Unschuldig Verurteilter: Bozellas letzter Kampf

Wegen eines Mordes, den er nicht begangen hat, saß Dewey Bozella 26 Jahre lang im Gefängnis. Im Knast fing er an zu boxen, träumte von einem Kampf als Profi. 2009 kam Bozella frei. Nun, mit 52 Jahren, hat er sich seinen Wunsch erfüllt.

Dewey Bozella: Vom Knast in den Boxring Fotos
dapd

Los Angeles - Dewey Bozella wollte einmal den großen Auftritt haben, einmal mit seinem Team zum Ring gehen, einmal Boxprofi sein. Am Wochenende in Los Angeles wurde der Wunsch Wirklichkeit. Bozella gab sein Debüt, mit 52 Jahren.

Das wäre schon ungewöhnlich genug. Es erklärt aber nicht, warum Bozella an diesem Abend, als er im Vorkampf für das Titelmatch zwischen Bernard Hopkins und Chad Dawson nur eine Randerscheinung sein sollte, in gewisser Weise dennoch die Hauptfigur war.

Nach vier Runden gewann der Cruisergewichtler seinen Kampf gegen Larry Hopkins einstimmig nach Punkten. Für Bozella war es ein großer Sieg, aber nicht sein größter. Den feierte er am 28. Oktober 2009. Damals verließ er ein Gericht in Poughkeepsie im US-Bundesstaat New York als freier Mann. Bozella hatte 26 Jahre - die Hälfte seines Lebens - unschuldig im Gefängnis verbracht.

Bis zu seiner Freilassung war Bozellas Leben wie ein Alptraum verlaufen. Sein Vater erschlug seine Mutter, als der kleine Dewey neun Jahre alt war. Zwei seiner Brüder wurden in den Straßen Brooklyns ermordet. Bozella wurde zum Kleinkriminellen und zog nach Poughkeepsie.

Träume vom Profikampf

Als er sein Leben endlich in den Griff bekommen zu haben schien, verurteilte ihn 1983 ein Gericht wegen Mordes an einer 92-Jährigen zu lebenslanger Haft - laut dem TV-Sender ABC aufgrund falscher Aussagen zweier Sträflinge, die dafür freikamen. 1990 weigerte sich Bozella, seine Schuld zu bekennen. Hätte er es getan, wäre er freigekommen. So blieb das Urteil bestehen.

Erst 2008 wurde bekannt, dass Ermittler in dem Fall geschlampt hatten. Ein Polizist hatte Bozellas Anwälten entlastende Unterlagen vorenthalten, berichtete die "New York Times" - die Wende in dem Verfahren. Die Zeugen revidierten ihre Aussagen.

Im Gefängnis hatte Bozella angefangen zu boxen, wurde Halbschwergewichtsmeister der Strafanstalt Sing Sing in Ossining, etwa 50 Kilometer von New York entfernt. "Ich lag in meiner Zelle und habe von einem Profikampf geträumt", sagte er. Bozella machte im Gefängnis einen Uni-Abschluss. Der Sport habe ihm die Disziplin und Kraft gegeben, 26 Jahre im Knast durchzuhalten, sagte Bozella der " New York Times".

Bernard Hopkins und die Boxagentur Golden Boy Promotions waren von Bozellas Geschichte so beeindruckt, dass sie ihm den ersehnten Platz in einem Profikampf verschafften. "Dieser Typ ist ein unglaublicher Athlet und ein bemerkenswerter Mann", sagte Hopkins der "New York Times".

"Ich habe das Erlebnis gehabt, das ich wollte"

Auch US-Präsident Barack Obama war von Bozella offenbar so angetan, dass er sich meldete. "Ich habe von Ihrer Geschichte gehört und wollte Ihnen viel Glück in Ihrem ersten Profikampf wünschen", sagte Obama laut dem Sender ESPN in einem Telefonat.

Das Glück hätte Bozella gar nicht gebraucht. Über weite Strecken dominierte er seinen 22 Jahre jüngeren Gegner. Was Bozella an Wendigkeit fehlte, machte er mit Kondition und guter Technik wett. Eine krachende Rechte schickte Larry Hopkins in die Seile und beendete den Kampf. Umgeben von seiner Familie und Freunden nahm Bozella das Urteil der Ringrichter entgegen: 39:36, 38:37, 38:36.

"Ich habe das Erlebnis gehabt, das ich wollte", sagte Bozella. Nun wisse er, wie es sich anfühle, im Ring zu stehen. "Es ist ein unglaubliches Erlebnis." Sein Alptraum hatte vor zwei Jahren ein Ende gefunden. Nun war auch sein Traum wahr geworden.

Bozella will seinen eigenen Boxring aufmachen und sich um Jugendliche kümmern, sie von der Straße holen. "Sie sollen wissen, dass Boxen ihr Leben verändern kann." Der Kampf sei "eine einmalige Sache" gewesen, sagte der 52-Jährige ESPN. Jetzt sei es an der Zeit, sich anderen Dingen zu widmen.

Bozella will sich nicht mehr wehren müssen, im Leben nicht und im Ring: "Keine Kämpfe mehr für mich."

ulz/AP

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