Urteil im Fall Tugce "Er wollte ihr ordentlich eine langen"

Sanel M., 18, schlug die Studentin Tugce Albayrak nieder, jetzt hat das Landgericht Darmstadt ihn zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt. Die Verkündung des Richters war drastisch - und ungewöhnlich.

Von , Darmstadt


Der Prozess um den gewaltsamen Tod von Tugce Albayrak hat dem Vorsitzenden Richter der 10. Großen Strafkammer am Landgericht Darmstadt zugesetzt. Tiefe Augenringe haben sich während der neun Verhandlungstage in das Gesicht von Jens Aßling gegraben. Um 11.42 Uhr verkündet er, dass Sanel M. wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt wird. Der 18-Jährige nimmt das Urteil regungslos auf.

Sanel M. versetzte in den frühen Morgenstunden des 15. November 2014 auf dem Parkplatz vor einer McDonald's-Filiale in Offenbach der Studentin Tugce Albayrak einen kräftigen Schlag gegen den Kopf. Sie starb an den schweren Verletzungen.

Sanel M. habe die Körperverletzung, sprich den Schlag, mit Absicht begangen, erklärt Aßling in einer Art Vorwort vor der eigentlichen Urteilsbegründung. Dass Tugce Albayrak aber so schwer verletzt wurde, dass ihre Eltern an ihrem 23. Geburtstag schließlich die Maschinen, die ihre hirntote Tochter am Leben hielten, abschalten mussten, habe Sanel M. nicht beabsichtigt.

Die Familie Albayrak habe "den schlimmsten Verlust erlitten, den man erleiden kann", sagt Aßling. "Kein Urteil der Welt kann das ausgleichen." Er schaut zu Tugces Eltern. "Damit müssen Sie leben, so schwer es fällt. Genugtuung wie bei anderen Straftaten wird es in so einem Verfahren nie geben."

"Ihre Tochter hat keine Zukunft"

Es ist eine ungewöhnliche Urteilsverkündung. Eindringlich wendet sich Aßling zu Beginn an die Angehörigen des Opfers und ordnet Aussagen ein, die in der Hauptverhandlung gemacht wurden und die sie vielleicht sogar als despektierlich empfunden haben könnten. Niemals habe die Kammer die Absicht gehabt, "Ihre Tochter herabzusetzen oder zu demontieren".

Aßling entschuldigt sich fast bei der Familie, bereitet sie behutsam darauf vor, was sie auch heute, am letzten Verhandlungstag, noch aushalten müssen. Es werde in der Urteilsbegründung um die Zukunft des Angeklagten gehen. "Ihre Tochter hat keine Zukunft." Der Strafprozess aber sei ein Prozess über das Verhalten des Täters.

Dieser sei in jener Novembernacht "außer sich vor Wut" gewesen, nachdem ihm Tugce Albayrak etwas zugerufen habe, außer Acht lassend, dass er selbst herumgepöbelt habe. Aßling schildert in Sekundensequenzen die entscheidenden zweieinhalb Minuten, in denen sich die Freundinnen um Tugce und die Freunde um Sanel bekriegen. "Beide Seiten haben sich aufs Heftigste beleidigt."

Keine günstige Sozialprognose für den Täter

Überwachungskameras auf dem Parkplatz vor dem McDonald's zeigen die Ausholbewegung Sanel M.s in Richtung Tugce Albayrak. "Er wollte ihr ordentlich eine langen", sagt Aßling nüchtern. "Das wollte er, ganz sicher. Was dann folgte, wollte er sicher nicht." Dennoch habe Sanel M. wissen müssen, dass ein solcher Schlag einen anderen schwer verletzen kann. Daher sei es rechtlich eine Körperverletzung mit Todesfolge.

Die Kammer hält eine Jugendstrafe für unumgänglich. Bei Sanel M. sei keine "günstige Sozialprognose" zu erkennen, stattdessen aber durchaus "schädliche Neigungen", wie sie auch Oberstaatsanwalt Alexander Homm dem 18-Jährigen in seinem Plädoyer attestierte. Das Gericht befürchtet, dass Sanel M. in Freiheit sofort in alte Verhaltensmuster verfallen und durch den alten Freundeskreis und das bekannte Umfeld auf dem falschen Weg bleiben würde.

Im Jugendstrafrecht sei der Erziehungsgedanke entscheidend, erklärt Richter Aßling. Nur mit einer Jugendstrafe, die auch psychologische Aspekte bearbeite, könne Sanel M.s mangelnde Empathie und seinen Hang zu Gewalt als Lösung von Konflikten behandelt werden.

Dass Freiheitsentzug allein Sanel M. nicht den Ernst der Lage näherbringt, zeigt die Tatsache, dass er bereits zwei Mal in Arrest war. Zuletzt zwei Monate vor dem Schlag mit den tödlichen Folgen. Diesen Warnschuss, so Aßling, habe sich Sanel M. "nicht zu Herzen genommen". Warum er es also jetzt tun sollte, bleibt unklar.

Heinz-Jürgen Borowsky, einer von drei Verteidigern, wird später auf dem Gerichtsflur sagen, dass Jugendarrest einem "Wegsperren" gleichkomme, und Revision ankündigen.

Zeitgleich versammeln sich vor dem Gerichtsgebäude Freunde und Bekannte der Familie Albayrak. Viele sind in Schwarz gekleidet, viele tragen die T-Shirts mit Tugces Konterfei wie beim Prozessauftakt im April. Damals hatte Sanel M. in einem tränenreichen Geständnis erklärt, wie sehr er den Tod der Studentin bedauere.

Er möge keine Entschuldigungen vor Gericht, sagt Richter Aßling am Dienstag in Saal 3. Solche "von Reue getragenen Geständnisse" hätten "immer etwas Künstliches" und würden dann ohnehin von der Gegenseite als Kalkül gewertet. Erst recht, wenn ein Angeklagter solch eine Entschuldigung gut vortragen könne, sie aber gar nicht ernst meine. Oder eben umgekehrt. "Sanel M.s Geständnis schien uns durchaus aufrichtig", sagt Aßling. Es sei ein erster Schritt, den er zu vollziehen habe. "Er muss selbst mit der Tat klarkommen. Er wollte keinesfalls den Tod eines Menschen verursachen."

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