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Umstrittene Erziehungsmaßnahme: Hessen schickt kriminellen Jugendlichen nach Sibirien

Die Toilette im Garten musste er sich selber bauen, das Holz zum Heizen selber hacken, auf fließendes Wasser muss er ganz verzichten: Das Jugendamt des Landkreises Gießen hat einen gewalttätigen Jugendlichen in ein Erziehungscamp nach Sibirien geschickt - für neun Monate.

Hamburg - Der immer wieder als besonders gewalttätig aufgefallene 16-Jährige soll ein Dreivierteljahr unter extremen Bedingungen leben. Laut einem Bericht des Hessischen Rundfunks handelt es sich um eine 1:1-Maßnahme: Der Schüler steht während der Zeit im Erziehungscamp unter der ständigen Aufsicht eines Betreuers.

Der Jugend- und Sozialdezernent des Landkreises Gießen, Stefan Becker, sagte der "Süddeutschen Zeitung", die Verhältnisse vor Ort entsprächen "etwa dem Stand wie bei uns vor 30 oder 40 Jahren". Ziel der Maßnahme sei, dem jungen Kriminellen einer "möglichst reiz- und konsumarmen Umgebung auszusetzen".

Zuvor hätten mehrere Psychologen den Schritt als geeignet für den Jungen eingeschätzt. Der Jugendliche soll für insgesamt neun Monate in Sibirien bleiben. Die Hälfte der Zeit sei vorbei, sagte Becker. "Das ist keine Art der Sanktionierung, sondern eine erlebnispädagogische Maßnahme", so der Dezernent in der "Süddeutschen Zeitung". Es handle sich aber um einen Einzelfall.

"Der einzige Weg"

Laut "Bild"-Zeitung lebt der Schüler, der in einem Heim und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie mehrfach seine Betreuer angegriffen hat, in dem sibirischen 5000-Einwohner-Dorf Sedelnikowo hinter dem Ural. Die Unterbringung in dem Heim koste rund 150 Euro täglich und damit nur ein Drittel dessen, was eine Unterbringung in einem geschlossenen Heim in Deutschland koste.

Laut Becker war die Unterbringung in Sibirien für den Schüler "die Ultima Ratio, der einzige Weg". Die "Gießener Zeitung" zitiert den Jugendamtsleiter Peter Heidt mit den Worten: "Er war nirgends zu halten".

Die Unterbringung von Jugendlichen in Erziehungscamps außerhalb Europas ist nicht unumstritten. 2004 tötete ein 14-Jähriger bei einem Aufenthalt in Griechenland seinen Betreuer. Vor zwei Jahren verschwand ein 17-Jähriger bei einer solchen Maßnahme für mehrere Wochen in Kirgisien.

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch, CDU, hat in den vergangenen Wochen wiederholt härtere Strafen für kriminelle Jugendliche gefordert. Unter anderem plant Koch längere Haftstrafen, Erziehungscamps und eine strafrechtliche Verfolgung schon unter 14-Jähriger.

han

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