Überfall auf dem Bahnsteig: Jugendliche schlagen Polizisten zusammen

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Attacke in einem Bahnhof: Ein 16-Jähriger und ein 21-Jähriger sollen im niederrheinischen Wesel einen Bundespolizisten zusammengeschlagen haben. Der Beamte in Zivil hatte nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen einen der Täter zuvor auf das Rauchverbot in Zügen aufmerksam gemacht.

Bundespolizisten in Berlin: Beleidigungen im Regionalexpress Zur Großansicht
REUTERS

Bundespolizisten in Berlin: Beleidigungen im Regionalexpress

Hamburg - Der Übergriff erschien wie ein höhnischer Kommentar auf die großen Worte. Es war gerade einmal eine Woche her, dass der oberste Bundespolizist in einem internen Schreiben die Notwendigkeit einer verbesserten Polizeipräsenz auf Bahnhöfen gefordert hatte, als einer seiner Beamten von zwei jungen Männern verprügelt wurde - in einem Bahnhof.

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen sprach der Polizeioberkommissar Carsten S., 30, am Abend des 30. März, es war gegen 22 Uhr, in einem Regionalexpress von Duisburg nach Emmerich eine Gruppe Jugendliche an. Der Beamte der Bundespolizeiinspektion Düsseldorf befand sich auf dem Heimweg und war in Zivil unterwegs, als er die jungen Leute darauf aufmerksam machte, dass in Zügen nicht geraucht werden dürfe. Daraufhin soll S., der sich den Teenagern gegenüber ausgewiesen hatte, massiv beleidigt worden sein ("Fick die Bullen!").

Auf dem Bahnhof von Wesel (Niederrhein) folgte dann die Attacke. Muhammed A., 16, der mit Carsten S. bereits im Zug aneinandergeraten war, und Cantekin E., 21, traktierten den Polizeioberkommissar ersten Ermittlungen zufolge mit Schlägen und Tritten, bis dieser zusammenbrach.

Auf seine flehentlichen Rufe, dass er Polizist sei und Hilfe brauche, habe zunächst keiner der Umstehenden reagiert, sagte ein Augenzeuge SPIEGEL ONLINE. Schließlich erbarmte sich doch einer und half den einige Zeit später herbeigeeilten Beamten bei der Festnahme der Angreifer, wie ein Sprecher der Kreispolizeibehörde Wesel mitteilte.

Schwere Verletzungen an Kopf und Unterleib

Bei den Tätern, die Carsten S. nach internen Informationen der Bundespolizei schwere Verletzungen an Kopf, Unterleib und einer Hand zufügten, soll es sich um zwei der Justiz bestens bekannte Schläger handeln. Gegen Cantekin E. wurde bereits mehrfach wegen gefährlicher und schwerer Körperverletzung, Bedrohung und Raubes ermittelt. Sein Kompagnon Muhammed A. gilt als Intensivstraftäter.

Trotzdem hatten weder die Polizei Wesel, die in der Angelegenheit ermittelt, noch die Bundespolizei die Attacke auf den Polizisten S. seinerzeit öffentlich gemacht. Ein Weseler Behördensprecher sagte SPIEGEL ONLINE nun auf Nachfrage, man habe den Vorfall damals nicht für wichtig genug gehalten. Angriffe auf Polizisten kämen inzwischen sehr häufig vor.

Vielleicht fürchteten die Beamten aber auch eine neuerliche Debatte über die generelle Sicherheit in Bus und Bahn. Schließlich hatte Bundespolizeipräsident Matthias Seeger schon am 22. März in einem internen Brief die Notwendigkeit zu vermitteln versucht, künftig auf Regional- und Fernbahnhöfen präsenter zu sein: Demnach sollen seine Leute 66 Prozent ihrer Dienstzeit auf Streife verbringen.

Wenig schmeichelhafter Bericht

Hintergrund des Rundschreibens war nach SPIEGEL-Informationen ein für die Bundespolizei wenig schmeichelhafter Bericht des Bundesrechnungshofs. Darin hatten die Prüfer festgestellt, dass bei mehr als einem Viertel der 121 Reviere zu wenig Beamte im Einsatz seien, um die Wachen zu besetzen und gleichzeitig regelmäßig Streife zu gehen.

Die Bundespolizei, die auf Bahnhöfen für die Sicherheit verantwortlich ist, müsse daher besser organisiert werden. Neben Personal mangele es an Leitlinien und an Konzepten für den Bahneinsatz, so die Rechnungsprüfer.

Und damit nicht genug: Unter den Bundespolizisten herrscht zudem eine "besorgniserregend hohe Burnout-Rate". Zu diesem Ergebnis kommt nach Informationen des SPIEGEL eine Studie des Innenministeriums. Zwischen der ersten Untersuchung 2006 und einer zweiten 2008 stieg die Zahl der betroffenen Bundespolizisten von 15 auf rund 25 Prozent. Unter Landespolizisten liegt die Burnout-Rate dagegen nur bei zehn Prozent.

