Unfallserie nach Polizeieinsatz: Zugriff am Frankfurter Tor

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Abschleppwagen mit zerstörtem Toyota: Tote nach Polizeieinsatz Zur Großansicht
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Abschleppwagen mit zerstörtem Toyota: Tote nach Polizeieinsatz

Tote und Schwerverletzte bei der Jagd nach Autoschiebern auf der A12: Ein Polizeieinsatz hatte in Brandenburg fatale Folgen. Die Beamten trifft dabei aber wohl keine Schuld - es handelte sich vermutlich um eine Verkettung unglücklicher Umstände.

Frankfurt (Oder) - Die Bilanz der Polizei in Berlin und Brandenburg listet den Fahndungserfolg auf: Fünf Festnahmen, drei sichergestellte Autos. Doch der Einsatzbericht nennt auch die fatalen Folgen: drei Tote, drei Schwerverletzte. Auf der Autobahn A12 nahe der polnischen Grenze hatten die Fahnder am Mittwochabend den Zugriff auf eine Gruppe mutmaßlicher Autoschieber gewagt - und damit eine Folge von Unfällen ausgelöst, bei denen auch Unbeteiligte zu Schaden kamen.

Was zunächst klang wie eine dramatisch aus dem Ruder gelaufene Fahndungsaktion, ist bei nüchterner Betrachtung wohl eher eine Verkettung von Unglücksfällen. Auch die "Verfolgungsjagd", von der in mehreren Medien (darunter auch SPIEGEL ONLINE) die Rede war, habe es nicht gegeben, sagt Dietmar Keck, Sprecher der Brandenburger Polizei.

Ermittler hatten demnach Hinweise erhalten, dass eine Gruppe mutmaßlicher Autoschieber aus Polen am Mittwoch nach Berlin kommen würde, um gestohlene Wagen zu übernehmen und nach Osteuropa zu bringen. Tatsächlich beobachteten die Fahnder mehrere Verdächtige, die in Berlin polnische Kennzeichen an zwei gestohlene Audi A3 schraubten.

Verhalten "äußerst konspirativ"

Weil sich die mutmaßlichen Kriminellen "äußerst konspirativ" verhielten, konnte die Polizei sie in der Hauptstadt nicht festnehmen, sagt Keck: Die Gruppenmitglieder seien nie gleichzeitig am selben Ort gewesen; zudem hätten sie ständig per Handy miteinander Verbindung gehalten. "Hätte man einen abgefischt, wären die anderen gewarnt gewesen." Die Fahnder hätten sich deshalb dazu entschlossen, den Zugriff auf der Strecke nach Polen zu organisieren.

Über Wechselverkehrszeichen wurde laut Keck auf der A12 das Tempo bis auf 60 Stundenkilometer gedrosselt, zudem gab es ein Überholverbot - ein gängiges Verfahren, mit dem die Polizei auch bei geplanten Kontrollen auf Autobahnen in den Verkehr eingreift. Zivilfahrzeuge der Ermittler blieben in der Nähe der beiden Audis und des Renault Laguna, der als sogenanntes Pilotfahrzeug diente - ein unauffälliger Wagen also, den Autoschieberbanden bei solchen Überführungen vorausfahren lassen, um den Rest der Gruppe vor möglichen Polizeikontrollen zu warnen. Kurz vor dem Rastplatz Frankfurter Tor kam es schließlich um 23 Uhr zum Zugriff.

An verschiedenen Stellen stoppten die Fahnder einen der Audis sowie den Renault. Dabei nahmen sie vier Verdächtige fest - eine 21-jährige Frau sowie drei Männer im Alter von 22 bis 36 Jahren. Der Fahrer des zweiten A3 schließlich trat laut Keck abrupt auf die Bremse, als er den Polizeieinsatz bemerkte. Der 38-Jährige sei aus dem Wagen gesprungen und habe versucht, quer über die Autobahn zu flüchten. Dabei wurde er von einem herannahenden Zivilfahrzeug der Polizei angefahren und schwer verletzt.

Per Hubschrauber ins Krankenhaus

Zu dem Folgeunfall, bei dem drei Männer aus Polen getötet wurden, kam es dann laut Polizei erst zwei Stunden später. Durch die Festnahmen, den folgenden Rettungseinsatz und die Bergung der beteiligten Autos hatte sich ein fünf Kilometer langer Stau auf der A12 gebildet, an dessen Ende ein Toyota auf einen Lastwagen mit Anhänger auffuhr. Drei der Insassen starben, ein vierter wurde lebensgefährlich verletzt und per Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht.

Doch damit war die Serie der Unfälle noch nicht zu Ende. Ein weiterer Autofahrer wurde nach Angaben des Brandenburger Innenministeriums schwer verletzt, als sein Wagen am Stauende nicht mehr bremsen konnte - ebenfalls hinter einem Laster. Viereinhalb Stunden blieb die A12 laut "Berliner Morgenpost" insgesamt gesperrt.

Kritik am Verhalten der Polizei will Brandenburgs Innenminister Ralf Holzschuher (SPD) nicht gelten lassen. Die Beamten hätten absolut korrekt gehandelt, sagte er dem Sender RBB. "Dass Verkehrsunfälle - und es war letzten Endes nichts anderes als ein Verkehrsunfall an der Stelle der Festnahme - zu Staus führen, ist ohnehin nicht zu verhindern." Auch der Stau selbst sei ordnungsgemäß abgesichert worden; dies hätten interne Überprüfungen innerhalb des Polizeipräsidiums ergeben.

Gegen die fünf Festgenommenen wurde inzwischen Haftbefehl erlassen. Laut Polizei soll einer der Verdächtigen Drahtzieher der Bande sein; bei den weiteren handele es sich um Kuriere. Auch dem 38-Jährigen, der seit seinem Fluchtversuch im Krankenhaus liegt, soll laut Keck ein Haftbefehl verkündet werden. Er sei nicht lebensgefährlich verletzt, habe aber Knochenbrüche erlitten.

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