Ehrenmord-Prozess: Familie Ö. zerstört sich selbst

Von , Detmold

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Verurteilter Fendi Ö.: Haltung um jeden Preis

Ein Wort hätte seine Tochter retten können, doch Fendi Ö. schwieg: Das Landgericht Detmold hat nun den Vater der ermordeten Arzu zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt. Die Kammer kritisierte zudem eine kulturelle Tradition, "in der selbstbewusste Frauen eine Bedrohung darstellen".

Er hat das letzte Wort, er könnte sich erklären, um Verzeihung bitten oder um Milde flehen, doch Fendi Ö. sagt keinen Ton. Er sitzt aufrecht, die Hände ineinandergelegt, er bewahrt Haltung, sein Blick geht geradeaus ins Leere. Es ist die Pose eines Mannes, dessen öffentliches Bild ihm stets wichtiger schien als vieles andere - etwa das Leben seiner eigenen Tochter.

Fendi Ö. hat nämlich auch geschwiegen, als ein Wort von ihm sein Kind hätte retten können. Als vier Brüder und eine Schwester Arzu entführten, weil sie einen Deutschen liebte, was in einer traditionellen jesidischen Familie nicht sein konnte und vor allem nicht sein durfte. Die Ehre musste wiederhergestellt werden, und das bedeutete in diesem Fall sogar, dass nach einer stundenlangen Odyssee durch Deutschland Osman seiner Schwester Arzu zweimal in die linke Schläfe schoss. Fendi Ö. ließ es geschehen.

Das Landgericht Detmold hat den 53-Jährigen daher an diesem Montag unter anderem wegen Beihilfe zum Mord zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Nach Auffassung der Kammer unternahm der zehnfache Familienvater trotz zahlreicher Telefonate mit dem Entführertrupp in der Tatnacht nichts, um Arzu zu schützen. Beihilfe durch Unterlassen nennen die Juristen das. "Es war ein Mordkommando unterwegs, das wusste er", so der Vorsitzende Richter Michael Reineke über Fendi Ö.: "Und er wusste auch, was es bedeutet, wenn er nichts sagt."

Arzu flüchtete in ein Frauenhaus, die Familie fand sie trotzdem

Arzu war, wenn man so will, immer das Problemkind der Familie Ö., die 1985 aus einem kleinen Ort im kurdischen Teil der Türkei nach Deutschland gekommen war: Die junge Frau war freiheitsliebend und aufmüpfig, sie hinterfragte viel, hatte Probleme in der Schule, forderte die Eltern heraus. Vor allem aber war die 18-Jährige sehr verliebt in Alex, einen Deutschen, ihren Kollegen in einer Bäckerei. Dafür wurde sie von den Verwandten verprügelt und mit dem Tod bedroht, will man doch in der uralten Religionsgemeinschaft der Jesiden unbedingt unter sich bleiben.

Arzu flüchtete in ein Frauenhaus, schnitt sich die Haare ab, färbte sie blond, änderte schließlich sogar ihren Namen. Doch als sie Anfang November 2011 ihren Freund besuchte, fand die Familie sie doch. Noch in derselben Nacht rückte ein aus fünf Geschwistern bestehender Trupp an und entführte Arzu mit Gewalt aus der Wohnung ihres Lebensgefährten in der Detmolder Talstraße: Kirer, Osman und Sirin Ö. brausten mit dem Opfer davon, Kemal und Elvis fuhren nach Hause.

Von zentraler Bedeutung in dem Verfahren gegen den Vater Fendi Ö. sind nun die Telefongespräche zwischen den Kidnappern und einem Handy, das Ö. zugerechnet wird. Die Kammer kann nicht wissen, was in den zahlreichen Telefonaten vor und nach der Entführung Arzus besprochen wurde, hat doch keines der Familienmitglieder dazu Angaben gemacht. Doch das Gericht leitet aus der später folgenden Ermordung der 18-Jährigen ab, dass der Vater die Aktion zumindest nicht stoppte. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner der Schuld, auf den sich die Beteiligung des Fendi Ö. an dem sogenannten Ehrenmord bringen lässt.

Die Familie wollte das Ansehen wahren - und hat alles verloren

Die Richter gehen zudem davon aus, dass in einer streng-jesidischen Familie wie den Ö.s der Vater "das Sagen hat", so der Vorsitzende Reineke. "Alle machen, was er will." Daher stellten "selbstbewusste Frauen", die ihren eigenen Willen hätten und ein eigenes Leben leben wollten, für ihn "eine Bedrohung" dar. Dass Arzu von zu Hause geflohen sei und - schlimmer noch - den Vater, der sie schwer verprügelt hatte, bei der Polizei angezeigt habe, sei das Schlimmste für den Patriarchen gewesen. Dem Gesichtsverlust in der jesidischen Gemeinschaft habe der Clan nun begegnen müssen, so Reineke, dazu hätten sich auch alle übrigen Kinder unbedingt verpflichtet gefühlt.

Fendi Ö.s Verteidiger hingegen hatte in seinem Plädoyer argumentiert, es sei nicht bewiesen, dass sein Mandant in der Tatnacht mit dem betreffenden Handy telefoniert habe. Eine Beteiligung an der Ermordung Arzus sei somit nicht zu belegen, so der Bielefelder Rechtsanwalt Torsten Giesecke, der unmittelbar nach dem Urteil ankündigte, Rechtsmittel gegen die Entscheidung einzulegen. Der Oberstaatsanwalt Christopher Imig hingegen hatte sogar acht Jahre und neun Monate Gefängnis gefordert. Die Vollstrecker des väterlichen Willens, seine fünf Kinder, sind bereits zu Haftstrafen zwischen lebenslang und fünf Jahren verurteilt worden.

Am Ende seiner Urteilsbegründung wendet sich Richter Reineke noch einmal unmittelbar an den Angeklagten und räumt auf mit der vermeintlichen Ehre, die es wiederherzustellen gegolten habe. In Wirklichkeit handele es sich dabei nur "Gerede von Freunden, das nicht wichtig sein darf, wenn es um die eigene Tochter geht".

Doch gerade dieses Gerede, der Druck des Umfelds, die Norm, der sich die Familie Ö. nicht entziehen wollte, führte schließlich zu ihrer Selbstzerstörung. Der Vater und fünf seiner Kinder sitzen im Gefängnis, Arzu ist tot, und demnächst wird sich auch noch die Mutter Adle Ö. vor Gericht verantworten müssen. Das Oberlandesgericht Hamm hat entschieden, dass ein Prozess gegen sie geführt werden muss, wegen Körperverletzung.

Fendi Ö. verlässt den Saal am Montagmittag aufrecht und unbewegt. Ihm bleibt nur noch die Pose. Alles andere ist verloren.

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