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Urteil im "Costa Concordia"-Prozess: Die späten Tränen des Francesco Schettino

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Der Ex-Kapitän der havarierten "Costa Concordia" muss mehr als 16 Jahre in Haft. Unter Tränen hatte er vor Gericht noch beteuert, auch er sei durch die Katastrophe "zum Teil gestorben". Geholfen hat es nicht.

Als Staatsanwalt Stefano Pizza mehr als 26 Jahre Haft für den Ex-Kapitän der "Costa Concordia" forderte, klang das wie eine böse Prophezeiung: "Möge Gott Erbarmen mit Schettino haben, denn wir können es nicht."

Jetzt ist in Grosseto das Urteil gegen den Mann ergangen, der die Havarie des Kreuzfahrtschiffs mit 32 Toten verursacht und beim Krisenmanagement komplett versagt haben soll. 16 Jahre und einen Monat soll Schettino ins Gefängnis.

Im Strafmaß enthalten sind zehn Jahre für mehrfache fahrlässigeTötung, fünf Jahre für das fahrlässige Verursachen eines Unglücks sowie ein Jahr für das Zurücklassen Minderjähriger oder hilfsbedürftiger Personen.

In ihrem Plädoyer hatte die Verteidigung noch versucht, das miese Image des Capitano aufzupolieren, den die Staatsanwaltschaft als "unvorsichtigen Idioten" bezeichnet hatte, der skrupellos mit dem Leben der Passagiere gespielt habe. Schettino habe sich vom Schiff geschlichen, "ohne sich auch nur die Schuhsohlen nass zu machen", hieß es.

Emotionaler Auftritt zum Schluss

Am letzten Verhandlungstag hatte Schettino selbst noch einen emotionalen Auftritt hingelegt. "An jenem 13. Januar bin auch ich zum Teil gestorben", beteuerte er unter Tränen. "Es stimmt nicht, dass ich mich nicht entschuldigt habe. Aber man zeigt doch den Schmerz nicht, um ihn zu instrumentalisieren." Drei Jahre lang hätten ihn die Medien "durch den Fleischwolf gedreht", ein schweres Leben sei das gewesen.

Für viele unfassbar, hatte der Comandante bei einigen Prozessbeobachtern sogar Mitleid geerntet - weil er als Einziger vor Gericht Rede und Antwort stehen musste. Zwei angeklagte Offiziere sowie der Rudergänger kamen nach einem Deal mit Haftsstrafen von weniger als zwei Jahren davon. Auch die Strafen für den Hotelmanager und den Leiter des Krisenmanagements der Reederei blieben unter drei Jahren.

Der Prozess sollte Klarheit bringen über die Ereignisse vom 13. Januar 2012. Doch vieles ist auch nach 69 Verhandlungstagen unklar - etwa die Frage, warum der Notstromgenerator auf dem Schiff nicht ansprang oder die Aufzugschächte aufgrund offener Türen zu tödlichen Fallen wurden. Die Reederei hatte sehr schnell von menschlichem Versagen gesprochen, hatte betont, es habe bei der letzten Überprüfung des Kreuzfahrtschiffs keine technischen Beanstandungen gegeben.

Für das Unternehmen Costa Crociere war das Unglück ein Image-GAU, dem sie mit geschicktem Taktieren klug begegnet ist. Sehr früh distanzierte sich das Unternehmen von dem inkompetenten Kapitän und kündigte ihm. Dann gelang es, gegen Zahlung von einer Million Euro in Italien einen gerichtlichen Vergleich zu erzielen. Die Ermittlungen gegen die Kreuzfahrtgesellschaft wurden im April 2013 eingestellt. Im Prozess trat die Reederei als Nebenklägerin auf.

