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Millionenbetrüger Ulrich Engler: Zwei Monate Haft für 74 Millionen Dollar Schaden

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Millionenbetrüger: Zwei Monate Haft für 74 Millionen Dollar Schaden Fotos
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Ulrich Engler war einer der abgebrühtesten Anlagebetrüger Europas, scheffelte Millionen und kam in Deutschland mit einer günstigeren Strafe davon als von ihm befürchtet. Nun hat auch die Schweizer Bundesanwaltschaft einen Strafbefehl erlassen wegen 74 Millionen Dollar Schaden: zwei Monate Haft.

Er besaß einmal fast 200 Millionen Dollar auf der Bank, hortete um die tausend Gemälde und Kunstobjekte in einer Lagerhalle und parkte Porsche, Ferrari und Rolls-Royce vor seiner prunkvollen Villa. Ulrich Engler hatte Glück, jahrelang flog sein Anlagebetrug im großen Stil nicht auf, er genoss ein Leben in Saus und Braus.

Geblieben ist ihm das Glück. Durch sein Geständnis und einen Deal mit dem Landgericht Mannheim erhielt er eine geringere Strafe als befürchtet: acht Jahre und sechs Monate Gefängnis.

Nun lässt auch die Schweizer Justiz Milde walten: Nach Angaben der Bundesanwaltschaft in Zürich hat Engler 1467 Anleger geprellt und um 74 Millionen Dollar betrogen. Wegen gewerbsmäßigen Betrugs soll er nun zwei Monate Haft verbüßen.

Verstößt das Urteil gegen das Doppelbestrafungsverbot?

Engler, einer der abgebrühtesten Hochstapler Europas, einst international mit Haftbefehl gesucht, hat in mehrstündigen Vernehmungen mit den Schweizer Behörden die Vorwürfe eingeräumt. René Eichenberger, Staatsanwalt des Bundes in Zürich, war dafür in die Justizvollzugsanstalt Mannheim gereist, dort sitzt Engler seine Strafe ab.

Die zusätzlichen zwei Monate soll Engler in Deutschland verbüßen, so steht es in dem 143-seitigen Strafbefehl. "Wir sind recht zufrieden mit der Entscheidung", sagt Englers Anwalt Steffen Lindberg. Dennoch will er prüfen, ob die Entscheidung der Schweizer Bundesanwaltschaft nicht gegen das Doppelbestrafungsverbot verstößt. "Es kann gut sein, dass die zwei Monate gestrichen werden müssen."

Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE bemühte sich die Schweizer Bundesanwaltschaft um Schadensbegrenzung. Es handele sich um eine sogenannte Zusatzstrafe gemäß Artikel 49 Absatz 2 des Schweizerischen Strafgesetzbuches, so Jeannette Balmer von der Bundesanwaltschaft. Abgeurteilt wurde laut Strafbefehl ein Komplex, der im Urteil des Landgerichts Mannheim bislang fehlte.

Engler hatte von den USA aus ein gewaltiges Schneeballsystem mit fingierten US-Aktiengeschäften betrieben, Anlegern vorgegaukelt, durch Daytrading-Geschäfte an der US-Börse hohe Gewinne erzielen zu können, und ihnen Renditen von bis zu 72 Prozent im Jahr versprochen. Tatsächlich besaß er lediglich ein Computerprogramm, mit dem er Aktienkurse analysieren konnte.

Aus Ulrich wurde Richie

Die Interessenten liefen ihm die Tür ein. Das Landgericht Mannheim ging von etwa 1300 Anlegern aus, die Engler um insgesamt 37 Millionen Dollar betrogen hat. Mehr konnte ihm das Gericht nicht nachweisen, die tatsächliche Zahl der Geschädigten soll nach Schätzungen bei 3000 bis 6000 liegen.

Einen kleinen Teil zahlte er den Anlegern jeden Monat zurück - insgesamt 3,8 Millionen Dollar - als angeblichen Gewinn. So lange neue Kunden kamen, funktionierte das System. Die Anleger hielten Engler für ein Genie, folgten ihm, weil er vorlebte, was sie ersehnten: Reichtum, Status, Unbeschwertheit. Aus "dem Ulrich aus Andelfingen" wurde "Richie", inklusive vergoldeten Wasserhähnen im Bad und Diamanten, Rubinen und Kunstwerken aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Das Landgericht Mannheim verurteilte Engler zu acht Jahren und sechs Monaten Gefängnis. Doch die Zeit hinter Gittern wird wohl deutlich kürzer ausfallen: Engler ist Erstverbüßer. Das Strafgesetzbuch sieht vor, dass nach Verbüßung von zwei Dritteln einer Freiheitstrafe das restliche Drittel zur Bewährung ausgesetzt werden kann: Die Nettostrafe beträgt dann im Fall Engler also fünf Jahre und acht Monate. Zusätzlich werden Auslieferungs- und Untersuchungshaft (zehn Monate) voll anerkannt. Als wahrscheinlich gilt zudem, dass Engler die letzten Monate Haft im offenen Vollzug verbüßen wird.

"Es wird wohl noch zwei bis drei Jahre dauern, bis Gelder an die geprellten Anleger zurückgeführt werden können", vermutet Englers Anwalt Lindberg.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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1. jaja, der offne
sitiwati 11.07.2014
Strafvollzug, morgens um 6Uhr steht der dicke Benz mit Fahrer vor der Türe, der ihn, den Freigänger, um 22 Uhr wieder zurückbringt, sowas nennt man Strafe -toll!
2. Überarbeiten
Leser161 11.07.2014
Ich finde man müsste unsere Gesetze mal überarbeiten. Es ist immer nur wichtig was man gemacht hat und und wie man dabei vorgegangen ist. Geklaut ist geklaut, egal wieviel, verschärfend kommt hinzu, wenn man jemanden verletzt hat. Das ist irgendwie mittelalterlich. Da konnte man halt nur begrenzt klauen, daher war die Schadenssumme nicht so wichtig. Heutzutage hingegen finde ich sollte man die Schadenssumme beachten. Jemand der viele Leute um insgesamt Millionen erleichtert sollte nicht günstiger wegkommen als irgendein Bankräuber der mit einer Pistolenattrappe die örtliche Sparkasse um ein paar Tausender erleichtert.
3. Lächerlich
friehelmdampf 11.07.2014
Die Justiz versagt immer häufiger kein Wunder das jeder macht was er will. Denn die zu erwartenden Strafen sind im Grunde ein besserer Witz.
4. Stimmungsmache
realist29 11.07.2014
In der Überschrift wird suggeriert, dass der Täter nur zwei Monate ins Gefängnis muss. Da kocht die Volksseele. Erst am Ende des Artikels wird erwähnt, dass er 8,5 Jahre ins Gefängnis muss. Das ist Qualitätsjournalismus par excellence.
5.
bloub 11.07.2014
Zitat von realist29In der Überschrift wird suggeriert, dass der Täter nur zwei Monate ins Gefängnis muss. Da kocht die Volksseele. Erst am Ende des Artikels wird erwähnt, dass er 8,5 Jahre ins Gefängnis muss. Das ist Qualitätsjournalismus par excellence.
wenn man den text zuende liest, wird einen klar, das die überschrift stimmt. oder haben sie einfach nur überlesen, das die 2 monate und 74 millionen schaden aus einem separaten schweizer strafverfahren stammen? übrigens scheint die schweiz ein wirklich miserables rechtsverständnis zu haben.
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