Nach Urteil im Knox-Prozess Justizministerin lässt Äußerungen von Richter untersuchen

Die Äußerungen des Richters Alessandro Nencini nach dessen Urteil gegen Amanda Knox und Raffaele Sollecito sorgen weiter für Wirbel: Nun schaltete sich auch Italiens Justizministerin ein und ordnete eine Untersuchung an. Nencini verteidigt sich.

DPA

Hamburg/Rom - Nach den umstrittenen Interviews des Richters Alessandro Nencini, der in der vergangenen Woche das letzte Urteil im Mordfall Meredith Kercher gesprochen hatte, schaltet sich die italienische Justizministerin ein. Anna Maria Cancellieri teilte mit, sie habe eine Untersuchung der Äußerungen angeordnet.

Nencini hatte am Donnerstag Amanda Knox und Raffaele Sollecito wegen Mordes an Kercher zu 28 Jahren und sechs Monaten beziehungsweise 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Die britische Austauschstudentin Kercher war am 1. November 2007 getötet worden.

Am Samstag waren in italienischen Zeitungen Interviews mit Nencini erschienen, in denen er über seine Entscheidung ("emotional sehr hart") und das Verhalten von Sollecito sprach. Er deutete an, dass es für Sollecito nicht von Vorteil gewesen sei, dass er sich keinem Kreuzverhör gestellt hatte.

Sollecitos Anwälte kritisierten die Äußerungen scharf, zugleich sind sie für sie ein gefundenes Fressen: Luca Maori bezeichnete die Kommentare zur Verteidigungsstrategie "bedenklich", sie könnten in ihre angekündigte Berufung gegen das Urteil Eingang finden.

"Beiläufiges" Gespräch im Gerichtsflur

Der Vorsitzende des Dachverbands der Richterschaft, Rodolfo Sabelli, hatte es "unpassend" genannt, dass ein Vorsitzender Richter überhaupt Erklärungen abgebe, bevor eine Urteilsbegründung vorliege. Jetzt wird die Möglichkeit einer Disziplinarstrafe gegen Nencini geprüft. Die schriftliche Begründung Nencinis wird in etwa drei Monaten erwartet.

Der Richter verteidigte sich: Er habe die Strategie der Verteidigung nicht beurteilt. Sollten seine Worte missverständlich gewesen sein, bedaure er dies, so Nencini zur Nachrichtenagentur Ansa. Er habe "beiläufig" mit Journalisten gesprochen, die ihm in Fluren des Gerichts begegnet seien und ihn mit "Gerüchten und Rückschlüssen" zu den Beratungen des Gerichts konfrontiert hätten. "Ich wollte mögliche Missverständnisse ausräumen", so Nencini.

Knox und Sollecito waren bereits 2010 zu 26 und 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Ein Berufungsgericht sprach sie jedoch 2011 nach vier Jahren Haft frei. Diesen Freispruch kassierte das oberste Gericht, das Widersprüche und Unzulänglichkeiten im Berufungsverfahren sah. Der Fall musste erneut in Florenz verhandelt werden und endete mit der Verurteilung am Donnerstag. Nun wird sich aller Voraussicht nach das oberste Gericht erneut mit dem Fall befassen müssen.

Knox war dem Prozess in Florenz ferngeblieben, sie lebt wieder in den USA. Ob sie im Fall einer rechtskräftigen Verurteilung ausgeliefert wird, ist offen, gilt aber als unwahrscheinlich.

bim/AP

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Seite 1
mariameiernrw 04.02.2014
1. Failed state
Italien wird immer mehr zum failed state: Die Justiz hat sich hier komplett blamiert. Ein ständiges hin und her beim Urteil. Dass Knox kein Alibi hat, wird ihr negativ ausgelegt und der Richter gibt offen zu, dass er nicht rational geurteilt hat, sondern emotional und plaudert dies sogar noch vor dem Urteil aus. Die Exikutive ist in Italien auch heillos überfordert: Ständig gibt es Müllproblem. Auf Lampedusa herrscht Chaos trotz Millionenhilfe der EU und obwohl z.B. Deutschland und Schweden deutlich mehr Asylanten aufnehmen und deutlich mehr Asylanfragen erhalten als die Italien, herrscht bei uns kein Chaos. Bleibt noch die Legislative: Italien verprasst Geld als gäbe es kein morgen mehr und die Wahlreform kommt auch nicht voran. Ich bin froh nicht in so einem failed state wie Italien leben zu müssen.
Gottloser 04.02.2014
2. Nicht nur der Richter hat das Urteil gefällt
Zitat von sysopDPADie Äußerungen des Richters Alessandro Nencini nach dessen Urteil gegen Amanda Knox und Raffaele Sollecito sorgen weiter für Wirbel: Nun schaltete sich auch Italiens Justizministerin ein und ordnete eine Untersuchung an. Nencini verteidigt sich. Urteil im Knox-Prozess: Justizministerin lässt Äußerungen von Richter untersuchen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/urteil-im-knox-prozess-justizministerin-laesst-aeusserungen-von-richter-untersuchen-a-950905.html)
Daran waren, wenn man dem Bild glauben darf, mindestens sieben Personen beteiligt. Bitte nicht jede Nachricht personalisieren.
mariameiernrw 04.02.2014
3.
Zitat von GottloserDaran waren, wenn man dem Bild glauben darf, mindestens sieben Personen beteiligt. Bitte nicht jede Nachricht personalisieren.
Wie in Deutschland wird es wohl auch in Italien sein: Der vorsitzende Richter ist die Hauptperson, die alles längt und natürlich auch die Geschworenen/Schöffen de facto die Grundlinie vorgibt.
LapOfGods 04.02.2014
4.
Zitat von mariameiernrwItalien wird immer mehr zum failed state: Die Justiz hat sich hier komplett blamiert. Ein ständiges hin und her beim Urteil. Dass Knox kein Alibi hat, wird ihr negativ ausgelegt und der Richter gibt offen zu, dass er nicht rational geurteilt hat, sondern emotional und plaudert dies sogar noch vor dem Urteil aus. Die Exikutive ist in Italien auch heillos überfordert: Ständig gibt es Müllproblem. Auf Lampedusa herrscht Chaos trotz Millionenhilfe der EU und obwohl z.B. Deutschland und Schweden deutlich mehr Asylanten aufnehmen und deutlich mehr Asylanfragen erhalten als die Italien, herrscht bei uns kein Chaos. Bleibt noch die Legislative: Italien verprasst Geld als gäbe es kein morgen mehr und die Wahlreform kommt auch nicht voran. Ich bin froh nicht in so einem failed state wie Italien leben zu müssen.
Als wenn wir das in Deutschland nicht alles auch schon gehabt hätten: Monika Böttcher, Harry Wörz und viele andere, deren Namen ich schon wieder vergessen habe. Mal schuldig, mal nicht. Der Rechtsstaat zermürbt. Aber gibt es eine Alternative? Schön wäre es, wenn er wenigstens den Schaden wieder gut machen würde, den er mitunter anrichtet.
Alphabeta 04.02.2014
5. Justitzprobleme
gibt es doch ständig überall, genauso, wie es überall Korruption gibt! Ich schüttele z.B. oft den Kopf über Urteile in Deutschland in Bezug auf rassistische oder faschistische brutale Gewalttaten, wo Täter nur Bewährung kriegen oder auch gleich wieder laufen gelassen werden. Oder man denke nur an den Fall Mollath!
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