Urteil im Inzest-Prozess Gericht lässt Vergewaltigungsvorwurf fallen

Er zeugte drei Kinder mit seiner Tochter, jetzt hat das Landgericht Nürnberg Adolf B. wegen Inzests zu fast drei Jahren Haft verurteilt. Vom Vorwurf der Vergewaltigung sprachen ihn die Richter frei.

Adolf B. vor dem Landgericht Nürnberg: Wegen Inzests für drei Jahre in Haft
dapd

Adolf B. vor dem Landgericht Nürnberg: Wegen Inzests für drei Jahre in Haft


Nürnberg - Inzest, aber nicht gegen den Willen der Frau: Im Prozess um die jahrzehntelange, angebliche Vergewaltigung einer Tochter durch ihren Vater hat das Landgericht Nürnberg-Fürth den Vergewaltigungsvorwurf fallengelassen. Bei dem Kontakt zwischen Vater und Tochter habe es sich um einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehandelt, urteilte das Gericht.

Weil einvernehmlicher Inzest aber auch strafbar ist, muss der 69-jährige Rentner wegen Beischlafs unter Verwandten sowie Nötigung für zwei Jahre und acht Monate in Haft. Von ihrem Vater hatte Renate B. drei behinderte Söhne bekommen, zwei von ihnen starben als Kleinkinder.

Die Staatsanwaltschaft hatte den Mann wegen Vergewaltigung in rund 500 Fällen angeklagt. Er sollte seine heute 46 Jahre alte Tochter seit deren zwölftem Lebensjahr über einen Zeitraum von 34 Jahren vergewaltigt haben. Die Anklage hatte sich auf die Aussagen der Tochter gestützt und 14 Jahre Haft sowie die anschließende Sicherungsverwahrung gefordert. Das Gericht folgte aber der Auffassung der Verteidigung, die die Darstellung der Tochter als unglaubwürdig bezeichnet hatte.

Die Mutter soll von Anfang an Bescheid gewusst haben

Der Vorsitzende begründete den Freispruch vom Vorwurf der Vergewaltigung vor allem mit den Widersprüchen in den verschiedenen Vernehmungen der Tochter. Mal habe sie sich beim ersten Mal selbst ausgezogen, in einer anderen Darstellung habe der Vater sie gepackt, mal sei die Mutter dabei gewesen, dann habe sie nach dem ersten Eindringen eine Blutung gehabt und in einer anderen Darstellung keine Blutung. "Bei einem solchen Aussageverhalten, das sich in entscheidenden Gesichtspunkten von Fall zu Fall ändert, konnten wir keinen Tatnachweis begründen."

Im Prozess hatte die Frau den jahrzehntelangen Missbrauch ausführlich geschildert. "Wenn ich mit anderen darüber gesprochen hätte, wäre der Teufel los gewesen", sagte sie damals vor Gericht. "Dann bringe ich dich um. Egal, wo du hingehst, ich finde dich", habe ihr Vater gedroht.

Die Mutter habe von Anfang an Bescheid gewusst, ihr aber nicht geholfen. Bei der ersten Vergewaltigung habe die Mutter sogar mit im elterlichen Ehebett gelegen, berichtete die Tochter. Sie sei damals 12 oder 13 Jahre alt gewesen.

Als sie ihre Mutter in späteren Jahren auf die ständigen sexuellen Übergriffe angesprochen habe, habe diese nur geschwiegen. Auch ihre vier Brüder hätten ihr nicht zur Seite gestanden. Erst eine Bewährungshelferin, der sie sich offenbart hatte, brachte das Verfahren ins Rollen.

Schlafmittel ins Essen gemischt

Zu Beginn des Prozesses hatte der 69-Jährige die sexuellen Kontakte zu seiner Tochter zugegeben, aber von einvernehmlichem Geschlechtsverkehr gesprochen. Er sagte aus, dass die Initiative zum gemeinsamen Sex fast immer von seiner Tochter ausgegangen sei - eine Behauptung, die die Tochter vehement zurückgewiesen hatte. Einmal habe sie ihrem Vater sogar ein Schlafmittel ins Essen gemischt, um nicht wieder Opfer seiner sexuellen Übergriffe zu werden.

Ein Gutachter hatte Adolf B. während des Prozesses als voll schuldfähig eingeschätzt. Zwar zeige der Mann psychische Auffälligkeiten, aber in keinem strafrelevanten Maß. Bei dem 69-Jährigen bestehe eine "sehr hohe Wahrscheinlichkeit", dass er solche Taten in ähnlichen Situationen wiederhole.

jbr/dapd



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