corriere della Sera" reichte gar eine kurze Meldung.

Das seltsam geringe Interesse der Medien und die fehlende Empörung der Öffentlichkeit mag sich aus der simplen Tatsache erklären, dass sich das Turiner Vergewaltigungsdrama nicht in Mitte der gutbürgerlichen Gesellschaft abspielte, sondern in einer heruntergekommenen Etagenwohnung in dem heruntergekommenen Viertel "la Falchera" am Stadtrand Turins.

Es mag an diesem Ambiente gelegen haben, dass niemandem etwas auffallen wollte. Den Nachbarn nicht, "hier kümmert sich jeder um seine Angelegenheiten", aber auch den Behörden nicht.

Dabei klingen die Aussagen der über Jahre hinweg misshandelten Tochter - von den italienischen Medien "Laura" getauft - erschütternd. "Seit ich neun Jahre alt war, zwang mein Vater mich, sexuelle Handlungen über mich ergehen zu lassen. Er berührte mich im Intimbereich, er küsste mich auf den Mund, und als ich 16 war, zwang er mich schließlich zum Geschlechtsverkehr. Ich schlafe bei ihm im Zimmer, weil er will, dass ich in seiner Nähe bin."

Ein Leben unter der Kontrolle des mächtigen Vaters

Anders als F. brauchte M. kein Kellerverlies. Er schlug sich als Eisensammler und -händler durch, und im Jahr 1999 war er schon einmal in Kontakt mit der Justiz geraten, weil er Altkleider-Container leergeräumt hatte. Auf diesen illegalen Beutezügen waren einige seiner acht Söhne dabei - und "Laura". Die nämlich sperrte er nicht komplett weg; ihm reichte es, dass sie bloß in seiner Begleitung vor die Tür durfte. Mit zwölf Jahren hatte Laura die Schule abgebrochen; seitdem lebte sie unter der vollkommenen Kontrolle der Familie.

Augenscheinlich nahm niemand davon Notiz. Kein Thema war für die Lehrer und Mitschüler offenbar die Tatsache, dass das Mädchen trotz Schulpflicht nicht mehr zum Unterricht kam. Und auch die Sozialarbeiterin, die sich über Jahre hinweg um einen tauben Sohn aus der Familie kümmerte, bemerkte nichts. "Das fiel nicht in ihre Zuständigkeit", nehmen die Behörden der Stadt Turin sie jetzt in Schutz. Nicht bloß die Nachbarn, auch der Staat mischt sich in Italien an den Rändern der Gesellschaft nur selten ein.

In der Familie war der Vater der unangefochtene "Padre, Padrone", ein mächtiger Herrscher und Patriarch, der sich schon einmal gegen den Verdacht inzestuöser Vergewaltigungen zur Wehr setzen konnte. Schon 1994 war "Laura" zur Polizei gegangen, in Begleitung ihrer Eltern übrigens, um einen Onkel anzuzeigen. Jener Onkel behauptete seinerseits, der wahre Vergewaltiger in der Familie sei "Lauras" Vater, der sich habe rächen wollen, weil das Mädchen für einige Tage Zuflucht bei dem Verwandten gesucht habe. Ein psychiatrisches Gutachten erledigte den Fall mit dem Befund, die Aussagen der jungen Frau seien "unglaubwürdig".

"Alles erfunden", zetert jetzt auch wieder "Lauras" Mutter im Verein mit den Brüdern und ihrer 30-jährigen Schwester. Doch welches Klima der fehlgeleiteten Vater-Verehrung in der Familie tatsächlich herrscht, wird aus Details deutlich: Einer der Söhne M.s zeigt stolz ein großes Tattoo auf seinem linken Bizeps, "das ist das Bild meines Vaters". Und "Lauras" Schwester erklärt, "mein Vater hat uns nicht einmal mit einem Finger angerührt, ich küsse den Boden, auf dem er entlang gegangen ist".

Dann aber kommt die Rede auf den ebenfalls verhafteten Bruder, und plötzlich sind sich die Familienmitglieder einig: "Der ist ein Pädophiler". Doch auch seine drei jüngeren Töchter nehmen ihn wiederum in Schutz, nur die 20-Jährige bestätigt, er habe sich an ihr vergangen, "seit ich neun war".

Völlig unbeeindruckt von den Anschuldigungen zeigen sich auch die Rechtsanwälte der beiden Männer. Selbst die laut Staatsanwaltschaft eindeutigen Mitschnitte von Gesprächen zwischen Vater und Sohn seien nicht aussagekräftig; schließlich handele es sich "um ein heruntergekommenes Ambiente". Dort werde nun mal drastisch geredet.



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