Urteil gegen Ex-Wehrmachtsoffizier Scheungraber "Unser Leben wird jetzt heiter und fröhlich"

Das Urteil sorgt für Aufsehen: Wegen eines Massakers an italienischen Zivilisten schickt das Münchner Landgericht den früheren Wehrmachtsoffizier Josef Scheungraber lebenslang ins Gefängnis. Der 90-Jährige nahm den Richterspruch reglos hin - Angehörige der Ermordeten weinten vor Erleichterung.

Von , München


München - Am Ende liegen sie sich in den Armen, weinend vor Erleichterung. Margherita und Angiola Lescai sind an diesem Tag nach Deutschland gekommen, weil sie Gerechtigkeit wollten für Vater und Großvater. Und die beiden Halbschwestern, Nebenklägerinnen in einem der wohl letzten Prozesse zu den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs, haben Gerechtigkeit gefunden: "Unser Leben wird jetzt heiter und fröhlich sein, wie werden nicht mehr diese Ängste und Beklemmungen haben."

Gegenüber verlässt ein 90-Jähriger im Trachtenjanker leicht schlurfend den Saal. Josef Scheungraber, der Angeklagte. Gerade hat ihn das Münchner Landgericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Als Kompanieführer im Gebirgspionier-Bataillon 818 habe er am 27. Juni 1944 im italienischen Falzano die Cortona - zwischen Arezzo und Perugia gelegen - den Befehl gegeben, elf Männer in einem Bauernhaus in die Luft zu sprengen, befindet Richter Manfred Götzl. Zehn der Eingesperrten wurden getötet, nur ein damals 15-Jähriger überlebte. Er konnte in späteren Aussagen wichtige Hinweise liefern.

Scheungraber reglos - aber sein Anwalt vor dem Kollaps?

Scheungraber nimmt das Urteil reglos hin, den Blick gesenkt, wegen seiner Schwerhörigkeit einen schwarzen Kopfhörer in den Ohren, der einem Stethoskop ähnelt. Ganz anders die Reaktion seines Verteidigers Rainer Thesen. Im Moment der Urteilsverkündung scheint der Mann kurz ohnmächtig zu werden, sein Oberkörper sackt leicht weg. Justizbeamte eilen herbei, Richter Götzl schaut verblüfft. Offenbar hatte die Verteidigung - Scheungraber verfügt über drei Anwälte - etwas anderes als dieses Urteil erwartet. Immer wieder hatte man in den elf Prozessmonaten argumentiert, es gebe weder Beweismaterial noch entscheidende Zeugen. Scheungraber sei eben unschuldig.

Andere fürchteten einen Freispruch. Schon am Morgen hatten sich linke Protestler vor dem Gerichtsgebäude in der Nymphenburger Straße versammelt, um an die Verbrechen der Wehrmacht und das Leid der Opfer zu erinnern. "Vom Hass zerfressene Demonstranten", so Scheungraber-Verteidiger Klaus Goebel. Auch die Lescai-Schwestern hatten dort das Mikrofon ergriffen: "Die Notwendigkeit für Gerechtigkeit nimmt nicht ab mit der Zeit, sondern sie wird stärker und fordernder." Und Andrea Vignini, der aus Falzano di Cortona angereiste Bürgermeister, sagte, man wolle keine Rache, aber man warte "seit 65 Jahren auf ein Wort der Wahrheit".

Drei Stunden später nimmt sich Richter Götzl dem in seiner Urteilsbegründung an. Er schildert die Sicht des Gerichts auf die Geschehnisse im Juni 1944. Er berichtet, von dem Leutnant Scheungraber, der übergangsweise zum Kompanieführer ernannt worden war und sich zu bewähren hatte. Eine Brücke nahe Falzano sollte repariert werden. Zwanzig Kilometer entfernt standen schon die Amerikaner.

