Schmerzensgeldprozess zum Fall Ursula Herrmann Der Gewinner fühlt sich wie ein Verlierer

Ursula Herrmann wurde 1981 entführt und erstickte. Ihr Bruder hat nun einen Schmerzensgeldprozess gegen den verurteilten Entführer gewonnen. Doch Michael Herrmanns starke Zweifel an dessen Schuld bleiben.

DPA/ LKA Bayern

Von , Augsburg


Die Enttäuschung ist Michael Herrmann anzusehen. Einen kurzen Moment verzieht er während des Urteilsspruchs das Gesicht. 7000 Euro Schmerzensgeld hat ihm das Landgericht Augsburg gerade zugesprochen. Doch als Sieger fühle er sich nicht, sagt er kurz nach dem Verlassen des Gerichtssaals. Er habe das Urteil zwar erwartet. "Doch natürlich bin ich damit unzufrieden", sagt der 55-Jährige.

Denn eigentlich hatte sich Herrmann von dem Verfahren vor allem Aufklärung zu der Frage erhofft, wer tatsächlich für die Entführung und den Tod seiner Schwester Ursula verantwortlich ist. "Ich lege keinen Wert auf das Schmerzensgeld", sagt der Realschullehrer und fügt hinzu: "Ich will, dass die Wahrheit ans Licht kommt."

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Entführt und erstickt: Der Fall Ursula Herrmann

Tatsächlich gibt es noch immer viele Fragzeichen in einem der bekanntesten Fälle der deutschen Kriminalgeschichte. Klar ist: Herrmanns Schwester Ursula wurde im September 1981 am Ammersee verschleppt, in eine Holzkiste gesteckt und im Wald vergraben - das zehnjährige Mädchen erstickte. Mehr als dreieinhalb Jahrzehnte nach der Tat fürchtet ihr Bruder, dass möglicherweise seit Jahren der falsche Mann für das Verbrechen büßt.

Nachdem die Ermittlungen jahrzehntelang erfolglos geblieben waren, wurde 2008 ein Verdächtiger aus Schleswig-Holstein verhaftet. Eine Strafkammer des Augsburger Landgerichts verurteilte Werner M. nach einem Indizienprozess 2010 wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge zu einer lebenslangen Haftstrafe. Doch M. beteuert im Gefängnis bis heute seine Unschuld.

Michael Herrmann (r.) mit seinem Anwalt Joachim Feller
Lill

Michael Herrmann (r.) mit seinem Anwalt Joachim Feller

Beim Einreichen der Schmerzensgeldklage im Jahr 2013 sei er mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen, dass Werner M. unschuldig sei, sagt Michael Herrmann: "Aber jetzt habe ich da deutlich größere Zweifel." Die dokumentierte er vor wenigen Tagen in einem offenen Brief, Bilanz seines Weges und Abrechnung mit Ermittlern und Justiz zugleich. "Die Menschen, die den Tod meiner Schwester zu verantworten haben, leben in Freiheit", heißt es in dem Schreiben.

Herrmann macht seine Bedenken an Werner M.s Schuld - oder zumindest aber an der Theorie vom Einzeltäter - an mehreren vom Gericht für die Verurteilung herangezogenen Indizien und Aussagen fest.

Da ist etwa die nebulöse Rolle von Klaus P. Der alkoholkranke Kleinkriminelle sagte einst bei der Polizei aus, er habe auf Geheiß von Werner M. das Loch für die Kiste ausgehoben. Doch noch am selben Tag widerrief Klaus P. sein Geständnis. Zudem gibt es von seiner Aussage keine von P. unterschriebene Abschrift, nur ein Gedächtnisprotokoll eines Ermittlers. Klaus P. starb 1992. Der Schuldspruch gegen Werner M. 2010 stützte sich maßgeblich auch auf P.s Aussage.

Michael Herrmann im Verhandlungsaal
Lill

Michael Herrmann im Verhandlungsaal

Michael Hermann stört sich auch an einem LKA-Gutachten, das bei der Verurteilung von M. eine Rolle spielte. Ursula Herrmanns Entführer hatte von der Familie ein Millionen-Lösegeld gefordert - unter anderem telefonisch. Dabei soll laut Ermittlern auch ein Grundig-Aufnahmegerät eine Rolle gespielt haben. Mit ihm soll als Erkennungszeichen die Verkehrsmelodie des Radiosenders Bayern 3 abgespielt worden sein.

Doch Herrmann hat nach eigenen Angaben selbst einen Tonband-Experten zu Rate gezogen. Für den Bruder des Opfers ist klar, dass die Entführer kein Grundig-Tonbandgerät nutzten.

Fall geht wohl in die nächste Instanz

Dass die Zivilkammer des Landgerichts nun mit ihrem Urteil nicht von der Schuldtheorie der Strafkammer aus dem Jahr 2010 abgewichen sei, liege womöglich daran, dass die Zivilrichter nicht als Nestbeschmutzer dastehen wollten, sagt er. Herrmann will "an dem Fall dran bleiben". Er könne sich vorstellen, "dass andere Leute nun privat recherchieren". Die Frage, ob er nun einen Privatdetektiv einschalten werde, lässt er unbeantwortet.

Herrmann hatte Werner M. auf 20.000 Euro Schmerzensgeld verklagt. Er hatte unter anderem argumentiert, dass er als Folge der Tat und des lang andauernden Strafprozesses unter Tinnitus und schweren psychischen Schäden leide. Ob er in die nächste Instanz gehen will, ist unklar.

Das Zivilverfahren dürfte in jedem Fall eine weitere Runde erleben. "Wir werden wohl in die Berufung gehen", sagt Walter Rubach, der Anwalt von Werner M. Der hatte sich jüngst mit einem Brief ans Gericht zu Wort gemeldet, in dem er abermals seine Unschuld beteuerte und mit der bayerischen Justiz abrechnete.

Rubach sagte, man strebe eine Wiederaufnahme des Strafverfahrens nach wie vor an. Doch auch der Anwalt weiß: Dieses Ziel zu erreichen, wird nach der Entscheidung der Zivilkammer nicht leichter.

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