Undercover bei den Hells Angels: Der Höllentrip

Von

"Sie sind die Großmeister der Gewalt": Dem US-Polizisten Jay Dobyns gelang das eigentlich Unmögliche. Als Verdeckter Ermittler schlich er sich bei den Hells Angels ein und lebte fast zwei Jahre lang mit ihnen. Jetzt muss er die Rache der Rocker fürchten - sein Haus brannte bereits ab.

Phoenix - Der Mann lag im Staub, mit dem Gesicht nach unten, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Sein Hinterkopf war nur noch eine blutige Masse. Er trug eine schwarze Kutte mit einem Motorrad darauf, "Mongols California" konnte man lesen, die Buchstaben leuchteten orange. Der Mann war ein Rocker, ein harter Kerl, ein Gesetzloser, und jetzt sah es ganz danach aus, als sei er mausetot.

Das Bild des Erschossenen machte die Runde, die Hells Angels reichten es weiter, von Mann zu Mann. Sie hatten sich zusammen in diesen stickigen Wohnwagen gedrängt, sechs tätowierte Muskelpakete aus Arizona, als plötzlich der, den alle nur "Bird" nannten, in den viel zu kleinen Raum röhrte: "Dieser Mongol war ein Bastard und starb wie ein Bastard, und das hat er uns zu verdanken."

Und Teddy, grauer Walrossbart, zerschlagene Nase, massige Gestalt, wandte sich an "Bird" und dessen Kumpel Timmy und sagte: "Manchmal muss ein Hells Angel kämpfen und töten. Ich gratuliere euch, Brüder. Ihr seid jetzt Hells Angels." Das war der Anfang vom Ende der Operation "Black Biscuit" - und für den, den sie "Bird" nannten, war es auch die Erlösung.

21 Monate lang hatte Jay Anthony Dobyns vorgegeben, "Bird" zu sein, also ein gewalttätiger Schuldeneintreiber, Waffenhändler und Auftragskiller. Der Verdeckte Ermittler des amerikanischen Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives (ATF) lebte am Ende ein Leben, das nicht mehr ihm gehörte - und das er in seinem nun auf Deutsch erscheinenden Buch "Falscher Engel" eindrucksvoll beschreibt.

Dobyns war so gut und so erfolgreich wie kein anderer Beamter vor ihm. Als wohl einzigem Polizisten weltweit gelang es dem ehemaligen College-Footballspieler, tief in die abgeschottete Welt der Hells Angels vorzudringen. Und spätestens nachdem er einen Mord an einem Rocker der rivalisierenden "Mongols" mit viel Theaterblut erst fingiert und dann fotografiert hatte, betrachteten ihn die "Höllengel" als einen der ihren. Natürlich bestreiten die Angels diese Schmach inzwischen heftig.

"Jesus hasst Schlappschwänze"

Ein von der Regierung ausgebildetes "Raubtier" nannte einmal ein Strafverteidiger den Undercover-Agenten Dobyns, der nach seiner Sportlerkarriere nur noch im Extremen existieren konnte. Er war "süchtig nach Adrenalin", wie er SPIEGEL ONLINE sagte, und verrückt danach, sich fortwährend mit den Stärksten, Gemeinsten und Gefährlichsten zu messen: Wer ist der Härteste im ganzen Land?

Als 26-Jähriger stand Dobyns keine Woche in den Diensten des ATF, da schoss ihn ein gesuchter Junkie nieder, aus nächster Nähe, direkt zwischen die Schulterblätter. Der Agent rang mit dem Tod, besiegte ihn knapp und wollte, kaum dass er genesen war, nur noch eines: sofort zurück auf die Straße.

"Um erschossen zu werden?", fragte seine Frau.

"Nein, um diesen Kerlen gegenüberzutreten. Mann gegen Mann", sagte Dobyns.

Kurze Zeit später waren die Eheleute geschieden. Kompromisse konnte Jay Dobyns noch nie leiden: "Jesus hasst Schlappschwänze", glaubt er.

