Urteil in Italien Empörung über Amanda Knox' Richter

Alessandro Nencini ist der Richter, der Amanda Knox und Raffaele Sollecito wegen Mordes verurteilt hat - jetzt sagt er öffentlich, die Entscheidungsfindung sei "emotional sehr hart" gewesen. Warum äußert sich der Mann in Interviews? Die Verteidigung ist entsetzt.

Amanda Knox (bei einem ABC-Interview): Schuldig, unschuldig, schuldig
REUTERS

Amanda Knox (bei einem ABC-Interview): Schuldig, unschuldig, schuldig


Hamburg/Rom - Nichts ist normal an diesem Mordprozess, und dass der Fall Meredith Kercher auch nach der erneuten Verurteilung von Amanda Knox und Raffaele Sollecito nicht einfach zu den Akten gelegt werden kann, war zu erwarten. Doch der Vorsitzende Richter des Gerichts in Florenz hat dieser Justizgeschichte ein unerwartetes Kapitel hinzugefügt.

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Heft 6/2014
Plädoyer für ein Sterben in Würde

Alessandro Nencini heißt der Mann, der am Donnerstag Knox und Sollecito zu 28 Jahren und sechs Monaten beziehungsweise 25 Jahren Gefängnis verurteilt hatte. Er sprach sie schuldig, die 21-jährige britische Austauschstudentin Meredith Kercher am 1. November 2007 ermordet zu haben.

Nencinis Job ist es nun eigentlich, die schriftliche Urteilsbegründung auszuarbeiten. Das Schriftstück wird in etwa drei Monaten erwartet. Doch er hatte offenbar jetzt schon ein starkes Mitteilungsbedürfnis.

"Es beraubt den Prozess natürlich einer Stimme"

Nencini beantwortete am Samstag drei italienischen Zeitungen Fragen und gab dabei zunächst einmal einen Einblick in sein Seelenleben. "Ich fühle mich befreit, denn der Moment der Entscheidung ist der schwierigste", wurde er vom "Corriere della Sera" zitiert. Er habe auch Kinder, und es sei "emotional sehr hart, zwei junge Menschen zu 25 und 28 Jahren zu verurteilen".

Es stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, wenn sich der Vorsitzende Richter in einem emotional derart aufgeladenen Verfahren über seine Gefühle äußert. Doch das war noch nicht alles: Nencini kommentierte auch das Verhalten des Angeklagten Sollecito, der sich einem Kreuzverhör nicht stellte. "Es ist das Recht des Angeklagten, aber es beraubt den Prozess natürlich einer Stimme." Sollecito habe sich darauf beschränkt, spontane Erklärungen abzugeben, habe nur gesagt, was er sagen wollte. Knox war zum Prozess nicht erschienen.

Sollecitos Anwälte nahmen Nencinis Plauderlaune dankbar an und empörten sich: "Die Verurteilung ist das Ergebnis der Vorurteile der Richter gegenüber den Angeklagten, besonders gegenüber Raffaele Sollecito, und dieses Interview beweist das", sagte Sollecito-Verteidiger Luca Maori dem "Corriere della Sera". Er werde nun gemeinsam mit seinem Mandanten beraten, wie man weiter vorgehen werde. Dabei gehe es nicht nur um Disziplinarstrafen gegen Nencini, sondern auch um das Urteil selbst.

Der Vorsitzende des Dachverbands der Richterschaft, Rodolfo Sabelli, nannte es "unpassend", dass ein Vorsitzender Richter überhaupt Erklärungen abgebe, bevor eine Urteilsbegründung vorliege. Jetzt wird die Möglichkeit einer Disziplinarstrafe gegen Nencini geprüft.

Sollecitos Verteidiger hatten wie auch die Anwälte von Knox angekündigt, gegen das Urteil in Berufung zu gehen. Dann würde das oberste italienische Gericht entscheiden, ob die Verurteilung Bestand hat oder etwa wegen Verfahrensfehler aufgehoben werden muss.

Knox und Sollecito waren bereits 2010 zu 26 und 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Ein Berufungsgericht sprach sie jedoch 2011 nach vier Jahren Haft frei. Diesen Freispruch kassierte das oberste Gericht, das Widersprüche und Unzulänglichkeiten im Berufungsverfahren sah. Der Fall musste erneut in Florenz verhandelt werden und endete mit der Verurteilung am Donnerstag.

Knox wie Sollecito haben die Tat stets bestritten. Aus Angst vor einem neuen Schuldspruch war die US-Angeklagte nicht nach Florenz gereist.

Anwältin wittert Unterstellung durch den Richter

Warum das Gericht nun Sollecito und Knox erneut verurteilte, erklärte Nencini gegenüber den Medien nicht. Doch Andeutungen konnte er sich nicht verkneifen. Am Abend des Mordes hätten Knox und Sollecito klare Pläne gehabt: Knox wollte demnach in eine Bar gehen um dort zu arbeiten, Sollecito habe eigentlich das Gepäck eines Freundes am Bahnhof abholen wollen. "Im Moment kann ich sagen, dass die Kids bis 20.15 Uhr andere Pläne hatten, die sie dann aber verwarfen." Und: "Wenn Amanda zur Arbeit gegangen wäre, säßen wir wahrscheinlich nicht hier."

