Unterernährtes Baby: Sozialarbeiterin soll Geldstrafe zahlen

Völlig abgemagert war die neun Monate alte Lara Mia tot in der Wohnung ihrer Mutter gefunden worden. Eine Sozialarbeiterin, die die Familie erst wenige Tage zuvor besucht hatte, soll nun eine Geldstrafe zahlen - weil sie ihre Betreungspflicht vernachlässigt hat.

Gedenken an Lara Mia: Schlechte Versorgung bemerkt und nichts unternommen Zur Großansicht
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Gedenken an Lara Mia: Schlechte Versorgung bemerkt und nichts unternommen

Hamburg - Eine Sozialarbeiterin aus Hamburg soll eine Geldstrafe von 2700 Euro bezahlen, weil sie ihre Betreuungspflichten im Fall der neun Monate alten Lara Mia vernachlässigt hat. Ein Amtsgericht der Hansestadt stellte am Montag einen entsprechenden Strafbefehl wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Körperverletzung durch Unterlassen gegen die 59-Jährige aus. Sie soll nichts unternommen haben, obwohl sie die schlechte Versorgung des Babys bemerkte, hieß es in der Anklage.

Die kleine Lara Mia war im März 2009 stark abgemagert tot in der Wohnung ihrer Mutter gefunden worden. Die Sozialarbeiterin hatte die Familie nur wenige Tage zuvor besucht, aus bisher ungeklärten Gründen aber gegenüber dem für die Betreuung zuständigen Jugendamt erklärt, dem Kind gehe es gut. Lara Mia wog nur 4,8 Kilogramm - halb so viel wie es für ein Kind in dem Alter üblich ist.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hatte die Sozialarbeiterin die dramatische Gewichtsabnahme des Mädchens zwar bemerkt, "aber nicht die erforderlichen Maßnahmen gegen die das Leben des Kindes gefährdende Mangelernährung ergriffen".

Die Frau erschien krankheitsbedingt nicht zu dem Prozess. Nach Aussage ihres Anwalts ist sie seit dem Tod des Mädchens wegen "akuter Belastungssymptome" krankgeschrieben. Der Verteidiger erklärte, die Frau müsse sich ein Leben lang mit ihrem Fehler auseinandersetzen. Seit dem Tod des Kindes gehe es ihr sehr schlecht. Der Anwalt ließ offen, ob die 59-Jährige den Strafbefehl annehmen wird.

Sollte sie gegen den Strafbefehl nicht innerhalb von zwei Wochen Einspruch einlegen, tritt dieser in Kraft. Rechtlich ist ein Strafbefehl dann gleichbedeutend mit einem Urteil. Gerichte können einen Strafbefehl ausstellen, wenn sie eine mündliche Gerichtsverhandlung für unnötig halten und ein Urteil allein auf Aktenbasis gefällt werden kann. Alle Beteiligten müssen dem aber ausdrücklich zustimmen.

Die Deutsche Kinderhilfe kritisierte, dass die Verantwortung der Hamburger Behörden während des kurzen Gerichtstermins nicht zur Sprache kam. Der Vorstandsvorsitzende Georg Ehrmann sprach von einem "weiteren, nicht mehr nachzuvollziehenden Vorgehen eines deutschen Gerichts im Falle einer Kindstötung". Die Sozialarbeiterin werde verurteilt und damit kriminalisiert - die Systemprobleme, die ebenfalls für den Tod von Lara Mia verantwortlich seien, würden nicht geklärt. Damit sei die Chance vertan, "Verantwortlichkeiten zu klären, um für die Zukunft derartige Versäumnisse zu vermeiden," so Ehrmann.

Bewährungsstrafe für die Mutter und ihren Lebensgefährten

Die heute 19-jährige Mutter des Kindes war im Juli verurteilt worden - zu einer zweijährigen Jugendstrafe auf Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung durch Unterlassen und Verletzung der Fürsorgepflicht sowie Misshandlung Schutzbefohlener. Ihr ehemaliger Lebensgefährte wurde vom Hamburger Landgericht zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Gerichtsmediziner konnten in dem Verfahren nicht klären, ob Lara Mia an den Folgen der Unterernährung oder an etwas anderem wie dem plötzlichen Kindstod starb. Deswegen entschied das Gericht, dass es sich nicht um Totschlag, sondern um Körperverletzung handele. Die Staatsanwaltschaft hatte Revision gegen das ihrer Meinung nach zu milde Urteil angekündigt.

hip/dpa/apn/AFP

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