Alarm erst 69 Minuten nach der Kollision

"Für uns ist das weniger eine finanzielle Frage", sagte Konzernchef Michael Thamm nach der Aufrichtung des Wracks SPIEGEL ONLINE. Dennoch waren die Ausgaben enorm: Die Folgekosten der Havarie beliefen sich auf etwa 1,5 Milliarden Euro, hinzu kommt der Verlust der 450 Millionen Euro teuren "Costa Concordia". Bisher wurden mehr als 2600 Passagiere mit insgesamt 84 Millionen Euro entschädigt.

Was bleibt, ist das Grauen angesichts der Handyaufnahmen, die zeigen, wie offensichtlich desorientiertes "Costa Concordia"-Personal durch die Gänge des Schiffs läuft und nicht in der Lage ist, den Passagieren präzise Anweisungen oder auch nur Informationen zu geben. Einige Angestellte sollen Sprachschwierigkeiten gehabt haben.

Als ominös gilt weiter die Rolle der Moldauerin Domnica Cemortan, die mit Schettino liiert und zum Unglückszeitpunkt auf der Brücke gewesen sein soll. Sie erklärte in zwei Interviews, der Kapitän habe sich noch während der Katastrophe per Hubschrauber absetzen wollen - mit einem Paket unbekannten Inhalts. Cemortan hat Schettino auf Schadenersatz in Höhe von 200.000 Euro verklagt, als leidtragende Passagierin und Opfer der "aggressiven Medien".

Auch die Frage, warum erst 69 Minuten nach der Kollision mit dem Felsen Alarm auf dem Schiff ausgelöst und warum es weitere 20 Minuten dauerte, bis die Evakuierung angeordnet wurde, ist nicht abschließend geklärt. Schettino behauptete, er habe das Schiff in den Hafen manövriert, um die Passagiere möglichst dicht an die Küste zu bringen. Experten erklärten, dies sei unmöglich gewesen, weil das Ruder beschädigt war.

Die Fassungslosigkeit, die Schettino bei Geschädigten, Hinterbliebenen und in der Öffentlichkeit provozierte, resultierte aus seinem Versagen, aber auch seinem Talent, das Falsche zu tun - sei es die ehrenrührige Flucht vom sinkenden Schiff ("Die Schwerkraft hat mich ins Rettungsboot gezogen") oder sein Auftritt als Panikmanagement-Experte an der Universität Rom ("Ich weiß, wie man sich in solchen Fällen verhält").

Mitgefühl? Fehlanzeige

Hilflos, kleinlaut und seltsam verzögert wirkte er im Telefongespräch mit dem wütenden Kommandanten der Hafenbehörde Livorno, der minutenlang versuchte, ihn zur Rückkehr auf sein Schiff zu bewegen ("Gehen Sie verdammt noch mal an Bord!"). Der Audiomitschnitt des dramatischen Dialogs sorgte weltweit für Empörung und bescherte Schettino hässliche Beinamen wie "Kapitän Feigling" oder "Capitano dilettante".

Der Ex-Comandante ist eine Art jovialer Achtziger-Jahre-Typ: Er legt Wert auf gebräunte Haut, trägt die Haare im Nacken zu lang und seine Anzüge eine Nummer zu groß. Er kultiviert seinen neapolitanischen Dialekt, mag Partys und schöne Frauen, sein Habitus ist eine Mischung aus Arroganz und Hemdsärmeligkeit. "Auf dem Schiff komme ich als Kommandant gleich nach Gott", stellte er einmal fest. Nach der Havarie zeigte er sich unfähig, in angemessenen Worten sein Mitgefühl mit den Hinterbliebenen der Opfer auszudrücken.

Überhaupt, die Sprache: Immer wieder setzte sich Schettino mit hanebüchenen, den Toten gegenüber respektlosen Formulierungen in die Nesseln. Mit seiner fatalen "Verneigung" vor der Insel Giglio habe er "drei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollen", sprich, zwei Freunde und seinen Arbeitgeber beeindrucken wollen, erklärte er salopp. Auf die Frage, ob er Fehler gemacht habe, sagte er: Mein Fehler war, dass ich mich auf Leute verlassen habe, die dafür bezahlt werden, ihren Job zu machen, dies aber nicht getan haben." Schuld, so der Tenor von Anfang an, waren immer die anderen.