Wie genau dieser Umstand, der vor Gericht ausführlich erörtert worden war, sich auf das Urteil auswirkte, sagte Nencini nicht.

Auch Anwältin Guilia Bongiorno, die das Verteidigerteam von Sollecito anführt, kritisierte Nencini für dessen Äußerungen. Er habe mit seinen Kommentaren zum Tatabend seine schriftliche Begründung vorweggenommen.

Zu Nencinis Andeutungen, es sei zum Nachteil von Sollecito gewesen, dass er sich keinem Kreuzverhör stellte, sagte sie, ihr Mandant sei nie darum gebeten worden. Sie sagte "La Stampa", Nencinis Worte seien zweideutig, das verblüffe sie besonders. "Mir würde es nicht gefallen, wenn der Richter etwas anderes unterstellen will: Dass Raffele Amanda des Mordes an Meredith Kercher beschuldigt haben könnte, damit seine Unschuld anerkannt wird."

Knox hatte nach dem Richterspruch das italienische Justizsystem scharf kritisiert. In ihrer Erklärung kritisierte sie eine "übereifrige und sture Staatsanwaltschaft" und sprach von "voreingenommenen und engstirnigen Ermittlungen". Ob sie im Fall einer Bestätigung des Urteils durch das oberste Gericht nach Italien ausgeliefert würde, ist noch offen. Der Kölner Strafrechtsexperte Nikolaos Gazeas sagte dem SPIEGEL, dass es unabhängig von den komplexen rechtlichen Fragen "eine politische Entscheidung" sein werde.

bim

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Seite 1
Malshandir 03.02.2014
1. Amerika in der Pflicht
Es ist nun an den USA zu beweisen, wie weit es Ihnen denn mit Rechtstaatlichkeit ist. Mna selber will ja alle möglichen Leute ausgeliefert haben (Assange, Snowden) oder beschafft diese sich mit Gewalt. Nun sollten sie mit guten Beispiel vorangehen.
momahdu 03.02.2014
2. Willkür?
In dubio pro reo - so funktioniert der Rechtsstaat. Das Italien ein Rechtsstaat ist, darf man nach der Regierungszeit von Berlusconi durchaus noch mehr bezweifeln als vorher. Es bleibt die Hoffnung, dass das oberste Gericht den elementaren Grundsatz - in dubio pro reo - anwendet, denn nur dann kann Rechtsfrieden eintreten.
teilzeitmutti 03.02.2014
3. optional
Was regt sich Frau Knox eigentlich auf, sie wird die Strafe doch eh nie absitzen müssen.
Frank Ly 03.02.2014
4.
Eine voellig unverstaendliche Reaktion eines Vorsitzenden Richters, vor Zustellung der schriftlichen Urteilsbegruendung Interviews zu geben! Dies ist eine Steilvorlage fuer Angriffe auf das Urteil. Aber irgendwie schon sehr italienisch...
Demokrator2007 03.02.2014
5. Auch die Justiz wird immer gefälliger und unfähiger
Zitat von sysopREUTERSAlessandro Nencini ist der Richter, der Amanda Knox und Rafael Sollecito wegen Mordes verurteilt hat - jetzt sagt er öffentlich, die Entscheidungsfindung sei "emotional sehr hart" gewesen. Warum äußert sich der Mann in Interviews? Die Verteidigung ist entsetzt. Urteil gegen Amanda Knox: Kritik an Interview des Richters - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/urteil-gegen-amanda-knox-kritik-an-interview-des-richters-a-950745.html)
Dieser Thread wird zwar wie der vorherige in Antiamerikanismus und Häme über die Verurteilten enden. Zugleich werden normale Verhaltensmuster als Tätereingeständnisse gewertet werden, Fluchttendenz beim männl. Angeklagten nach Voreingenommenheit der Justiz sowie das Fernbleiben von Amanda Knox. Trotzdem muß ich feststellen das die Justizsysteme der USA und Italien´s ziemlich gleich zu sein scheinen und in Deutschland gibt es ja auch einige Skandalfälle der Justiz-Gustl Mollath der Bekannteste. In den USA gibt es mind. den Fall Debbie Milke der so ähnlich abläuft, nur das man dort bereits weiß das der Hauptbelastungszeuge Armando Saldate ein notorischer Lügner ist. http://de.wikipedia.org/wiki/Debra_Milke Es sieht momentan nicht gut für unsere Zivilgesellschaften aus- der Pöbel will Blut und Spiele sehn und viele "Herrschende" versuchen so ihr kriminelles Verhalten zu verschleiern,aktuell ua. Alice Schwarzer . Ciao DerDemokrator P.S. Die Zeit des kalten Krieges war irgendwie friedlicher.
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