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Urteil in Mannheim: Im Zweifel für Kachelmann

Von , Mannheim

Frenetischer Jubel im Landgericht Mannheim: Jörg Kachelmann ist vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden. Seine Ex-Freundin, die ihn angezeigt hatte, weinte. Restzweifel bleiben - auf beiden Seiten.

dapd

Anne Weissenfels, 69, ist "uffgeregt", wie der Mannheimer sagt. Sie ist davon überzeugt, dass Jörg Kachelmann seine Freundin nicht vergewaltigt hat. Doch sie befürchtet, dass er trotzdem schuldig gesprochen, vielleicht sogar noch im Gerichtssaal in Handschellen abgeführt wird.

Es ist 5.20 Uhr. Anne Weissenfels hat sich in die Zuschauerschlange vor dem Landgericht Mannheim eingereiht. Sie trägt ein cremefarbenes Poloshirt, es ist schwül im Rhein-Neckar-Gebiet. Mit ihrem Ehemann ist sie aus dem nahegelegenen Weinheim mit dem Auto gekommen, der Zug um 5.03 Uhr war ihnen zu spät. Die Sorge, zum Urteilsspruch gegen Kachelmann keinen Platz im Saal zu bekommen, war fast so groß wie die, er würde verurteilt werden.

Dann der Freispruch!

Frenetischer, wenn auch nur Sekunden anhaltender Jubel aus dem Publikum. Anne Weissenfels reißt die Arme hoch, applaudiert freudestrahlend. Der Vorsitzende Richter Michael Seidling ermahnt die johlenden Zuschauer. Weissenfels ist erleichtert, das frühe Aufstehen und das fast vierstündige Anstehen haben sich gelohnt. Für sie hat die Gerechtigkeit gesiegt.

Begründete Zweifel an Kachelmanns Schuld

Doch es ist ein Freispruch mit Makel. "Wir sind überzeugt, dass wir die juristisch richtige Entscheidung getroffen haben. Befriedigung verspüren wir dadurch jedoch nicht", sagte Richter Seidling. "Wir entlassen den Angeklagten und die Nebenklägerin mit einem möglicherweise nie mehr aus der Welt zu schaffenden Verdacht, ihn als potentiellen Vergewaltiger, sie als potentielle rachsüchtige Lügnerin." Zudem bliebe das Gefühl gegenüber beiden, "ihren jeweiligen Interessen durch unser Urteil nicht ausreichend gerecht geworden zu sein".

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Spektakulärer Prozess: Der Fall Kachelmann
Das mutmaßliche Opfer war als letzte in den Verhandlungssaal gehuscht und suchte Schutz hinter der bulligen Gestalt ihres Rechtsanwaltes. Angestrengt blickte sie zum Richtertisch. Das Urteil erschütterte sie sichtlich. Immer wieder schloss sie ihre Augen, knetete gedankenverloren ihre Hände und weinte schließlich, als Seidling das Urteil en détail begründete.

Kachelmann sah müde und blass aus, er schien in seinem grauen Jackett zu versinken. Seine Augen suchten die der Nebenklägerin, doch die würdigte ihn keines Blickes.

Der Freispruch beruhe nicht darauf, dass die Kammer von der Unschuld Kachelmanns und damit im Gegenzug von einer Falschbeschuldigung der Nebenklägerin überzeugt sei, so der Richter in der Urteilsbegründung. Es bestünden begründete Zweifel an Kachelmanns Schuld. Nach dem Grundsatz "in dubio pro reo", im Zweifel für den Angeklagten, sei er jedoch freizusprechen.

Nach Ansicht der Kammer hatten Kachelmann und die Nebenklägerin seit 1999 eine Beziehung - auch wenn sich die beiden jeweils nur im Abstand von einigen Wochen sahen. Täglich hätten sie oft mehrmals via Chat Kontakt gehabt. Die Frau habe allen Grund dazu gehabt, an eine gemeinsame Beziehung zu glauben, so Seidling. Erst recht, als konkrete Pläne geschmiedet wurden, zusammenzuziehen und eine Familie zu gründen.

