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18. Februar 2013, 17:28 Uhr

Rockerclub United Tribuns

"Gonzo" vor Gericht

Von und

Die United Tribuns kommen aus der Türsteherszene und machen den Hells Angels Konkurrenz. Nun steht eines ihrer Mitglieder vor Gericht. Das Verfahren offenbart die Struktur des Rockerclubs, eine große Gewaltbereitschaft - und Hintermänner, die ihre Gefolgsleute aus dem Ausland steuern.

Hamburg - Boki brachte das Böse nach Villingen-Schwenningen. So erzählen es Bewohner der Schwarzwaldstadt. In Jugoslawien ein Box-Champion, in Süddeutschland ein Kriegsflüchtling - zumindest als er 2004 mit seiner Familie hierherkam. Ehrgeizig, erbarmungslos und angeblich kriminell.

Aus dem Nichts, wie seine Bewunderer anerkennend betonen, schuf Boki, der eigentlich Almir Culum heißt, ein kleines Imperium, bestehend aus zwei Bordellen in Villingen-Schwenningen. Er avancierte zum mächtigen Zuhälter. Den Frauen, die sich für ihn prostituierten, ließ er seinen Namen eintätowieren - auf die Hüfte, den Ringfinger, den Nacken, den Po. Für jeden Freier war der Name ihres Besitzers erkennbar. Die Frauen waren etikettiert wie ein Stück Vieh.

Boki krönte sich selbst zum Rotlichtkönig, seinen Reichtum trug er wie eine Monstranz vor sich her: Den roten Ferrari 360 Spider (Kennzeichen: VS - BO für Villingen-Schwenningen und Boki) zahlte er bar, 112.000 Euro, und parkte ihn quer in der Fußgängerzone. Er zelebrierte seine Auftritte: ein muskelbepackter Kraftprotz mit goldener Panzerkette im Wert von 15.000 Euro um den sonnenbankgebräunten Stiernacken. Die Augen klein wie Knöpfe, die dunklen, dichten Haare zur Monchichi-Frisur gestutzt, eine Kreole in jedem Ohr, die Zähne gebleached.

Geweihähnliche Tätowierungen zieren seine Schultern und den Brustkorb, über dem Bauchnabel baumelte ein goldener Kettenanhänger, ein B für Boki, durchweg mit Brillanten besetzt. Am Handgelenk funkelte eine Rolex. Immer in seinem Windschatten: sein Cousin Dado, treuester Begleiter, Freund und Geschäftspartner.

Mit ihm schuf er sich ein zweites Standbein: Er gründete mit Gestalten aus dem Türsteher-, Rotlicht- und Rockermilieu die Gang United Tribuns, die neben den Black Jackets und den Hells Angels in Baden-Württemberg zu den mächtigsten Gruppierungen der Organisierten Kriminalität aufstieg. Die einzelnen Sektionen heißen "Bruderschaft", hierarchisch streng strukturiert, untergliedert in Chapter. Die meisten Mitglieder sind Einwanderer.

"One man, one vote"

In Pforzheim lieferten sich United Tribuns und Hells Angels bereits blutige Auseinandersetzungen, die in einem Verbot der dortigen Höllenengel mündeten. Im November 2010 trafen sich die verfeindeten Banden auf dem Parkplatz des Güterbahnhofs zum Showdown. 15 Hells Angels und sieben Tribuns gingen aufeinander los mit Messern, Machete, Revolver und Pumpgun.

Doch damit war die Fehde keineswegs beendet, im Gegenteil. In der virtuellen Nachbetrachtung der Schlacht bei Facebook reklamierten die United Tribuns nämlich nun dreist den Sieg für sich - und das gegen zahlenmäßig deutlich überlegene und besser bewaffnete Hells Angels. Den Ermittlungen zufolge beschlossen die Engel daraufhin per Abstimmung aller Mitglieder ("One man, one vote"), die Anführer der verhassten Tribuns umzubringen. Sie sammelten Informationen vor allem über die Chefs der Bande und erstellten Steckbriefe mit Anschriften, Mitbewohnern, Autos und Arbeitsstätten. Doch zu Attentaten kam es nicht, der Staat war schneller.

Inzwischen haben die United Tribuns vom Ländle aus ins übrige Bundesgebiet hinein expandiert. Wie aus einem vertraulichen Vermerk der nordrhein-westfälischen Polizei ("VS - Nur für den Dienstgebrauch") hervorgeht, versucht die Gang seit einiger Zeit, in Duisburg Fuß zu fassen. Männer aus der Türkei, dem Libanon und vom Balkan hätten sich zusammengeschlossen und versuchten nun, ihre Schlagkraft zu Geld zu machen, heißt es in dem Papier.

