Urteil in München Zwei Pommes für 2000 Euro

Ein Künstler bekommt 2000 Euro Schadensersatz, weil in einer Kunstgalerie 22 Jahre alte Pommes verloren gegangen sind. Die beiden Fritten dienten als Vorlage für ein goldenes Pommeskreuz. Das Gericht befand nur über ihren Marktwert. Und doch stellt sich die Frage: Ist das Kunst - oder kann das weg?

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München - Am Anfang ging es um "die Metamorphose eines profanen Alltagsgegenstandes in ein sakrales Kunstwerk". So hieß es damals, 1990, im Katalog der Ausstellung "Pommes d'Or", veranstaltet von der Münchner Galerie Mosel und Tschechow. Zu sehen waren unter anderem: ein Kreuz aus goldenen Pommes als zentrales Ausstellungsstück und das Objekt Nr. 46 - zwei Fritten, unvergoldet und frittiert, die Vorlage für das Goldkreuz.

An diesem Donnerstag ging es vor dem Oberlandesgericht München (OLG) gewissermaßen um die Metamorphose der 22 Jahre alten Fritten vom Ausstellungsstück Nr. 46 zum profanen Streitgegenstand vor Gericht. Der Künstler Stefan Bohnenberger hatte die beiden Pommes im vergangenen Jahr von der Galerie zurückgefordert. Die konnte sie nicht mehr finden, worauf Bohnenberger Schadensersatz verlangte.

Die Galerie wollte nicht zahlen. Nun muss sie dem Urteil zufolge Bohnenberger die 22 Jahre alten Fritten doch noch vergolden. Dem Künstler stehen demnach 2000 Euro zu, zuzüglich fünf Prozent Zinsen seit Mai 2010. Zudem muss die Galerie 90 Prozent der Prozesskosten tragen. Ändern lässt sich daran nichts mehr, die Revision ist nicht zugelassen.

Kartoffelstäbchen als Kunst?

Die Galerie habe ihre Pflichten verletzt, indem sie die beiden Pommes nicht sorgfältig aufbewahrt habe, urteilten die Richter. Maßgeblich für die Entscheidung war zudem die Aussage einer Zeugin. Die Frau ist seit Jahrzehnten mit Bohnenberger befreundet, ihr Mann hat mit dem Künstler an Musikprojekten gearbeitet. Das mache die Zeugin aber nicht unglaubwürdig, befand das Gericht. Sie habe glaubhaft versichert, sie hätte die beiden Fritten gerne für 2500 Euro gekauft. Weil Bohnenberger nur 2000 Euro Schadensersatz gefordert hatte, beließen es die Richter bei dieser Summe.

Eine Frage lässt ihr Urteil offen: Sind die beiden alten Pommes Kunst?

Nein, sagt Galeristin Andrea Tschechow. "Es gab Pommeskreuze, die waren als Kunst gedacht - aber nicht dieses, das war nur die Gussvorlage für das Goldkreuz."

Ja, sagt Bohnenberger. Schließlich seien sie die Vorlage für das Goldkreuz gewesen, zudem seien andere Kreuze aus echten Pommes auch ausgestellt worden. Dass jemand den Kunstwert seiner Fritten bestreitet, scheint er als Zumutung zu empfinden, fast noch lästiger als den ganzen Prozess.

Kunstwerk oder nicht - "darauf kam es gar nicht an ", sagt OLG-Sprecher Wilhelm Schneider. "Der Künstler bekommt Schadensersatz, wenn das Verlorengegangene einen wirtschaftlichen Wert hat."

Damit hob das OLG eine Entscheidung des Landgerichts München I auf. Es war der Argumentation der Galerie noch gefolgt: Die beiden Pommes seien kein Kunstwerk, daher habe die Galerie keine Aufbewahrungspflicht; bei 22 Jahre alten Pommes sei zudem kein bezifferbarer Schaden entstanden.

Fritten "als Objekte von gewisser Bedeutung und gewissem Wert"

Für das OLG war dies nicht nachvollziehbar. Die Galerie besitze andere Pommeskreuze, die als Reservevorlagen für das Goldkreuz gedacht waren. Das zeige, dass die Galerie die Fritten "als Objekte von gewisser Bedeutung und gewissem Wert" betrachte. "Wenn die sagen, es ist keine Kunst, sondern Müll, wieso heben sie es dann auf?", fragt Bohnenberger.