"Sie dachte, sie sei die Frau in seinem Leben", konstatierte Seidling. Nach außen hin möge es naiv geklungen haben, das zu glauben, doch die manipulativen Fähigkeiten Kachelmanns hätten dies möglich gemacht. Berichte darüber, dass Kachelmanns Frauen regelrecht betrogen werden wollten, wertete die Kammer als "zusätzliche Demütigung des Opfers".

Was genau geschah, ist noch immer unklar

Kachelmann habe sich bemüht, die Beziehung zur Nebenklägerin auf das Sexuelle zu reduzieren. Doch er habe "unwahre Angaben" gemacht, stellte Seidling fest. Seine Worte der Frau gegenüber hätten keinen Zweifel daran gelassen, dass er ihr Hoffnungen machte. Zudem habe sich die Zukunftsplanung in den Monaten vor dem Vorfall intensiviert, die Häufigkeit der Treffen habe zugenommen.

Laut Kammer spielte sich besagte Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2010 wie folgt ab: Bereits am Tag des 8. Februar hat das Paar per Chat den Ablauf des Abends besprochen. Kachelmann wollte seinen Wagen in Schwetzingen stehen lassen für die Zeit, die er in Kanada arbeitete. Das mutmaßliche Opfer sollte ihn am Morgen des 9. Februar zum Flughafen bringen.

Gegen 23 Uhr betrat Kachelmann die Dachgeschosswohnung seiner Freundin. Ob es direkt danach zum Geschlechtsverkehr kam, konnte das Gericht nicht klären. Fest steht für die Kammer, dass sich das Paar auf das Sofa setzte, gemeinsam aß und Wein trank. Danach konfrontierte die Frau Kachelmann mit den Tickets, die belegten, dass er mit einer anderen Frau verreist war.

Es kam zum Streitgespräch, Kachelmann räumte die Beziehung zu einer anderen Frau ein. Die Kammer glaubt dem mutmaßlichen Opfer, dass er im Verlauf des Streits auch andere Beziehungen zu Frauen zugab.

Die Verdachtsmomente: abgeschwächt, aber nicht verflüchtigt

Nach Ansicht des Gerichts war die Nebenklägerin fassungslos und zutiefst erschüttert. Sie sah ihre Zukunft, aber auch ihre Vergangenheit in Frage gestellt. Sie forderte Kachelmann auf, die Wohnung zu verlassen. Was dann geschah, bleibt ungeklärt. Weder ob sich die Frau die Verletzungen, die sie erlitt, selbst zufügte, noch, ob Kachelmann sie vergewaltigte oder mit dem Tod bedrohte.

Als Richter Seidling detailliert ausführte, wie die Kammer die Verletzungen, die Spuren am Messer und die gelöschten Kurzmitteilungen auf Kachelmanns Handy wertete, schüttelte die Nebenklägerin immer wieder den Kopf, blickte nach unten und presste ihre schmalen Lippen aufeinander.

Das Gericht bemühte sich trotz des Freispruchs, die Glaubwürdigkeit der 37-Jährigen zu würdigen: Die Nebenklägerin habe durch ihren Beruf als Radiomoderatorin gewusst, was sie für ein Medieninteresse entfachen würde mit ihrer Anzeigeerstattung. Bei der Polizei habe sie anfangs den Namen ihres Vergewaltigers nicht nennen wollen.

Dass sie in einzelnen Punkten die Unwahrheit gesagt habe, bedeute nicht, dass sie deshalb insgesamt gelogen habe, betonte Seidling. "Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, stets anzunehmen, dass jemand, der in einem Nebenpunkt lügt, auch im Kernpunkt die Unwahrheit sagt."

