Urteil gegen Martin N. Letzter Auftritt des Maskenmanns

Über Jahre hinweg missbrauchte Martin N. Kinder, drei Jungen ermordete er. Das Landgericht Stade verurteilte ihn zur Höchststrafe. Am Ende des aufsehenerregenden Prozesses wandte sich der Richter mit bewegenden Worten an die Eltern der Opfer.


Vor Martin N., der es über fast zwei Jahrzehnte hinweg als "Maskenmann" zu schrecklicher Berühmtheit brachte, liegt nun eine unabsehbar lange Zeit, die er hinter Gittern wird verbringen müssen. Dass er jemals wieder in Freiheit gelangt, ist zwar nicht ganz ausgeschlossen, aus heutiger Sicht allerdings unwahrscheinlich.

Es war einer der aufsehenerregendsten Fälle der letzten Jahrzehnte. Ganz Norddeutschland bangte, wann wieder jener "Maskenmann" zuschlagen würde, von dem Kinder in Schullandheimen und Internaten angstvoll berichteten. Waren es mehrere Täter? Oder nur einer? Die Ermittler kamen ihm einfach nicht auf die Spur. Er fasse nachts unter die Bettdecke und unter die Schlafanzughose, berichteten immer mehr Kinder. Oft wurde ihnen nicht gleich geglaubt. Doch als dann Jungen aus Schullandheimen und Internaten verschwanden, steigerte sich die Beunruhigung zur Panik. Wann kommt er wieder, der "schwarze Mann"?

Nach den Feststellungen des Gerichts hat Martin N. drei Jungen getötet - 1992, 1995 und 2001. Davor, dazwischen und danach drang er, verborgen hinter Mundschutz, Sturmhaube oder schwarzer Maske, unzählige Male nachts in Schullandheime, Internate und Ferienlager ein und betastete schlafende Knaben, um mit solchen Erlebnissen seine Masturbationsphantasien anzureichern.

"Er wusste um die Ächtung seiner Neigungen"

Bisweilen, und dies bezeichnete das Gericht als "besonders dreist", wagte er sich sogar in die Elternhäuser von Kindern, die ihm als besonders hübsch, "süß und niedlich" auffielen. Er schlich sich in Kinderzimmer oder klingelte an der Haustür. Falls ihm der Junge, auf den er es abgesehen hatte, öffnete, zwang er diesen drohend, die Hose herunterzulassen, um ihn zu berühren. Dann verschwand er so schnell, wie er gekommen war.

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Urteil gegen Martin N.: Lebenslange Haft für den "Maskenmann"
Anal vergewaltigt, so der Vorsitzende Richter Bernd Appelkamp, habe N. seine Opfer nicht. "Eine körperliche Übermannung wie bei einer Penetration", sagte der Vorsitzende, sei mit den Vorstellungen des Angeklagten von Sexualität nicht vereinbar gewesen. Doch wenn ihm Entdeckung drohte, habe er getötet - aus Angst, seine pädophilen Neigungen würden offenbar werden. "Denn er wusste um die Ächtung seiner Neigungen durch die Gesellschaft und vor allem durch seine Mutter", so das Gericht.

Martin N. hat seine Opfer erwürgt, wenn er befürchten musste, erkannt zu werden. So war es 1992 bei dem 13-jährigen Stefan J., den er zwang, mit ihm zu seinem Auto zu gehen. Als er merkte, der Junge würde ihn anhand des Kennzeichens verraten, erwürgte er ihn. Auf die gleiche Weise tötete er 1995 den achtjährigen Dennis R., den er aus einem Ferienlager lockte mit dem Versprechen eines Abenteuers in Dänemark. Er entführte den Jungen in ein Ferienhaus. Dann habe er keinen Weg mehr gesehen, gestand Martin N. den Ermittlern, wie er das Kind in das Ferienlager zurückbringen sollte, ohne in Gefahr zu geraten, entdeckt zu werden. Und Dennis K. musste 2001 sein Leben lassen, weil er sich lautstark gegen die sexuelle Attacke wehrte. Der Angeklagte drückte zu, schleppte das tote Kind in sein Auto, um es zu vergraben wie seine anderen Opfer.

