Rechtsmedizinerin über Obduktion von Kim Wall "Das überstieg jeden Verstand"

Lange begleitete Christina Jacobsen den Mordfall Kim Wall. In einem Interview hat die Rechtsmedizinerin nun von ihrer Arbeit erzählt, die U-Bootbauer Peter Madsen ins Gefängnis brachte.

SPIEGEL ONLINE

Der Mord an der schwedischen Journalistin Kim Wall hat viele Menschen berührt. Wie brutal der dänische Tüftler Peter Madsen bei der Tat auf seinem selbstgebauten U-Boot vorging, hat ein Kopenhagener Gericht längst festgestellt - und den 47-Jährigen zu lebenslanger Haft verurteilt. Eine, die den Fall hautnah mitbekam, war Christina Jacobsen - und sie ahnte bereits früh, dass sie damit befasst werden könnte.

Die Rechtsmedizinerin hat in ihrem Leben schon Hunderte Leichen gesehen, auch zerstückelte - doch dieses Mal war es für sie anders. "Das überstieg jeden Verstand. Das liegt daran, weil man an die Grenzen seiner Vorstellungskraft stößt", hat Jacobsen nun in einem großen Interview mit der dänischen "Ugeskrift for Læger" ("Wochenschrift für Ärzte") gesagt. Lange habe sie gehofft, dass die tagelang verschwundene 30-Jährige noch am Leben sein könnte. "Aber ich wusste auch, dass, falls sie tot ist und ins Meer geworfen wurde, sie eines Tages hochkommen würde."

Nachdem Walls mit zahlreichen Stichen und Schnitten zugerichteter Torso schließlich auf der Insel Amager südlich der dänischen Hauptstadt angeschwemmt worden war, wusste sie, dass es sich um einen ganz besonderen Todesfall handeln muss. "Ich konnte gut sehen, dass da nicht jemand verunglückt und ins Wasser gefallen war. Das war mit Absicht", sagte sie der "Ugeskrift". Madsen dagegen hatte bis zum Urteil immer wieder von einem Unfall gesprochen, er habe Wall erst zerstückelt, als sie schon tot war.

Immer wieder wurde er von den Ermittlern widerlegt, auch von Christina Jacobsen. Akribisch hatte die Rechtsmedizinerin die Beschaffenheit der Stichwunden dokumentiert. Es waren ihre Berichte, die darauf hindeuteten, dass Wall noch am Leben gewesen sein könnte, als Madsen zustach - und ihn so wegen Mordes hinter Gitter brachten.

So grausam der Fall auch war, ihre Gefühle versuchte Jacobsen bei der Arbeit auszublenden. Die 45-Jährige sagte in dem Interview: "Ich musste meine ganze Energie auf die Obduktion und die Erklärungen fokussieren, die so wichtig waren für das Beweismaterial der Polizei." Medienberichte zu dem Thema habe die Expertin der rechtspathologischen Abteilung an der Universität Kopenhagen ignoriert.

Taucher hatten erst mit wochenlangem Abstand Walls Arme, Beine und schließlich auch ihren Kopf aus dem Øresund gezogen. "Es war wie bei einem Puzzlespiel, es wurde Stück für Stück zusammengesetzt", sagte Jacobsen der "Ugeskrift". "Die lange Dauer führte dazu, den Fall zu etwas werden zu lassen, das alles überstieg, was ich als Rechtsmedizinerin je zuvor erlebt hatte."

An dem Tag, an dem Jacobsen ihre Ergebnisse vor Gericht präsentieren musste, waren Kim Walls Eltern nicht im Saal. Das sei gut gewesen, sagte Jacobsen nun der Fachzeitschrift. Denn auf sie hätte sie keine Rücksicht nehmen können. Es ging um Einzelheiten, ob Wall durch die Enthauptung, durch Erdrosseln oder auf eine andere Art und Weise zu Tode kam. Die genaue Todesursache konnte aber auch sie nicht mehr feststellen. Walls sterbliche Überreste wurden erst Anfang Juni beigesetzt, fast ein Jahr nach ihrem Tod.

Als Jacobsen mit ihrer Aussage fertig war, sei sie erleichtert gewesen, hieß es. Da Madsen nur gegen das Strafmaß, aber nicht gegen den Schuldspruch Rechtsmittel eingelegt hat, ist nun auch ihre Arbeit an dem Fall beendet.

Etwas, so sagte es Jacobsen der "Ugeskrift", sei bei ihr jedoch hängen geblieben: "Die meisten von uns in Dänemark leben ein privilegiertes Leben, wir als Rechtsmediziner erleben manchmal jedoch Fälle, in denen Menschen von so schwerer Gewalt getroffen werden, dass man sie sich nur sehr schwer vorstellen kann." Das müssten sie und ihre Kollegen in solchen Situationen berücksichtigen, "dass die Dinge vielleicht etwas komplizierter sind, als man sich das zunächst vorstellt".


Das Østre Landsret (Östliches Landgericht) verhandelt Anfang September über das Strafmaß gegen Peter Madsen. Am 9. November soll ein Buch von Ingrid und Joachim Wall, den Eltern der Journalistin, über ihre Tochter erscheinen: "Wenn die Worte enden."

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