Man sollte annehmen, ein Streit wegen zwei alter Fritten ließe sich auch anders als vor Gericht lösen. Aber die Beziehung zwischen Bohnenberger und der Galerie war schon seit Jahren - vorsichtig formuliert - schwierig. Schon als sich Bohnenberger und die Galerie 2005 trennten, gab es Streit um die Rückgabe des Goldkreuzes, es kam zum Prozess vor dem Landgericht. Man einigte sich schließlich, doch während des Verfahrens tauchte eine weitere Frage auf: Was ist mit den Vorlagen-Pommes?

"Erst als es 2011 vor Gericht um die goldenen Fritten ging, kam Herr Bohnenberger auf die Idee, nach den alten Dingern zu fragen", sagt Tschechow. Zuvor habe sich kein Mensch dafür interessiert.

Herr Bohnenberger, jetzt mal ehrlich: 2500 Euro für zwei alte Fritten? "Ich wollte ein Material finden, was für mich die westliche Gesellschaft ausdrückt. Bei Pommes wird Natur, die Kartoffel, geschnitten, frittiert, verkauft." Das Pommeskreuz sei so faszinierend, weil es so alltäglich und einfach sei. "Das ist für manche Leute schwer nachvollziehbar."

Aber das sei eben Kunst.

Az: 23 U 2198/11



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insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
Europa! 09.02.2012
1. Klare Sache
Zitat von sysopDPAEin Künstler bekommt 2000 Euro Schadensersatz, weil eine Galerie 22 Jahre alte Pommes nicht mehr fand. Die beiden Fritten dienten als Vorlage für ein goldenes Pommeskreuz. Das Gericht befand über ihren Marktwert. Es ging auch um die Frage: Ist das Kunst oder kann das weg? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,814272,00.html
Das OLG ist einer unglaubwürdigen "Zeugin" aufgesessen und hat sich lächerlich gemacht.
Trondesson 09.02.2012
2.
Ein weiteres schönes Beispiel dafür, daß man einigen Leuten den letzten Müll als Kunst verkaufen kann. Beuys hat's vorgemacht. Die Macher dieser Kreationen kann man mit Sicherheit nicht als Künstler bezeichnen, ohne echte Künstler dadurch herabzuwerten, aber einen gewissen Geschäftssinn kann man ihnen nicht absprechen. Statt Kunst ist es wohl eher moderne Alchimie, aus Scheiße Gold zu machen.
dr_schiwago 09.02.2012
3. Über Fritten hinaus gedacht...
Natürlich können "Hilfsmittel" einer Kunstaktion Wert besitzen, auch wenn sie selbst kein Kunstwerk sind, im Sinne von Devotionalien (man denke an einen Original-Pinsel eines großen Malers). Die Unstimmigkeiten sind m.E.: - Verderblichkeit der Objekte -> Die Fritten als Naturprodukt haben eine natürliche "Endlichkeit" -> 22 Jahre ist schon sehr extrem für ein Kartoffelprodukt - Aufberwahrungspflicht des Museums -> Warum hat der Künstler die Objekte nicht Jahre vorher "sichergestellt", wenn sie solch einen kommerziellen Wert haben -> Ist ein Museum verpflichtet, ALLE Hilfsmittel einer Kunstaktion sicher aufzuwahren, auch verderbliche? - Gefälligkeitsgutachten zur Werthaltigkeit -> Eine reine (Schutz)-Behauptung, man wäre bereit gewesen, Geld zu zahlen un dies durch eine befreundete Person, ist m.E. sehr unglaubwürdig Wer den Anspruch auf Werthaltigkeit stellt (der Kläger) müsste m.E. nachweisen, dass es zu einem früheren Zeitpunkt ernsthafte Kaufabsichten gab.
fizmat 09.02.2012
4. Mumien
Zitat von sysopDPAEin Künstler bekommt 2000 Euro Schadensersatz, weil eine Galerie 22 Jahre alte Pommes nicht mehr fand. Die beiden Fritten dienten als Vorlage für ein goldenes Pommeskreuz. Das Gericht befand über ihren Marktwert. Es ging auch um die Frage: Ist das Kunst oder kann das weg? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,814272,00.html
Sind Galerien und Museen auch verpflichtet, andere Modelle zu einem Kunstwerk, zB das "Mädchen mit dem Perlenohrring", aufzubewahren, für den Fall, dass jemand das Original auch besitzen will, wenn auch als Mumie? Scarlett Johansson wäre wohl ebensowenig ein gleichwertiger Eratz wie hier die frischen Fritten? (Sorry, etwas unpassend!)
kalleluegde 09.02.2012
5.
da treibt der Schwachsinn Blüten!
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