Scheungraber sandte drei Soldaten aus, um einem Bauern Wagen und Pferde wegzunehmen. Doch er selbst fand später, nach einem Partisanenangriff, zwei der Soldaten tot. "Scheungraber war wütend, der Hass war groß", sagt Richter Götzl. Per Funk habe Scheungraber bei seiner Division um Genehmigung einer "Sühnemaßnahme" gebeten - diese wurde prompt angeordnet. Am 26. Juni 1944 soll Josef Scheungraber den Befehl gegeben haben. "Den Befehl von oben hatte der Angeklagte auf seine Initiative erhalten", sagt Götzl.

"Tötung der Gefangenen"

Am nächsten Morgen durchkämmten Wehrmachtssoldaten die Gegend, um die männliche Bevölkerung gleich welchen Alters festzunehmen. "Für den frühen Nachmittag war die Tötung der Gefangenen vorgesehen", so Götzl. Scheungraber war am Vormittag auf der Beerdigung der zwei getöteten deutschen Soldaten, Fotos beweisen das. Gegen Mittag soll er dann nach Falzano gefahren sein, zum verabredeten Treffpunkt mit den Soldaten - und den Opfern.

Die elf Gefangenen habe man dann ins Erdgeschoss eines verminten Hauses getrieben, die Tür von außen verschlossen und gesprengt. Nicht alle seien sofort tot gewesen, "die Überlebenden jammerten und klagten". Die Soldaten hätten dann mit Maschinengewehren in die Trümmer geschossen. Zehn Männer zwischen 16 und 66 Jahren starben. Götzl wies die Version Scheungrabers, er habe von nichts gewusst, zurück: "Der Angeklagte hat uns mit der Unwahrheit bedient." Im September 2006 wurde Scheungraber bereits von einem italienischen Militärtribunal in Abwesenheit zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Aber dieser Strafe musste er sich nie stellen.

Im Münchner Gerichtssaal sitzen viele alte Kameraden Scheungrabers, nun rüstige bundesdeutsche Rentner. Wo sie am Anfang noch frohgemut winkten und Siegergesten in Richtung des Angeklagten machen, ist plötzlich Ruhe eingekehrt. "Ein skandalöses Urteil", sagt Verteidiger Goebel. Der Rechtsanwalt ist in diesem Verfahren durch krude Thesen aufgefallen. Etwa als er von den "mehreren tausend deutschen Soldaten" sprach, die Opfer italienischer Partisanen geworden seien - dabei handele es sich schließlich "um ein völkerrechtswidriges Tätigwerden dieser Partisanen".

Scheungraber darf nach Hause

Goebel wird eine Verbindung zur Organisation "Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte" nachgesagt, einem Verein, bei dem auch Himmler-Tochter Gudrun Burwitz Mitglied ist. Nazis wie Klaus Barbie, der "Schlächter von Lyon", und SS-Aufseher Anton Malloth sollen von der Organisation unterstützt und geschützt worden sein. Scheungraber war nicht der erste Kriegsverbrecher, den Rechtsanwalt Goebel vertritt: Vor Gericht verteidigte er bereits Malloth. Außerdem vertrat er auch die Holocaust-Leugner David Irving und Germar Rudolf.

An diesem Dienstag kündigt er an, dass man nun auf jeden Fall in Revision gehen werde. Scheungraber selbst darf erst einmal wieder nach Hause, nach Ottobrunn bei München, denn die Strafkammer hat keinen Haftbefehl erlassen. Erst wenn das Urteil rechtskräftig ist, muss Scheungraber zum Haftantritt erscheinen. Der Greis sagt nichts an diesem letzten Verhandlungstag. Nur hin und wieder "Jawoll!", wenn ihn der Richter fragt, ob er alles hören könne.

Draußen vor der Gerichtstür steht noch Andrea Vignini, der Bürgermeister. 65 Jahre Warten hätten ein Ende, sagt er. Und das Wichtigste daran sei, "dass ihn ein deutsches Gericht verurteilt hat, in München, wo die Nazi-Bewegung entstanden ist".



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