Martin N. ist ein gebildeter Mensch. Er hat Mathematik, Physik und Pädagogik studiert, hat zeitweise als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bremer Universität, als Familienbetreuer und Honorarkraft in einem Kinderheim und der Lebenshilfe gearbeitet. Niemandem ist dort aufgefallen, wer sich hinter der Maske des zuverlässigen, ordentlichen Mitarbeiters verbarg. Als einen "Meister des Verdrängens" bezeichnete sich der Angeklagte selbst gegenüber dem forensischen Psychiater Norbert Nedopil aus München, der ihn auf seine Schuldfähigkeit hin für den Prozess in Stade begutachtet hatte.

"Sie sind und bleiben ein Mensch"

So wie er Problematisches, also auch seine Neigungen und seine Taten, ausblenden konnte, so perfekt gelang ihm ein unauffälliges Doppelleben. Das nächtliche Umherfahren, das Umherschweifen auf der Suche nach Einrichtungen, in denen Jungen zu vermuten waren, oft ergebnislos, bisweilen aber auch erfolgreich - es blieb unerkannt. Denn an jene Kinder, die ihm professionell anvertraut waren, ging er nicht heran. Ihnen gegenüber verhielt er sich tadellos und gefiel sich in einer Art Vaterrolle.

Profiler, die sich seit langem schon mit dem Tatmuster jenes unbekannten "Maskenmanns" befassten, sind inzwischen überzeugt, Martin N. habe noch weitere Morde begangen. Denn auch in Frankreich und Holland kam es zu ähnlichen Taten. Will er einen Teil seiner Nachtseite doch nicht offenlegen? Wie in einem Schatzkästlein etwas Eigenes für sich allein behalten? Ein Gericht aber, das erwähnte der Vorsitzende in seiner Urteilsbegründung mehrfach, müsse sich mit dem Nachweisbaren begnügen. Für Spekulationen sei vor Gericht kein Raum. Das sei für die Hinterbliebenen möglicherweise unbefriedigend, müsse aber hingenommen werden.

Für die Eltern ist der Täter der böseste Mensch überhaupt, und sie trauen ihm das Schlimmste zu, das sich denken lässt. Die Sprache des Rechts tut hier, im Fall der drei toten Kinder, weh: keine Heimtücke, keine niederen Beweggründe, kein besonders schwerer Fall, keine Mordlust. Der Vorsitzende Richter deklinierte die Mordmerkmale durch und kam nur im Fall Dennis R. zusätzlich zur Verdeckungsabsicht zum Mordmerkmal der Heimtücke, weil N. hier mit besonderer List vorgegangen sei. Am Ergebnis, der Verhängung der Höchststrafe, ändert dies zwar nichts. Doch haften bleibt möglicherweise das eine oder andere Wort, das nagt und schmerzt.

Der Vorsitzende wandte sich gegen Ende der Urteilsbegründung an den Angeklagten: "Ihnen steht ein langer neuer Lebensweg bevor. Doch unser Rechtssystem sieht immer auch Hoffnung vor. Sie sind und bleiben ein Mensch, gleich, was Sie getan haben." Damit spielte Appelkamp auf das Schlusswort des Vaters von Stefan J. an, als der sagte, diese "Kreatur" - damit war der Angeklagte gemeint - solle nie wieder die Freiheit erlangen. Einem "leidenden Vater", so der Richter, möge ein solches Wort nachgesehen werden, doch im Gerichtssaal habe es nichts zu suchen.

Appelkamp ist ein ruhiger, besonnener Richter, einer, der sich immer wieder um den rechten Ton bemüht. Manchmal findet er ihn, bisweilen muss die gute Absicht reichen. Ganz zum Schluss wandte er sich den Eltern zu, versuchte, sie zu trösten. "Es ist sehr, sehr traurig", sagte er. "Sie haben sich für Ihre Kinder sehr eingesetzt."

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