Urteil im "Vatileaks"-Prozess: Die ungelösten Rätsel des "Agenten des Heiligen Geistes"
Ein Jahr und sechs Monate soll Paolo Gabriele, Ex-Kammerdiener von Benedikt XVI., wegen des Diebstahls vertraulicher Papiere ins Gefängnis. Doch der Papst wird ihn wohl begnadigen. Juristisch ist der Fall erledigt, aufgeklärt noch lange nicht.
Das ging schnell. Binnen einer Woche wickelten Richter Giuseppe Dalla Torre und seine zwei beisitzenden Kollegen einen der spektakulärsten Prozesse des Jahres ab. Monatelang waren vertrauliche Papiere aus der unmittelbaren Umgebung des Papstes an die Öffentlichkeit gelangt, manche eher banal, andere mit hochbrisantem Inhalt. Von Geldwäsche seitens der Vatikan-eigenen Bank war darin die Rede, von Korruption und Misswirtschaft in den Führungsetagen des Kirchenstaats. Andere Dokumente weckten den Verdacht, hohe und höchste Würdenträger der römisch-katholischen Kirche lieferten sich einen verbissenen Kampf um Macht und Einfluss rund um den Heiligen Stuhl. Jetzt ist der "Rabe", der die Papiere kopierte und zu Teilen einem Journalisten übergab, überführt und abgeurteilt.
Eineinhalb Jahre, so befanden die Richter am Samstagmittag, nach nur kurzer Beratungspause, soll der langjährige Kammerdiener und enge Vertraute des Papstes, der 46-jährige Paolo Gabriele, wegen des Diebstahls der brisanten Schriftstücke in Haft. Der Staatsanwalt hatte drei Jahre gefordert, die Verteidigerin hielt allenfalls drei Tage Gefängnis für angemessen. Denn Gabriele habe "aus einer moralischen Motivation heraus gehandelt, von der ich hoffe, dass sie eines Tages anerkannt und gewürdigt wird", sagte die Anwältin Christina Arru. Und auch der Angeklagte wiederholte in seinem Schlusswort, er habe aus tiefer Liebe zur Kirche und zum Papst gehandelt. "Ich fühle mich nicht als Dieb."
Gleichwohl war er in der Sache geständig, nahm alle Schuld auf sich. Die Hilfe, die ihm der zweite Angeklagte, der IT-Experte Claudio Sciarpelletti geleistet haben mag, scheint so marginal gewesen zu sein, dass sein Verfahren abgetrennt wurde und Sciarpelletti vermutlich ohne größere Strafe davonkommt. Womöglich darf er sogar seinen Job im vatikanischen Staatssekretariat behalten.
So gut kommt "Paoletto" ("Paulchen"), wie der untreue Kammerdiener von seinem Chef Papst Benedikt XVI. genannt wurde, vielleicht nicht davon. Zwar wird der absolute Herrscher des Vatikanstaats ihn "sehr wahrscheinlich" begnadigen, wie ein Sprecher ankündigte. Sollte dies allerdings nicht der Fall sein, muss Gabriele, der "Agent des Heiligen Geistes", wie er sich selber sieht, seine Strafe in einem der hoffnungslos überfüllten italienischen Gefängnisse absitzen. Der Vatikan hat keine eigene Haftanstalt.
Abgeurteilt - aber nicht aufgeklärt
Damit hat das Gericht seinen Job im Sinne seiner Auftraggeber offenbar zügig und reibungslos erledigt. Die Aufregung ist vorbei, es kann wieder Ruhe im kirchlichen Zwergstaat einkehren. Nur aufgeklärt ist eigentlich nichts. Im Gegenteil, der Fall ist nach seiner juristischen Aufarbeitung mysteriöser als zu Beginn. Es gibt mehr Fragen als Antworten:
- Hat Gabriele wirklich allein gehandelt, wie er im Prozess versicherte, oder gemeinsam mit "um die 20" Gleichgesinnten, was er im Februar im italienischen Fernsehen sagte, als er dort anonym und unkenntlich auftrat?
- Warum wurde niemand von den Personen als Zeuge befragt, die Gabriele, laut seiner Aussage, "beeinflusst" haben; darunter sind zwei Kurienkardinäle und die ehemalige Haushälterin des Papstes? Waren die vielleicht auch der Meinung, wie Kammerdiener Gabriele, man müsse dem Papst helfen, das Böse rund um ihn herum endlich wahrzunehmen?
- Sein Beichtvater, dem er sich offenbart und sogar einen kompletten Satz der heiklen Kopien überlassen habe, soll ihm geraten haben, zu niemandem ein Wort zu sagen, "außer zum Papst persönlich". Warum? War sonst niemandem zu trauen? Und warum hat sich Gabriele nicht an den Rat gehalten?
- Was ist mit dem Goldklumpen und dem Scheck über 100.000 Euro? Beides sind Geschenke reicher Katholiken an den Papst, die bei der Durchsuchung von Gabrieles Wohnung gefunden wurden, wie es hieß. Er habe sie zurückgeben wollen, soll Gabriele bei der polizeilichen Vernehmung gesagt haben. Vor Gericht behauptete er, die Gegenstände habe er nie gesehen. Die Polizisten im Zeugenstand widersprachen sich bei der Angabe des Fundortes. Das Gericht hielt den Vorgang für irrelevant.
Wer ist "Signor E."?
Prozessbeobachter wundern sich, warum zwar sechs Polizisten in den Zeugenstand gerufen wurden, die außer zur Hausdurchsuchung bei Gabriele nichts zu sagen hatten, andere, möglicherweise weit interessantere Zeugen aber nicht befragt wurden. So strichen die Richter beispielsweise den Zeugen Carlo Maria Polvani in aller Stille aus der Zeugenliste. Seltsam: Polvani arbeitet im vatikanischen Staatssekretariat und ist der Neffe des Kirchenmanns Carlo Maria Viganò. Dieser Monsignore Viganò wurde nach Washington verbannt, nachdem er dem Papst schriftlich über Korruption und Misswirtschaft im Vatikan informiert hatte. Sein Fall, sagt Gabriele, sei der letzte Anstoß für ihn gewesen, zum "Raben" zu werden. Dem Gericht war die Sache offenbar keine Frage wert.
Oder jener geheimnisvolle "Signor E.". Der habe, heißt es im Bericht des Untersuchungsrichters - das ist eine Art Staatsanwalt, der prüft, ob es zu einem Gerichtsverfahren kommt oder nicht - dem Journalisten Nuzzi ein vertrauliches Dokument übergeben, das in dessen Enthüllungs-Bestseller ("Seine Heiligkeit") publiziert wurde. Quelle dieser Information sei der Chef des vatikanischen Sicherheitsdiensts gewesen. Auch der Vorgang wurde offenbar nicht weiter verfolgt.
Wenn die Anklage und die Richter schon kein besonders ausgeprägtes Erkenntnisinteresse zeigen, warum, so fragen sich viele Prozessbeobachter, hat auch die Verteidigerin des Angeklagten nichts unternommen, um ihren Mandanten durch Zeugen entlasten oder mögliche Mittäter benennen zu lassen? Weil ohnehin alles abgesprochen war? Das Verfahren, die Aussagen, das Urteil? Auch der Gnadenakt des Papstes?
Der Prozess ist vorbei und eigentlich weiß man nichts. Es ist ein bisschen wie am Ende der legendären Fernsehsendung "Das Literarische Quartett". Da pflegte Marcel Reich-Ranicki am Schluss mit einem Brecht-Zitat zu sagen: "Und so sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen."
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- Samstag, 06.10.2012 – 14:15 Uhr
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