Als "Bird", der die Hells Angels infiltrieren sollte, trieb sich Dobyns herum im staubigen Südwesten der USA, fuhr mal hierhin, mal dorthin auf seiner Harley. Er trank viel Bier, tat gefährlich und machte kleine Deals mit den Schlägern, Rockern und Drogensüchtigen, die ihn umgaben. Irgendwann trauten ihm sogar die Angels.

"Ich wusste nicht mehr, wer ich war"

"Bird" hatte sich einen Ziegenbart wachsen lassen, der ihm bis auf die Brust reichte. Seine Arme waren tätowiert, von den Handgelenken bis zu den Schultern, und in seinem Hosenbund steckten stets zwei geladene Pistolen.

Das Zuhause mit seiner zweiten Frau und den beiden Kindern, ein schönes, helles, sehr amerikanisches Anwesen mit Swimmingpool und großem Garten, hatte Dobyns für seine Jagd auf die Angels verlassen müssen. Schließlich schlich er sich auch immer seltener zu Besuchen heim.

Nach den vielen Monaten als "Bird", ständig umgeben von kaputten Typen, die einander sogar ihre minderjährigen Töchter anboten, konnte der Beamte die heile Vorstadtwelt nicht mehr ertragen: "Ich wusste nicht mehr, wer ich war. (...) Eine Mischung aus Freude, Gleichgültigkeit und Hass verzehrte mich", so Dobyns.

Selbst die offenkundigen Absurditäten des Rocker-Universums übten eine größere Faszination auf den Ermittler aus als sämtliche Grillabende der Nachbarschaft: Die Hells Angels "sind Nonkonformisten, sehen aber alle gleich aus. Sie sind eine Geheimgesellschaft, aber auch schillernde Exhibitionisten. Sie pfeifen auf die Gesetze, halten sich aber an strenge Regeln. Ihr Name und ihr Totenkopf-Logo symbolisieren Freiheit, sind aber eingetragene Warenzeichen", schreibt Dobyns.

Belohnt würden die Kerle, die ihr Leben dem Club verschrieben hätten, nicht nur mit farbigen Aufnähern für ihre schwarzen Lederwesten, sondern mit einer Währung, für die manche Männer besonders empfänglich seien: Macht.

"Sie waren Typen, die ohne Totenkopf auf dem Rücken abgehalfterte Herumtreiber gewesen wären, die allein am Ende der Theke sitzen und Vierteldollarmünzen zählen, um zu prüfen, ob sie sich noch eine Dose Budweiser leisten können", heißt es in Dobyns Buch. "Stattdessen erhielten sie die Drinks umsonst, und die Frauen standen bei ihnen Schlange. (...) Man behandelte sie wie Könige."

Auf der Abschussliste der Hells Angels

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE charakterisiert Dobyns die Hells Angels als "Großmeister der Gewalt und Einschüchterung". Sie seien paranoid, geldgierig, selbstsüchtig, aggressiv und vollkommen rücksichtslos, sagt er. So sei im Clubhaus der Rocker in Mesa, Arizona, im Oktober 2001 eine 40 Jahre alte Mutter zweier Kinder nur deshalb getötet worden, weil sie sich - betrunken wie sie war - über einige der Männer lustig gemacht habe.

Inzwischen steht Dobyns, 48, selbst auf der Abschussliste der Hells Angels. Er sei 16-mal umgezogen in vier Jahren und noch immer erreichten ihn die Morddrohungen der Rocker, sagt er. Sie hätten unter anderem angekündigt, ihn mit Aids zu infizieren, die beiden Kinder zu entführen und seine Frau zu vergewaltigen.

Vergangenes Jahr ist das Haus der Dobyns abgebrannt, es war Brandstiftung, nur durch Zufall überlebte die Familie.

Der ehemalige Verdeckte Ermittler, der inzwischen als Ballistiker beim ATF arbeitet, fühlt sich von seinem Dienstherren im Kampf gegen die Hells Angels alleine gelassen. Er habe keinen Personenschutz bekommen und auch den Bitten, seine Daten aus sämtlichen offiziellen Verzeichnissen zu entfernen, damit er nicht mehr aufgespürt werden könne, sei nicht entsprochen worden. Jetzt liegt Dobyns auch noch mit dem Staat im Clinch - es geht um vier Millionen Dollar Schadenersatz, die er für sein Leben in ständiger Todesangst haben will.

