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Urteil im Fall Jonny K.: "Dummheit, Arroganz und Aggressivität"

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Das Landgericht Berlin hat sechs junge Männer verurteilt, die für den Tod des 20-jährigen Jonny K. verantwortlich sein sollen. Vor allem Onur U., laut Urteil Haupttäter, reagierte provokant auf das verkündete Strafmaß. Sein Verteidiger kündigt Revision an.

Damit hatte Onur U. nicht gerechnet. Viereinhalb Jahre soll der 19-Jährige in Haft. Er wurde verurteilt wegen Körperverletzung mit Todesfolge, weil er der Haupttäter der Schlägerei auf dem Berliner Alexanderplatz in der Nacht vom 14. Oktober vergangenen Jahres sein soll, bei der Jonny K. sein Leben verlor.

Seine Fassungslosigkeit brachte der Amateurboxer auf verstörende Weise zum Ausdruck: Er verzog sein Gesicht zu einem Grinsen, das einem verhöhnenden Lächeln gleichkam. Er verschränkte die Arme hinter seinem Kopf, rollte mit den Augen, schnitt Grimassen, betrachtete seine Fingernägel.

Das sei nur der Schock gewesen, sagte sein Verteidiger Axel Weimann. Onur U. sei ein junger Mensch, keinesfalls sollte seine Reaktion signalisieren, dass er "jemanden ausgelacht" habe. Schon gar nicht habe er jemanden verhöhnen wollen.

"Falschverstandene Kumpelhaftigkeit"

Jedoch wirkten auch seine fünf Kumpels, die mit ihm angeklagt waren, keineswegs betrübt. Fast feixend schlenderten sie aus Saal 700. Dabei verurteilte die 9. Jugendstrafkammer des Berliner Landgerichts auch die drei Cousins Mehmet E., 19, Osman A., 19, und Hüseyin I., 21, und ihre Kumpels Melih Y., 21, und Bilal K., 24, zu Haftstrafen zwischen zwei Jahren und drei Monaten sowie zwei Jahren und acht Monaten - wegen gefährlicher Körperverletzung und Beteiligung an einer Schlägerei. Die Verteidiger hatten für alle sechs Angeklagten Bewährungsstrafen beantragt.

Die tödliche Schlägerei in jener Oktobernacht bezeichnete der Vorsitzende Richter Helmut Schweckendieck als "Tragödie, bei der ein hilfsbereiter junger Mann sein Leben verlor". "Eine Tat ohne jeden Anlass", bei der alle Angeklagten aus "falsch verstandener Kumpelhaftigkeit" agiert hätten.

Ihre linke Hand in der rechten der Tochter, so hatte Jonny K.s Mutter das Urteil gegen die jungen Männer, die den Tod ihres Sohnes zu verantworten haben, erwartet. Bis zum Ende der Verkündung hielten sich die beiden Frauen fest, ihre rechte Hand presste die Mutter auf ihr Herz. Richter Schweckendieck wandte sich an sie mit den Worten: "Ich weiß, dass kein Prozess Ihnen den Sohn, den Bruder, den Freund wiederbringt." Vielleicht aber habe das Verfahren zur Aufarbeitung des Falls beigetragen.

In voller Gänze hat es das nicht. Das Geschehen habe nicht lückenlos geklärt werden können, so der Richter. Die Angeklagten hätten nicht alles zu ihrer Tatbeteiligung gesagt. Welche der vier Kopfverletzungen, die Jonny K. durch die Schlägerei erlitt, durch welche Handlung verursacht wurde, habe nicht geklärt werden können.

"Egal, wer was gemacht hat"

Nach Feststellung der Kammer seien in jener Nacht Jonny K. und seine drei Freunde zufällig auf die Gruppe um Onur U. gestoßen. Jonnys Freund Gerhard C. habe einen betrunkenen Freund huckepack getragen. Jonny K. habe den Stuhl einer geschlossenen Eisdiele herangezogen, damit Gerhard C. den angeschlagenen Kumpel absetzen konnte. Doch exakt in diesem Moment habe Onur U. an der Stuhllehne gerüttelt - "aus Dummheit, Arroganz, Unverschämtheit und Aggressivität".

