Urteil gegen Salafisten Murat K. Prototyp eines Fanatikers

Für sechs Jahre muss der Salafist Murat K. ins Gefängnis, er hatte zwei Polizisten mit einem Messer schwer verletzt. Der 26-Jährige sei "brandgefährlich", sagte der Richter in einem persönlichen Schlusswort. Reue zeigte der Angeklagte zu keinem Zeitpunkt des Prozesses.

Von , Bonn

DPA

Der Richter spricht leise. Mit sanfter Stimme verkündet er sein Urteil, im Namen des Volkes: Murat K., 26 Jahre alt, aus Sontra in Hessen müsse für sechs Jahre ins Gefängnis, wegen gefährlicher Körperverletzung, Landfriedensbruch und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Und dann setzt Klaus Reinhoff in einer persönlichen Bemerkung an den Angeklagten hinzu: "Sie sind der Prototyp des Fanatikers und brandgefährlich."

Es ist eine deutliche Strafe für den Salafisten, der am 5. Mai 2012 in Bonn während einer Demonstration gegen eine Kundgebung der rechtsextremen Splitterpartei Pro NRW zwei Polizisten mit einem Messer schwer verletzt hatte. Doch K. hat die Strafe provoziert, nicht nur mit seiner Tat, sondern auch mit seinem Verhalten vor dem Landgericht Bonn.

Trotz, Stolz, Ignoranz - das war die Mischung, mit der er im Verfahren seinen Angriff verteidigte und dabei keinerlei Reue erkennen ließ: "Wer den Propheten beleidigt, verdient die Todesstrafe", sagte Murat K. Für die beiden schwer verletzten Beamten fand er kein Wort der Entschuldigung, im Gegenteil. Der Extremist rechtfertigte sein Handeln. Der Staat habe es erlaubt, dass die Mohammed-Karikaturen gezeigt würden und deshalb sei es die Pflicht jedes rechtgläubigen Muslims gewesen, dessen Repräsentanten anzugreifen. Die Polizisten hätten ihren Dienst "ja verweigern können", rechtfertigte K. auf krude Weise seinen Angriff.

Radikale Weltanschauung des Murat K.

Selbst seinem Verteidiger, dem erfahrenen Düsseldorfer Rechtsanwalt Johannes Pausch, war es kaum möglich, Murat K.s radikale Weltanschauung zu verstehen. Der Jurist, der bereits unter anderem den Kofferbomber von Köln, ein Mitglied der Sauerlandgruppe und einen Angeklagten der Düsseldorfer Zelle vertrat, sagte in dem Prozess: "Mir ist es nicht in großem Ausmaß gelungen, in die Gedankenwelt meines Mandanten einzudringen."

Richter Reinhoff indes findet für die Haltung des Salafisten deutliche Worte: Dessen Vorstellung, mit seiner Gewalttätigkeit stellvertretend für alle Muslime zu handeln, sei eine Anmaßung. K. leide offenbar an "grenzenloser Selbstüberschätzung", so der Vorsitzende, und habe "jeden Bezug zur Realität verloren". Ganz überwiegend seien die Muslime in Deutschland friedliebend und lebten einträchtig mit Christen zusammen, sagt Klaus Reinhoff und fügte hinzu: K. habe die Bühne des Prozesses genossen, aber "Beachtung ist nicht Achtung".

Murat K., der trotz diverser kleinkrimineller Vergehen in seiner Jugend inzwischen nicht mehr als vorbestraft gilt, wurde außerdem dazu verurteilt, dem Polizisten Carsten S., 35, für die erlittenen körperlichen und seelischen Schäden 6000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen. Die Beamtin Teresa M., 30, soll 4000 Euro erhalten. Zugleich trage der Arbeitslose, der keine Ausbildung abgeschlossen und Zeit seines Lebens höchstens gejobbt hatte, die Kosten des Verfahrens. Auch müsse die Ausweisung des Türken "zwingend erfolgen", so Richter Reinhoff. K. hatte vor Gericht allerdings schon erkennen lassen, dass er Deutschland am liebsten verlassen will.

"Ich war kein guter Mensch"

Der ideologische Tunnelblick, den Murat K. an den drei Verhandlungstagen offenbarte, dieses Ausblenden aller Zweifel und jeglicher Argumente, ist wohl am ehesten mit seiner Biografie zu erklären. Schon als Teenager geriet der Sohn türkischer Einwanderer auf die schiefe Bahn, brach ein, nahm Drogen, überfiel Kioske, prügelte sich in Straßenbahnen und klaute Handys. "Ich war kein guter Mensch", so K., doch sei daran auch die Gesellschaft schuld gewesen: "Mir wurden Alkohol und Zigaretten gegeben. Die Sachen wurden mir so hingestellt."

Irgendwann suchte der durchs Leben treibende Murat K. eindeutige Regeln und vor allem entschiedene Verbote, sie sollten ihm Halt und Orientierung geben. Er fand sie in einer fundamentalistischen Strömung des Islam, die sich streng an der Frühzeit der Religion orientiert. Sie verteufelt die Sitten der Ungläubigen und unfrommer Muslime. Mit großer Begeisterung lauschte K. den Vorträgen des charismatischen Salafisten-Predigers und Ex-Berufsboxers Pierre Vogel und versuchte, sich an der berüchtigten Islamschule in Braunschweig fortzubilden. Das inzwischen geschlossene Institut galt dem niedersächsischen Verfassungsschutz lange Zeit als Kaderschmiede zahlreicher Islamisten.

Offenbar verfügt Murat K. aber noch immer über großen Rückhalt in der Szene. So sitzt am Freitagmittag in Saal 0.11 des Bonner Landgerichts auch ein Mann, der schon Erfahrung in der Auseinandersetzung mit dem Staat gesammelt hat. Bernhard F., ein schwerfälliger, massiger Kerl mit grauem Vollbart, kämpfte in den neunziger Jahren als Kopf einer antiimperialistischen Zelle mit Schusswaffen und Bomben gegen die Bundesrepublik. Nach einer Serie von Sprengstoffanschlägen auf Politiker saß der Physiker dann viele Jahre im Gefängnis, wo er zum Islam konvertierte. Zuletzt soll der Dortmunder F. im Netz zur Gründung eines internationalen Kalifatstaats und zu Anschlägen auf eine US-Militärbasis in Rheinland-Pfalz aufgerufen haben.

Der Urteilsverkündung lauscht F. gebannt, den Mund leicht geöffnet, den Kopf schief gelegt. Er trägt eine Armeejacke mit arabischen Schriftzeichen auf den Ärmeln und eine dunkle Hose. Gegenüber den Journalisten schweigt er, wie stets. Im Hinausgehen aber spricht er dann doch. Er tritt an die Kordel, mit welcher der Zuschauerraum abgetrennt ist, und ruft hinüber zur Anklagebank: "Murat, Salam aleikum, ich besuch dich dann!" Doch K., der die gesamte Urteilsverkündung regungslos verfolgt hat, schaut nicht zu ihm herüber. "Hat er wohl nicht gehört", murmelt Bernhard F. und geht hinaus.

Dann schließt sich die Tür.

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