Überfahrener Schüler Hilflos allein gelassen - Prozess gegen Polizisten wird neu aufgerollt

Zwei Polizisten setzen einen Gymnasiasten, den sie betrunken aufgegriffen hatten, nachts an einer Landstraße ab - kurze Zeit später wird er von einem Auto überfahren. Erst auf Druck der Eltern kam es zum Prozess. Jetzt hob der Bundesgerichtshof die Bewährungsstrafe für die Beamten als zu milde auf.

Von , Karlsruhe


Robert Syrokowski wäre wohl heute noch am Leben, wenn ihn in jener Winternacht nicht zwei Streifenpolizisten in betrunkenem Zustand aufgegriffen hätten. Denn statt ihn nach Hause oder wenigstens aufs Revier zu fahren, brachten die beiden Beamten den 18-jährigen Gymnasiasten - offenbar aus Bequemlichkeit - gerade so weit, dass sie örtlich nicht mehr zuständig waren, und setzten ihn einfach am Straßenrand ab. Wenig später wurde der Schüler, mitten auf der Straße sitzend, von einem Auto überfahren.

Die Polizisten, die Robert Syrokowski aussetzten, im vergangenen April vor dem Landgericht Lübeck: Der Prozess wird neu aufgerollt
DPA

Die Polizisten, die Robert Syrokowski aussetzten, im vergangenen April vor dem Landgericht Lübeck: Der Prozess wird neu aufgerollt

Erst nachdem die Staatsanwaltschaft förmlich dazu gezwungen wurde, kam es überhaupt zu Ermittlungen und zu einer Anklage gegen die beiden Polizisten. Auch das Landgericht Lübeck verhielt sich ausgesprochen gnädig und verurteilte die beiden Beamten im Mai 2007 wegen fahrlässiger Tötung zu jeweils neun Monaten auf Bewährung. Die von den Eltern des Jungen angestrebte, strengere Verurteilung der Beamten wegen "Aussetzung" eines Menschen mit Todesfolge lehnte das Landgericht aber ab.

Jetzt gab der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) unter Vorsitz des designierten BGH-Präsidenten Klaus Tolksdorf den Eltern Recht - er hob die Verurteilung als zu milde auf. Nach den Feststellungen der Lübecker Richter, so der BGH, hätten die Polizisten den "erheblich alkoholisierten und desorientierten" Schüler "zur Nachtzeit außerhalb bewohnten Gebiets aussteigen" lassen, um einen sogenannten "Platzverweis" durchzusetzen und "einen Störer 'los zu sein'".

Anders als das Landgericht meinte, so Tolksdorf, habe sich das Opfer dabei aber sehr wohl in einer "hilflosen Lage" befunden. Damit droht den Polizisten nun mit einem neuen Prozess vor dem Landgericht Kiel auch eine Verurteilung wegen Aussetzung mit Todesfolge, Mindeststrafe ein Jahr - dann würden sie obendrein noch aus dem Polizeidienst entlassen.

Mit zwei Promille unterwegs - die Polizei reagiert nicht

Es war sicher auch eine Verkettung unglücklicher Umstände, die den Gymnasiasten in jener Nacht das Leben kostete. Und mit Sicherheit hatte Robert Syrokowski viel zu viel getrunken an jenem Samstag, in der Nacht auf den 1. Dezember 2002: Fast zwei Promille Alkohol wurden später in seinem Blut gemessen. Aber ohne das höchst fragwürdige Vorgehen der beiden Polizeibeamten wäre es nie zu diesem tragischen Ende gekommen.

An jenem Samstag war die Familie Syrokowski umgezogen, Robert hatte den ganzen Tag geholfen. Am Abend wollte er mit Freunden in einer Land-Diskothek ausgiebig feiern. Bereits auf der Autofahrt zu der Diskothek, etwa 20 Kilometer von Lübeck entfernt, tranken Robert und seine Freunde Wodka mit Orangensaft, dazu kamen in der Disco etliche Bier. Die Stimmung war ausgelassen. Kurz vor drei Uhr sagte Robert zu seinen Freunden, er müsse aufs Klo.

Wenig später sehen zunächst drei Polizeibeamte eines Sonderkommandos, die zufällig auf der Rückfahrt von einem Sondereinsatz in der Nähe der Land-Disco vorbeikommen, eine Person bewusstlos halb auf der Straße liegen - Robert Syrokowski. Zwei per Funk herbeigerufene Rettungssanitäter untersuchen Robert, halten es aber nicht für nötig, ihn ins Krankenhaus mitzunehmen. Wieder alleine gelassen - auch die Polizeibeamten sind weitergefahren - klingelt Robert, es ist inzwischen fast vier Uhr morgens, an einem Nachbarhaus das Ehepaar B. aus dem Bett: Er wohne hier, erklärt Robert den verdutzten Leuten, seine Eltern hätten das Haus vor eineinhalb Stunden gekauft. Als sich Robert vom Gegenteil nicht überzeugen lässt und Anstalten macht, ins Haus einzusteigen, ruft das Ehepaar B. die Polizei. Auch Robert wählt jetzt mit dem Handy den Polizei-Notruf 110 - er wolle in sein elterliches Haus.

"Das ist Micky Maus", stellt der Polizist seinen Kollegen vor

Die herbeigerufene Nachtstreife, Polizeihauptmeister Hans-Joachim G. und Polizei-Oberkommissar Alexander M., trifft um kurz nach vier Uhr an dem Haus ein. Die Beamten bemerken Roberts Fahne, fragen, ob er Alkohol getrunken habe: "Ja, drei Bier". Obwohl er verlangsamt spricht, wirkt Robert hyperaktiv, schwankt immer wieder mit dem Oberkörper hin und her, zittert - die ganze Zeit steht er vor dem Haus, bei gerade mal vier Grad und leichtem Wind ist er nur mit T-Shirt und einem dünnen Baumwollpulli bekleidet. Wie betrunken Robert war, wollten die Beamten dennoch nicht erkannt haben – sie nehmen ihn jedenfalls nicht ernst: "Ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten", sagt Polizei-Oberkommissar M., und auf seinen Kollegen weisend, "Das ist Micky Maus". Robert lacht.

Schließlich erteilen die beiden Polizisten Robert einen sogenannten "Platzverweis": Er soll sich entfernen und nicht mehr zu dem Haus zurückkehren. Das tut Robert zunächst auch, und geht wieder Richtung Diskothek. Allerdings trauen die Polizisten Robert nicht, zu Recht. Sie sehen, wie Robert wieder an dem Haus entlang geht, gleichzeitig mit dem Handy telefoniert und plötzlich über eine quer über den Weg gespannte Kette stolpert. Robert schlägt der Länge nach hin, steht aber sofort wieder auf, und will weiterlaufen, ohne auch nur den Staub abzuklopfen oder auf Verletzungen zu achten.

Was im folgenden genau geschah, wird vermutlich nie ganz geklärt werden. Die Beamten jedenfalls sagten später aus, sie hätten Robert nun zum Ausnüchtern auf ihre Dienststelle nach Ratzeburg bringen wollen. Tatsächlich aber fahren sie in die entgegen gesetzte Richtung, gen Lübeck. In ihrem Wagen habe sich Robert plötzlich ganz kontrolliert verhalten, so die beiden Polizisten: Er habe sich von sich aus angeschnallt, seinen Personalausweis vorgezeigt, auch seine neue Adresse angegeben. Also hätten sie sich entschlossen, ihn auf Lübecker Stadtgebiet zu bringen, um einerseits den ausgesprochenen Platzverweis durchzusetzen, andererseits einen Störer los zu sein.



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