"Ey, was soll das? Siehst du nicht, dass der besoffen ist?", habe Jonny K. zu Onur U. gesagt, so Richter Schweckendieck. Onur U. habe Jonny K. daraufhin einen Faustschlag ins Gesicht versetzt. "Alles, was danach passiert ist, ist auch den anderen zuzurechnen - egal, wer was gemacht hat."

Jonny K. sei von allen attackiert worden, selbst als er bewegungslos am Boden lag, seien ihm mindestens drei Tritte gegen den Kopf versetzt worden. Von wem - das sei nicht festzustellen und auch nicht entscheidend: Juristisch ist entscheidend, wer den ersten Schlag gesetzt hat. Und das ist nach Auffassung des Gerichts Onur U. Deshalb sei ihm die Todesfolge zuzurechnen - obwohl sein Schlag nicht Jonny K.s Tod verursacht haben muss. Mit der wuchtigen Attacke habe der Berliner aber das Signal für die Gruppe zum Zuschlagen gegeben.

Onur U. hatte vor Gericht ausgesagt, er habe Jonny K. nicht angegriffen, nicht einmal wahrgenommen. Er habe nur dessen Begleiter Gerhard C. verprügelt. Diese Version hatten die drei Cousins gestützt, indem sie Bilal K. belastet hatten. Diese Einschätzung teile die Kammer jedoch nicht, sagte Schweckendieck.

Alle - außer Onur U. - hatten Schläge und Tritte eingeräumt, aber eine Verantwortung für den Tod von Jonny K. bestritten.

Gerhard C. hatte explizit Onur U. beschuldigt, Jonny K. den ersten Schlag versetzt zu haben. Das Gericht hielt diese Aussage - wie der Oberstaatsanwalt - für glaubhaft. Gerhard C. habe noch am Tatort ausgesagt, dass der, der den Stuhl weggezerrt habe, Jonny K. als Erster angegriffen habe. Onur U. hatte selbst eingeräumt, die Lehne weggezogen zu haben.

Verteidiger kündigt Revision an

Richter Schweckendieck sagte jedoch auch, dass die Aussagen Gerhard C.s "mit Vorsicht zu genießen" seien, ohne an dessen Integrität zu zweifeln. Gerhard C. hatte keinen der Angeklagten auf Fahndungsbildern bei der Polizei identifizieren können, sondern Onur U. erst auf einem Foto in der "Bild"-Zeitung erkannt, sich jedoch nicht an die Polizei gewandt. Auch habe Gerhard C. erst in seiner zweiten Aussage vor Gericht detailliert Angaben zum Tatverhalten der einzelnen Angeklagten gemacht, nachdem er sich in seiner ersten Befragung nicht daran erinnern konnte.

Onur U. ist für das Gericht zweifelsfrei der Haupttäter, wie der Richter sagte. Eine längere Haftstrafe müsse schon allein aus erzieherischen Maßnahmen verhängt werden. Onur U. ist dreimal wegen Körperverletzungsdelikten vorbestraft, hat zwei Wochen Arrest verbüßt und ein Anti-Aggressionstraining absolviert. "Offensichtlich erfolglos", wie Schweckendieck konstatierte.

"Wir werden selbstverständlich in Revision gehen", kündigte Axel Weimann, Onur U.s Verteidiger, an. Er habe wenigstens mit der Aufhebung des Haftbefehls gegen seinen Mandanten gerechnet. Onur U. offensichtlich auch. Doch er bleibt in Haft, obwohl das Urteil noch nicht rechtskräftig ist. Mit einem leeren Grinsen ließ er sich von Justizbeamten abführen.

"Man weiß nicht, wer Jonny getötet hat", sagte seine Schwester Tina K. nach der Urteilsverkündung. "Aber ich hoffe, dass der, der es war, eines Tages kommt und sagt: 'Ich war's!' Eine gerechte Strafe für den Tod eines Menschen gibt es nicht."

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