Die Verdachtsmomente hätten sich im Verlauf des Prozesses "abgeschwächt, aber nicht verflüchtigt", begründete Seidling das Urteil der Kammer. Da lachte Kachelmanns Verteidiger, Johann Schwenn, auf - und bestätigte letztendlich nur, was ihm Seidling prompt vorwarf: Die "wenn auch hart geführte Auseinandersetzung in der Sache" setze immer auch den "respektvollen Umgang" miteinander voraus. Doch gerade diesen habe der Verteidiger des Angeklagten häufig vermissen lassen, monierte Seidling. Zudem habe dieser seine Kritik oft medienwirksam vorgetragen.

"Der geduldigen Frau Weissenfels"

Schwenn, unter seinem dunklen Anzug blitzten knallrote Socken auf, rächte sich nach der Verhandlung im Foyer und diktierte den Journalisten in ihre Blöcke: Er sei mit dem Urteil zufrieden. "Doch was wir hinterher gehört haben, war erbärmlich", so Schwenn. Die Kritik zeige, dass die Kammer den Angeklagten zu gern verurteilt hätte.

Nicht nur Schwenn bekam sein Fett ab. Die Kammer rügte auch die Blogger, die im Internet "hinter der Fassade der Anonymität" die Persönlichkeitsrechte des Angeklagten und des mutmaßlichen Opfers mit Füßen getreten hätten. Wie sie hätten jedoch auch viele andere Medien mit "vorschnellen Prognosen und einseitiger Darstellung von Fakten" verhindert, dass sich die Öffentlichkeit unvoreingenommen eine eigene Meinung bilden konnte.

Richter Seidling sprach von einem "massiven Schaden", der angerichtet worden sei, und räumte ein, dass die Berichterstattung durch den häufigen Ausschluss der Öffentlichkeit erschwert worden sei. Es sei so nicht möglich gewesen, sich ein vollständiges Bild vom Ablauf und Inhalt der Hauptverhandlung zu machen. Dies hätte jedoch umso mehr Anlass zur Zurückhaltung geben müssen.

Für die Kammer sei die Nebenklägerin "keine rachsüchtige, vom Hass getriebene Frau", hob Seidling hervor. An die Öffentlichkeit gewandt sagte er: "Bedenken Sie, dass Herr Kachelmann möglicherweise die Tat nicht begangen hat und deshalb zu Unrecht als Rechtsbrecher vor Gericht stand. Bedenken Sie aber auch umgekehrt, dass die Nebenklägerin möglicherweise Opfer einer schweren Straftat war."

Es sind Worte, die auch an die Leute gerichtet sind, die sich in den vergangenen Monaten jeden Verhandlungstag bei Wind und Wetter vor dem Landgericht anstellten, um den Prozess zu verfolgen. Leute wie Anne Weissenfels.

Noch im Foyer des Gerichts wird eine Flasche Sekt geköpft und auf den Freispruch angestoßen. Lächelnd verlässt Anne Weissenfels schließlich das Gebäude. Mit anderen Zuschauern, die mitten in der Nacht aus Siegen und der Schweiz angereist sind, will sie in einem Café die Entscheidung feiern.

In ihrer Tasche hat sie das Buch von Sabine Rückert "Unrecht im Namen des Volkes" - mit einer Widmung der Autorin. Und einer des Kachelmann-Verteidigers: "Der geduldigen Frau Weissenfels - Johann Schwenn."