Wo waren Schettinos Berater, seine Anwälte, die ihn vor sich selbst hätten schützen müssen? Offenbar hinderte niemand den Angeklagten daran, während des Prozesses Interviews zu geben und öffentlich aufzutreten. Seinem Ruf schadete es nachhaltig, denn was er sagte, war wenig erhellend und wie er es sagte, war inadäquat.

Wenn er mit Journalisten sprach, neigte er manchmal vertraulich den Kopf zur Seite und senkte bedeutungsvoll die Stimme, als würde er jetzt loslegen, endlich auspacken und der Welt erzählen, was wirklich passierte in jener Nacht. Doch sehr oft erzählte nur das, was alle schon wussten.

Schettino wird vermutlich gegen das Urteil in Berufung gehen. Egal, wie hoch das Strafmaß letztlich ausfallen wird: Die Trauer um die Toten und die schrecklichen Erinnerungen der Überlebenden wird es nicht auslöschen können.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
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1. Ein Wicht
mulli3105 11.02.2015
dem von seinem demonstrativ vorgetragenen Machohabitus nicht mehr viel geblieben ist. Schettino dürfte das so ziemlich skurrilste Zerrbild des Romankapitäns sein, der mannhaft als letzter auf der Brücke dem Tod ins Auge sieht... Ein Feigling, dem angesichts der Katastrophe sämtliche Sicherungen durchgebrannt sind und deshalb nur mehr daran dachte, seine Haut zu retten anstatt die seiner Passagiere. Wie ein solch labiler Traumtänzer es auf die Brücke eines solch großen Schiffes schaffte, ist mir schleierhaft. Ihm vielleicht auch, aber jetzt hat er ja 26 Jahre Zeit darüber nachzudenken. Ein wirkliches Trauerspiel...
2. Einsicht
rambazamba1968 11.02.2015
wäre notwendig gewesen. Er hat sich als Opfer dargestellt und wollte einen Freispruch. Nein, auf Grund falscher Entscheidungen bzw. Flucht vor Verantwortung hat er Menschenleben auf dem Gewissen. Die Schuld auf andere zu schieben, ist erbärmlich.
3. Als Kapitaen selbst, schlage ich vor, die Sache differenziert zu sehen.
Alfred Ahrens 11.02.2015
Deutsche Kapitäne wie Bernd Migeod, Bommel Röder oder Hans Mehlhose sind ein leuchtendes Beispiel, dass so etwas auf ihren Schiffen nie passieren würde. Es liegt immer auch an dem Management der Reederei was zugelassen wird. Wenn sie natuerlich nur 9000 USD per Monat zahlen bekommen sie schlechte Leute, Schettino hätte niemals solch ein Kommando bekommen soolen, aber Herr Michael Thamm kann das natürlich besser beantworten. Bleiben sie gesund und machen sie Urlaub bei ihren Schwiegereltern auf der Wiese...
4. ich kann es nicht glauben
vikking 11.02.2015
Zitat: "... ein Jahr für das Zurücklassen Minderjähriger oder hilfsbedürftiger Personen." Das bedeutet, dass er diese Personen gnadenlos ihrem Schicksal überlassen hat! Unglaublich, was er da getan hat, aber genau so unfassbar ist hierzu die Rechtsprechung.
5. Lange Berufungsverfahren
george2013 11.02.2015
Der Commandante wird in Berufung gehen. Und so bleibt er weiter mindestens fünf Jahre in Freiheit. Berufungsverfahren - auch Revisionsverfahren - dauern in Italien ewig lange ubd können auf hervorragende Weise verschleppt werden.
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