"Es wurde an Veranstalter und Vertreter von Sicherheitsunternehmen mit der Forderung herangetreten", notierte ein Polizeioberrat, "den Security-Dienst zu wechseln bzw. der Gruppierung 'die Tür' zu überlassen." Der Party-Veranstalter erhielt Drohanrufe. Er solle den Sicherheitsdienst den United Tribuns übertragen, sonst würde sein Personal angegriffen. In Polizeikreisen gilt die Erkenntnis, dass derjenige, der die Eingänge von Discotheken und Clubs bewacht, auch entscheidet, welche Drogen dort verkauft werden - und an dem Treiben mitverdient.

Boki zieht von Bosnien die Strippen

Als Anführer der Duisburger Tribuns-Niederlassung trat bislang Ermin K., 37, auf, dessen Bruder Elvir K. den Hells Angels angehört. Nach Erkenntnissen der Ermittler telefonierte der geflüchtete Boki wiederum regelmäßig mit seinen Gefolgsleuten im Ruhrgebiet. Die Beamten gehen daher davon aus, dass die Tribuns auch in NRW ihre Interessen "mit erheblichen körperlichen Auseinandersetzungen unter Einsatz von Schlag- und Stichwerkzeugen" durchsetzen werden, wie es in einem Polizeibericht heißt.

In Baden-Württemberg erlebten vor allem Prostituierte, die für United Tribuns anschafften, eine verhängnisvolle Mischung aus Einschüchterung, Ausbeutung, Gewalt und Psychoterror. Ehemalige Prostituierte sprechen von Foltermaßnahmen wie dem sogenannten "Bäume zählen", einer kindlich verharmlosenden Bezeichnung dafür, dass Frauen in den Wald entführt und dort gegen Bäume geschleudert wurden. Andere Frauen berichten, sie seien von Tribuns-Mitgliedern gefangen gehalten worden. Menschenhandel mitten im Schwarzwald.

Als die Ermittler im Sommer 2009 in einer großangelegten Razzia mit 250 Beamten in 32 Objekten zeitgleich zuschlugen, waren die Cousins Boki und Dado bereits über alle Berge. Seither lebt Boki in Bosnien - trotz Fahndung mit internationalem Haftbefehl. Er lebt dort als freier Mann, trainiert Boxer in seinem eigenen Verein, betreibt ein Hotel - und zieht aus der Ferne die Strippen.

Am Dienstag wird er seine Informanten im Amtsgericht Heilbronn haben, denn dann steht Jorge P., genannt "Gonzo", vor Gericht - wegen versuchten Menschenhandels, Nötigung und unerlaubten Besitzes von Arzneimitteln.

Kontakt zu den Hells Angels gilt als Todsünde

"Gonzo", 37, ein Schrank mit polierter Glatze, war viele Jahre Türsteher in Heidelberg - und United-Tribuns-Präsident der Esslinger "Bruderschaft". Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung fanden Ermittler Doping-Präparate. Den Besitz räumt "Gonzo" ein, doch die anderen beiden Anklagepunkte bestreitet er vehement.

"Bei den Ermittlungen gegen meinen Mandanten wurden erhebliche Fehler gemacht", sagt "Gonzos" Verteidiger Nicolas Frühsorger aus München. "Ich befürchte, dass das Gericht an ihm ein Exempel statuieren will." Tatsächlich ist "Gonzo" nicht vorbestraft.

"Gonzo" bestreitet, eine Frau zur Prostitution gezwungen, ihr mit Prügel gedroht und sie dazu gedrängt zu haben, ein Formular auszufüllen, auf dem sie Auskunft geben sollte zu ihrem Alter, Größe, Gewicht und sexuellen Vorlieben. Ebenso falsch sei, dass er dem Lebensgefährten jener Frau gedroht habe, ihn mit einem Baseballschläger totzuschlagen, als er in dessen Wohnung eine Fahne der United Tribuns entdeckt hatte. "Mein Mandant hat ihm die Fahne abgenommen, um ihn zu warnen", sagt Rechtsanwalt Frühsorger. Der Rest sei erfunden. "Er hat inzwischen selbst die Konsequenzen gezogen und den United Tribuns den breiten Rücken gekehrt."

Das Paar soll engen Kontakt zu den Hells Angels pflegen - eine Todsünde aus Sicht der Tribuns. Nicht ausgeschlossen sei, so "Gonzos" Verteidiger, dass der Mann die Fahne den Höllenengeln übergeben wollte - in der Hoffnung, von ihnen aufgenommen zu werden.

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