Sicherheitsoffensive der Bahn

Die Bahn hatte Mitte März eine Sicherheitsoffensive angekündigt. So soll unter anderem das bahneigene Sicherheitspersonal in den Ballungsräumen um 150 Mitarbeiter aufgestockt und die Videoüberwachung der Bahnhöfe verbessert werden. Das positive Signal der Bahn, so heißt es nun in dem Schreiben des Bundespolizeipräsidenten an die Direktionen, könne auch "Fragen zur Präsenz der Bundespolizei aufwerfen", die Seeger umgehend verbessern will.

Nach Angaben eines Augenzeugen brauchten die alarmierten Bundespolizisten, die wohl aus Duisburg, Kleve oder Oberhausen anrücken mussten, immerhin geschlagene anderthalb Stunden, um ihrem in Wesel angegriffenen Kollegen Carsten S. zu Hilfe zu eilen. Die Kollegen der Kreispolizeibehörde waren schneller - und schon nach zehn Minuten vor Ort.

Die mutmaßlichen Schläger befinden sich inzwischen wieder auf freiem Fuß.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 423 Beiträge
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1. Wundern wir uns noch, wenn wir lesen
diefreiheitdermeinung 20.04.2010
...Die mutmaßlichen Schläger befinden sich inzwischen wieder auf freiem Fuß". Wie schon vorher und wie anscheinend bei Intensivstraftaetern ueblich. Kein Wunder, dass bei der Polizei eine hohe burn-out Quote feststellbar ist. Was wollen wir eigentlich ? Die Menschen weg vom Individualverkehr in die U-Bahnen und Busse bringen und dann Kriminellen aussetzen, deren Vorgehen von einer anscheindend verweichlichten Justiz auch noch encouragiert wird ? Also, ich bleib bei meinem Auto. Uebrigens: in New York wurde in den 60er und 70ern die U-Bahn ebenfalls zu einer no-go Zone bis dann endlich ein neuer Buergermeister mit Zaehigkeit durchgreifen liess. Zeit fuer Deutschland endlich Ernst zu machen.
2. Spratzel....
archie, 20.04.2010
Wie wärs mit einer angemessenen Bewaffnung der Polizisten? z.B. Taser? Gegen die immer zahlreicher werdeneden Angriffe müssen sich die Polizisten besser ausrüsten. Anscheinend ist aber die körperliche Unversehrtheit der Täter wichtiger, als gesundheit und Leben der Opfer.
3. Hmmmm ...
Hipster 20.04.2010
Das Einzige, was ich zu diesem traurigen Vorfall sagen kann und was nicht sofort gelöscht würde, ist: ich wünsche dem Beamten gute Genesung und daß keine Schäden zurückbleiben!
4. Ach Gottchen...
VPolitologeV, 20.04.2010
Zitat von sysopAttacke in einem Bahnhof: Ein 16-Jähriger und ein 21-Jähriger sollen im niederrheinischen Wesel einen Bundespolizisten zusammengeschlagen haben. Der Beamte in Zivil hatte nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen einen der Täter zuvor auf das Rauchverbot in Zügen aufmerksam gemacht. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,689871,00.html
Aus dem Artikel: "Die mutmaßlichen Schläger befinden sich inzwischen wieder auf freiem Fuß." Auch wenn mir der Ton des Artikels nicht gefällt - zu sehr klischeehafte Bauch-Rednerei unserer Mitmenschen von rechten Tellerrand (Da, wo es sehr flach wird): Kann man diese mutmaßlichen Schläger nicht bis zur Verhandlung einlochen?
5. Tragisch
Panasonic, 20.04.2010
Dem Polizisten wünsche ich alles Gute. Cantekin und Muhammed, Intensivtäter. Wie kann es eigentlich sein, dass eine ganz konkret bestimmbare Minderheit (männliche islamische Migranten und deren Kinder) für die Mehrzahl der Gewaltstraftaten auf Straßen und Bahnhöfen verantwortlich ist, ohne dass dieses Problem endlich mal so diskutiert wird, dass eine Lösung gefunden werden kann? Warum machen wir uns eigentlich noch immer über die Mahner wie PI etc. lustig? Weil sie manchmal leicht vertrottelt auftreten und wenig professionell wirken? Inhaltlich kann man denen doch langsam nicht mehr widersprechen! Wer rational denken kann und seine rosarote Brille mal abnimmt, der muss doch eigentlich zwangsläuzfig erkennen: Hier läuft etwas gewaltig schief! Geht denken, ich tue es auch langsam, als ehemaliger grüner Sozi.
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