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1. Dr.
braintainment 31.05.2011
Zitat von sysopFrenetischer Jubel im Landgericht Mannheim: Jörg Kachelmann ist vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden. Doch seine Ex-Freundin, die ihn angezeigt hatte, weinte. Restzweifel bleiben - auf beiden Seiten. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,765928,00.html
Ach, die verkauft bald die Rechte an ihren Memoiren, dann lacht sie auch ganz schnell wieder!
2. -
Boesor 31.05.2011
"Bedenken Sie, dass Herr Kachelmann möglicherweise die Tat nicht begangen hat und deshalb zu Unrecht als Rechtsbrecher vor Gericht stand. Bedenken Sie aber auch umgekehrt, dass die Nebenklägerin möglicherweise Opfer einer schweren Straftat war." jede Wette, der überwiegende Teil nicht nur dieses Forums wird dies nicht beherzigen. Schließlich muss man immer eine meinung haben, auch wenn man sich, wie in diesem Fall, eigentlich gar keine bilden kann. Aber es wird sich sicher zeigen, dass man sich nicht damit zufrieden geben wird die Wahrheit nicht zu kennen.
3. soso, sie weinte...
readme74 31.05.2011
Zitat von sysopFrenetischer Jubel im Landgericht Mannheim: Jörg Kachelmann ist vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden. Doch seine Ex-Freundin, die ihn angezeigt hatte, weinte. Restzweifel bleiben - auf beiden Seiten. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,765928,00.html
Ach bitte... was soll das beweisen. Bei allem Respekt vor Vergewaltigungsopfern (und ich bin mir sicher daß sie keins ist sondern das ganze nur erfunden hat), aber weinen kann man besonders als Frau auch sehr medienwirksam und mit Absicht wenn man sonst nichts mehr vorzuweisen hat. Das gibt vielleicht ein schönes Foto in der BILD-Zeitung neben einer neuen giftspeienden Alice Schwarzer-Kolumne, aber es verstärkt nur den schalen Nachgeschmack der nach dieser ganzen Justiz-Posse übrigbleibt. Kachelmanns Ex-Freundin und besonders Alice Schwarzers begleitende "Berichterstattung" haben den Opferrechten in diesem Land wahrscheinlich unwiederbringlich Schaden zugefügt. Die Tatsache daß man sich ab jetzt vielleicht generell fragen muß ob an Vergewaltigungsvorwürfen etwas dran ist die jemand erhebt ist nicht dem heutigen Freispruch geschuldet. Sondern sie ist m.E. das Ergebnis eines teuflischen Racheplans einer Ex-Geliebten auf der einen Seite, und einer auf den Zug aufgesprungenen Altfeministin andererseits die dies als Chance gesehen hat, wieder einmal mehr ihre in den frühen 70ern steckengebliebene radikale Propaganda zu verbreiten. Am Ende konnte und kann dabei niemand gewinnen. Nicht Kachelmanns Ex, nicht Alice Schwarzer, und schon garnicht die Opferrechte-Bewegung und tatsächlich vergewaltigte Frauen. Und Kachelmanns Ruf ist auch für alle Zeiten ruiniert nach so einem Freispruch zweiter Klasse. Ein riesiger Scherbenhaufen, und alles nur weil eine Partnerin nicht wie ein zivilisierter erwachsener Mensch damit umgehen konnte daß ihr Freund sie betrogen hat.
4. .
Spiegel-ohne-Leine 31.05.2011
Ich habe dieser Frau nie geglaubt.
5. Das wäre unzweifelhaft in Ordnung
karmamarga 31.05.2011
Zitat von Boesor"Bedenken Sie, dass Herr Kachelmann möglicherweise die Tat nicht begangen hat und deshalb zu Unrecht als Rechtsbrecher vor Gericht stand. Bedenken Sie aber auch umgekehrt, dass die Nebenklägerin möglicherweise Opfer einer schweren Straftat war." jede Wette, der überwiegende Teil nicht nur dieses Forums wird dies nicht beherzigen. Schließlich muss man immer eine meinung haben, auch wenn man sich, wie in diesem Fall, eigentlich gar keine bilden kann. Aber es wird sich sicher zeigen, dass man sich nicht damit zufrieden geben wird die Wahrheit nicht zu kennen.
wenn sich das Gericht auf diesen Satz beschränkt hätten. Haben sie aber nicht. Sie retten die Herren nicht. Ich hätte sie alle gerne weg, die da beteiligt waren. Wissen Sie warum? Es stinkt bestialisch nach Wiederholungstäterschaft in Selbstgerechtigkeit. Dewegen.
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