Brief ans Gericht Im Fall Ursula Herrmann meldet sich der Verurteilte zu Wort

Ursula Herrmann erstickte 1981 in einer vergrabenen Kiste. Ihr Bruder kritisiert die Aufarbeitung des Verbrechens, zweifelt an der Schuld des verurteilten Entführers. Dieser schrieb nun einen Brief - ans Gericht.

Ursula Herrmann (Foto von 1981)
DPA/ LKA Bayern

Ursula Herrmann (Foto von 1981)

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Was Michael Herrmann tut, ist nachvollziehbar. Im September 1981 wurde seine damals zehn Jahre alte Schwester Ursula in der Nähe des bayerischen Ammersees entführt, in eine Kiste gesteckt und vergraben. Das Mädchen erstickte.

27 Jahre lang musste die Familie mit der Ungewissheit leben, wer Ursula auf dem Gewissen hat. 2008 wurde schließlich in einem Indizienprozess Werner M. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt - wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge.

Werner M. bestreitet bis heute, Ursula Herrmann entführt und getötet zu haben. Und auch Michael Herrmann, ihr Bruder, hat Zweifel an dessen Tatbeteiligung und so entschloss er sich, von Werner M. 20.000 Euro Schmerzensgeld zu fordern. Er habe durch die Tat und den Strafprozess schwere psychische Schäden und einen Tinnitus bekommen, sagt Michael Herrmann.

Das war der eine Grund für die Zivilklage, der andere war: Die Justiz dazu zu bringen, den Fall noch einmal unter die Lupe zu nehmen und endlich Gewissheit darüber zu bekommen, ob wirklich Werner M. für den Tod seiner Schwester verantwortlich ist.

Vieles spreche dafür, "dass ein Unschuldiger seit zehn Jahren im Gefängnis sitzt", schrieb Michael Herrmann vor wenigen Tagen in einem offenen Brief und erhob schwere Vorwürfe gegen die bayerische Justiz. "Die Menschen, die den Tod meiner Schwester zu verantworten haben, leben in Freiheit."

Verurteilter beharrt auf seiner Unschuld

Am Donnerstag nun will die zuständige Zivilkammer am Landgericht Augsburg das Urteil verkünden. Es gilt als wahrscheinlich, dass Werner M. verurteilt wird, Schmerzensgeld zu zahlen. Damit wäre ein weiteres Mal gerichtlich festgestellt, dass er am Mord an Ursula Herrmann beteiligt war.

Michael Herrmann (r.) mit seinem Anwalt Joachim Feller (Archivfoto)
DPA

Michael Herrmann (r.) mit seinem Anwalt Joachim Feller (Archivfoto)

Werner M. hat nun seinerseits einen Brief geschrieben. Keinen offenen, sondern ans Gericht. Das Schreiben liegt dem SPIEGEL vor. Darin heißt es, Michael Herrmanns Schmerzensgeldforderung sei "durchaus berechtigt, aber nicht mir gegenüber". M. fährt fort: "Wie schon mehrfach erklärt, habe ich mit der Entführung und dem Tod seiner Schwester nicht das Geringste zu tun!"

Eines haben die Schreiben von Michael Herrmann und Werner M. gemeinsam: In Passagen lesen sie sich beide wie eine Abrechnung mit der deutschen, insbesondere der bayerischen Justiz. Werner M. listet Fehlurteile auf.

Er erwähnt den Fall Gustl Mollath, der sieben Jahre lang zu Unrecht in der geschlossenen Psychiatrie saß; das Wiederaufnahmeverfahren wegen Mordes an Peggy Knobloch, das die fatalen Fehler von Polizei und Justiz aufzeigte, die zum Fehlurteil gegen den geistig behinderten Ulvi K. führte; die falschen Geständnisse der Familie Rupp, wonach sie den Bauern Rudi Rupp getötet, zerstückelt und verfüttert hätten. Dessen Leiche wurde Jahre später aus der Donau gefischt.

Werner M. mit seinen Verteidigern im Jahr 2010
DPA

Werner M. mit seinen Verteidigern im Jahr 2010

Werner M. vergleicht das Unrecht an jenen Personen mit dem, das ihm seit Jahren widerfahre. Die Verurteilung zu lebenslanger Haft basiere auf den "angeblichen Aussagen des Alkoholikers Klaus P." und dem Tonbandgutachten des Landeskriminalamtes, das "mit Vorsatz, Belastungseifer und eventuell auf politischen Druck und zur Karriereförderung einiger Juristen" erstellt worden sei.