"Ich weiß nicht, was in den nächsten fünf Minuten meines Lebens passieren wird", so Dobyns, "aber ich werde vor den Hells Angels nicht mehr weglaufen." Er habe keine Angst vor den Rockern, er werde sich nicht einschüchtern lassen und auf keinen Fall eine Perücke oder einen falschen Schnurrbart tragen. "Wenn sie kommen, sollten sie besser ein paar Jungs mitbringen", knurrt Dobyns. "Denn dann tragen wir es aus."


Jay Dobyns und Nils Johnson-Shelton: Falscher Engel. Mein Höllentrip als Undercover-Agent bei den Hells Angels. Riva Verlag. München, 2009; 400 Seiten; 19,90 Euro

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 65 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Hirn
abu_kicher 13.10.2009
Der Hirnklumpen auf dem "Beweisfoto" der Hinrichtung sieht ja echt lächerlich aus, sowas von gestellt. Und dann die AUF DIE HAARE aufgeklebte Kopfwunde... Also wenn das das Originalfoto sein soll, sind die Hells Angels wirklich ziemlich dämlich.
2. Verräter!
touri 13.10.2009
Zitat von sysop...solange in dieser Szene aufhält wird er auch einiges auf dem kerbholz haben müssen um seine Loyalität seinem Charter gegenüber beweisen zu können. Dieser Mann ist der beste Beweis dafür, das die Cops (egal in welchem Land) im Grundgedanken dieselben Grundzüge innehaben wie die, die sie "überführen" sollen. Für mich ist er ein Verräter und sollte auch als solcher behandelt werden.
Soso, jemand der seinen Job macht und Verbrecher überführt, der dabei ständig sein eigenes Leben und das seiner Familie riskiert und das auch noch nach dem eigentlichen Einsatz ist also ein Verräter? Sagen Sie, schämen Sie sich eigentlich nicht?
3. Hab ich was überlesen?
erna_p 13.10.2009
Was genau ist denn der Sinn dieses Undercover-Einsatzes gewesen? Gab es Festnahmen oder anderweitige Ermittlungen? Ich habe jedenfals nicht Neues in diesem Artikel erfahren. Jeder, der Sonny Bargers Buch gelesen hat, weiß wovon ich spreche.
4. Würstchen
hook123 13.10.2009
Es ist sehr traurig, dass das von den Hells Angels geprägte Selbstbild vom harten Rocker leider auch noch in den Köpfen vieler Menschen rumgeistert und ihre Aufzüge in der Öffentlichkeit mit einer Mischung aus Respekt und Bewunderung angesehen werden. Dabei sind die Hells Angels nichts weiter als Vereinigung gewöhnlicher Krimineller die ihre Gewalttätigkeit an Schwächeren, vorzugsweise Frauen die zur Prostitution gezwungen, werden ausläßt. Also im Prinzip ganz arme Würstchen, die hinter Schloß und Riegel gehören.
5. Auf Thema antworten
barlog 13.10.2009
Zitat von sysopFür mich ist er ein Verräter und sollte auch als solcher behandelt werden.
Genau so isses, denn er hat während seiner Zeit bei den "Hells Angels" gewiss viele zivile Gesetze gebrochen und es damit verdient, nach seinem Ausscheiden aus dieser kriminellen Gesellschaft keinen Personenschutz zu erhalten sowie nicht aus öffentlichen Verzeichnissen entfernt zu werden ! Oder meinten sie es anders herum ?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Hells Angels
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 65 Kommentare
Fotostrecke
Rocker in Deutschland: Hart und wenig herzlich

Die großen Rockerclubs
Hells Angels
Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.
Bandidos
Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur Organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.
Outlaws MC
Einer der größten und ältesten Motorradclubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.
Gremium MC
Der letzte große Motorradclub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.