Überlingen-Prozess Skyguide-Mitarbeiter wegen fahrlässiger Tötung verurteilt

Ein Gericht hat vier Mitarbeiter der Schweizer Flugsicherung Skyguide wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Bei der Kollision eines Frachtflugzeugs mit einem Passagierjet waren vor fünf Jahren 71 Menschen gestorben. Drei Angeklagte erhielten Bewährungsstrafen, der vierte eine Geldstrafe.


Bülach - Das Bezirksgericht im schweizerischen Bülach befand vier der acht Angeklagten heute der fahrlässigen Tötung für schuldig. Drei Skyguide-Angestellte der Führungsebene erhielten Freiheitsstrafen von zwölf Monaten mit zwei Jahren Bewährung. Ein Projektleiter erhielt eine Geldstrafe von 90 Tagsätzen zu 150 Franken (umgerechnet 91 Euro). Alle vier Verurteilten tragen die Gerichtskosten und müssen außerdem den anwaltschaftlich vertretenen Geschädigten eine Entschädigung zahlen, deren Höhe noch nicht feststeht.

Die vier übrigen Angeklagten wurden freigesprochen. Dabei handelt es sich um einen Systemplanungsexperten, zwei Mitarbeiter im Spätdienst sowie einen Fluglotsen, der zum Unglückszeitpunkt in der Pause war. Damit urteilte das Gericht milder als von der Staatsanwaltschaft beantragt. Sie hatte Haftstrafen von sechs bis 15 Monaten auf Bewährung gefordert. Staatsanwalt Bernhard Hecht bezeichnete die Katastrophe als eine Kettenreaktion von Pflichtverletzungen und informellen Versäumnissen. Alle Angeklagten beteuerten ihre Unschuld und belasteten in ihren Aussagen den in der Unglücksnacht alleine arbeitende Fluglotsen. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch.

Bei der Kollision eines Passagierflugzeugs der Bashkirian Airline mit einer DHL-Frachtmaschine am 1. Juli 2002 kamen 71 Menschen ums Leben, darunter 49 Kinder und Jugendliche. Skyguide kontrolliert auch den Luftraum im Bodenseegebiet.

Zur Zeit des Unglücks hatte in Zürich nur ein Fluglotse Dienst getan, während ein zweiter Pause machte. Zugleich fanden an den technischen Anlagen Wartungsarbeiten statt. Der Fluglotse, der zum Zeitpunkt des Unglücks am Radarschirm saß, war im Februar 2004 von einem Russen erstochen worden, der bei dem Absturz seine Familie verloren hatte.

Der Vorsitzende Richter Rainer Hohler nannte das Unglück eine "unfassbare Tragödie". Dennoch habe das Gericht sachlich urteilen müssen. Es sei um persönliche Verantwortung der Angeklagten gegangen. Nicht das Unternehmen Skyguide habe vor Gericht gestanden.

Skyguide-Chef Francis Schubert hatte im Mai die Verantwortung des gesamten Unternehmens für das Unglück eingestanden und erklärt: "Die Firma ist ein System, das in der Nacht des 1. Juli 2002 nicht so funktioniert hat, wie es sollte."

Die Staatsanwaltschaft hatte den Leitenden Skyguide-Mitarbeitern vorgeworfen, die Gewohnheit geduldet zu haben, dass nachts oft nur ein einziger Lotse an den Radarschirmen saß. Zudem seien die Lotsen nur unzureichend über Wartungsarbeiten informiert gewesen, die zum Zeitpunkt des Unglücks im Gange waren.

ffr/dpa/AP/Reuters/AFP



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