Zurückgezogenes Geständnis des Hauptbelastungszeugen

Ein Aufnahmegerät, Fabrikat Grundig TK 248, spielte bei den Ermittlungen gegen Werner M. eine wichtige Rolle. Ursula Herrmanns Entführer hatte von der Familie zwei Millionen Mark Lösegeld gefordert - erst mithilfe zweier Erpresserbriefe, dann per Telefon. Insgesamt elfmal wurde auf dem Festnetz der Familie Herrmann angerufen. Dabei wurde als Erkennungszeichen die Verkehrsmelodie des Radiosenders Bayern 3 abgespielt - von einem Tonbandgerät.

Die akustischen Merkmale dieser Aufzeichnungen ordnete das LKA dem Gerät zu, das bei Werner M. gefunden wurde. Er habe dieses jedoch erst am 14. Oktober 2007 für 20 Euro auf einem Flohmarkt gekauft, behauptet Werner M. in dem Schreiben ans Gericht. Falls das stimmen sollte, wäre das Gerät als Beweismittel wertlos.

Bliebe die Aussage von Klaus P. Der alkoholkranke Kleinkriminelle ist Hauptbelastungszeuge. Wenige Monate nach dem Verbrechen sagte er aus, er habe im Auftrag Werner M.s das Loch für die Kiste ausgraben müssen. Drei Stunden später aber widerrief Klaus P. auf dem Polizeirevier sein Geständnis. 1992 starb er.

Kiste, in der Ursula Herrmann erstickte
DPA

Kiste, in der Ursula Herrmann erstickte

Erst im Strafverfahren gegen Werner M. - mehr als 20 Jahre nach Ursula Herrmanns Tod - stützte das Gericht dessen Verurteilung auf dieses zurückgezogene Geständnis. Von der brisanten Aussage existiert noch nicht einmal eine von Klaus P. unterzeichnete Abschrift, sondern nur das Gedächtnisprotokoll eines Ermittlers.

"Die vorgelegten und diskutierten Beweise sind derartig zweifelhaft"

Die Beweisaufnahme im Zivilverfahren habe sich im Wesentlichen mit dem Hauptbelastungszeugen und der Geeignetheit eines Tonbandgerätes zur Herstellung von Erpresseranrufen beschäftigt, sagt Werner M.s Anwalt Walter Rubach.

"Meine Erwartung ist, dass das Gericht erkannt haben sollte, dass die Aussage des Hauptbelastungszeugen P. nichts wert ist", sagt Rubach dem SPIEGEL. Sämtliche Details, die Klaus P. zum angeblichen Tathergang, insbesondere zur Konstruktion und zur Vergrabung der Entführungskiste, genannt habe, seien vor seiner Vernehmung breit in der Presse - zum großen Teil sogar von der Polizei - ausgebreitet worden. Schon allein deshalb könnten sie kein originäres Täterwissen darstellen.

Zudem dokumentierten die Vernehmungsprotokolle, dass Klaus P.s Befragung "teilweise gezielt von den Vernehmungspersonen gesteuert wurde". Rubach hatte deshalb eine renommierte Glaubwürdigkeitsgutachterin beauftragt. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Erlebnisfundiertheit der Aussage dieses Zeugen fraglich sei.

Spannend dürfte auch die Würdigung der Sachverständigengutachten sein, ob das Tonbandgerät von Werner M. für die Tat verwendet wurde. Experten nutzten für die Bewertung eine Skala von 1 bis 6, sagt Rubach. Diese lauten:

  • 1: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
  • 2: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit
  • 3: Mit hoher Wahrscheinlichkeit
  • 4: Wahrscheinlich
  • 5: Möglich
  • 6: Nicht entscheidbar

Im Fall des Apparates von Werner M. hätten sich die Gutachter auf "wahrscheinlich" festgelegt. "Diese Einschätzung rangiert aus meiner Sicht deshalb knapp über der Grenze zur Beliebigkeit", sagt Rubach. Er könne sich nicht vorstellen, dass ein Zivilgericht seinen Mandanten zu Schmerzensgeld an Michael Herrmann verurteile, sagt der Rechtsanwalt aus Augsburg. "Die vorgelegten und diskutierten Beweise sind derartig zweifelhaft."


Zusammengefasst: Eine Zivilkammer des Landgerichts Augsburg will am Donnerstag ihre Entscheidung im Fall der Schmerzensgeldklage von Michael Herrmann gegen Werner M. verkünden. M. wurde 2008 wegen Ursula Herrmanns Entführung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt; die Zehnjährige erstickte 1981 in einer Kiste. Herrmann fordert von M. 20.000 Euro. Zugleich zweifelt er aber dessen Täterschaft an - der Zivilprozess soll die Justiz zwingen, sich erneut mit Ursula Herrmanns Tod zu beschäftigen. Auch Werner M. hat nun in einem Brief ans Gericht bekräftigt, nichts mit Ursula Herrmanns Entführung und Tod zu tun gehabt zu haben.

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