Urteil gegen 18-Jährige in Münster Hass, Tod, Gleichgültigkeit

Megi B. fehlte alles, was einem Menschen Halt gibt - bis sie von ihrer Freundin Melina zum ersten Mal Liebe erfuhr. Die Trennung hat die 18-Jährige nie verkraftet. Nun sind gleich zwei Leben zerstört.

Megi B. (r.) bei Prozessauftakt in Münster
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Megi B. (r.) bei Prozessauftakt in Münster

Von , Münster


Bevor das Urteil fällt, spricht Megi B. ein letztes Mal. "Es tut mir leid, was passiert ist", sagt sie kaum hörbar und ohne ersichtliche Regung im Saal A23 des Landgerichts Münster. Sie spricht so gleichgültig, als würde sie beim Bäcker ein Brötchen bestellen.

So reserviert hatte sich Megi B. - korpulent, kurze Haare, schwarze Strickjacke, Jeans - während des ganzen Prozesses gezeigt. Sie war wegen Mordes an ihrer früheren Partnerin Melina R. angeklagt, die sich von ihr getrennt hatte. Die Tat hatte Megi B. gestanden.

Die Jugendkammer um den Vorsitzenden Richter Michael Beier sieht in Megi B. allerdings keine Mörderin. Sie hat die 18-Jährige wegen Totschlags zu einer Jugendstrafe von sieben Jahren verurteilt. Zudem ordnete das Gericht die Unterbringung in der Psychiatrie an. Dort muss Megi B. bleiben, bis sie als therapiert gilt. Falls das vor Ablauf der sieben Jahre der Fall ist, müsste sie den Rest der Strafe im Gefängnis absitzen.

Das Gericht hält Megi B. weiterhin für gefährlich. Die Tat sei nicht in einer spezifischen Beziehungskonstellation entstanden, hieß es in der Urteilsbegründung. Es sei zu erwarten, dass "sich bei neuen Trennungen wieder intensiver Hass entwickelt" - es gebe eine "hohe Gefahr einer Tatwiederholung".

"Schwere seelische Abartigkeit"

Als sie die 17-jährige Melina umbrachte, sei die Steuerungsfähigkeit von Megi B. erheblich eingeschränkt gewesen, nicht aber ihre Einsichtsfähigkeit. Sie habe bewusst und gewollt getötet. Das Gericht attestierte Megi B. eine "schwere seelische Abartigkeit", multiple Störungen der Persönlichkeit: Die junge Frau sei unreif, instabil, zeige keine Einsicht in ihre verzerrte Wahrnehmung der Realität, habe ein gestörtes Selbstbild, geringes Selbstwertgefühl, Angst vor Bindungen - aber gleichzeitig eine Sehnsucht nach Nähe. Megi B. sei emotional teilnahmslos und gleichgültig.

So nahm sie auch das Urteil auf, "sehr gefasst, ohne großartige Emotionen", wie ihre Verteidigerin Regine Thoden sagte. Megi B. halte sieben Jahre für angemessen. Julia Artmann-Eichler, Anwältin von Melinas Mutter, bezeichnete das Urteil als okay. "Für eine Mutter gibt es nichts Schlimmeres, als ein Kind durch so einen Tod zu verlieren", sagte die Anwältin. Sie werde keine Rechtsmittel einlegen, die Familie müsse mit der Sache abschließen.

Ob Melinas Mutter mit Megi Mitleid empfinde? "Jeder, der die Geschichte hört, empfindet eine Form von Mitleid mit der Angeklagten", sagte Artmann-Eichler. Um das nachzuvollziehen, muss man sich vor Augen führen, wie Megi B.s furchtbares Leben in diese furchtbare Tat mündete. Der jungen Frau fehlte alles, was eine Existenz erfüllt und einem Menschen Halt gibt: Elterliche Liebe, Fürsorge, Zuneigung, Freundschaften.

Der Vater ein gewalttätiger Trinker, die Mutter eine Frau, die Megi mit zu ihren Liebhabern nahm und dem Mädchen verbot, darüber zu sprechen. Richter Beier sprach von "hochproblematischen Verhältnissen" und "desaströsen Bedingungen". Es gab häufige Trennungen und Versöhnungen der Eltern, Umzüge, Schulwechsel. Ein Jahr im Kinderheim empfand Megi B. als glückliche Episode. Später bei der Familie der Stiefmutter war es ähnlich wie zuvor bei den leiblichen Eltern. In der Schule wurde die seit Kindheit dicke Megi gehänselt, schon früh wurde sie wegen Depressionen behandelt.

"Die Angeklagte hat durch Melina R. erstmals Liebe erfahren"

Und dann: die Beziehung zu Melina, einer Schulfreundin. Sie und Megi B. waren ein sehr ungleiches Paar, wie Richter Beier beschrieb: Megi B. über 1,70 Meter groß, bei der Tat 150 Kilogramm schwer, kurze Haare, ungepflegt. Dagegen Melina R.: 1,65 Meter groß, zart, hübsch, aus gefestigten Verhältnissen. Als schönste Zeit ihres Lebens hat Megi B. die Beziehung zu Melina beschrieben.

In diesen Jahren bekam Megi B., was sie nie gehabt hatte: "Die Angeklagte hat durch Melina R. erstmals Liebe erfahren", sagte Richter Beier.

Umso härter traf es Megi B., als Melina am Valentinstag 2015 die Beziehung beendete, weil sie von einem klassischeren Lebensmodell träumte, von Kindern und einem Mann als Versorger der Familie. "Für die Angeklagte brach eine Welt zusammen", sagte Beier. Megi B. spürte: In Melinas Plänen war für sie kein Platz. Darüber konnten auch Melinas Bemühungen, Freundinnen zu bleiben, nicht hinwegtäuschen. Megi B. sei "in einer aus ihrer Sicht ausweglosen Situation" gewesen", sagte der Richter. Sie "konnte die Trennung nicht verwinden und entwickelte zunehmend Hassgedanken".

Irgendwann muss es ihr als einziger Ausweg erschienen sein, Melina umzubringen. Sie habe aus "Hass, Wut, Zorn, Verärgerung über die Trennung" gehandelt, befand die Kammer.

"Sie hörte erst auf, als das letzte Röcheln verstummt war"

Am Morgen des 17. Oktober 2015 waren Megi und Melina gemeinsam unterwegs, als Megi - 1,9 Promille Alkohol im Blut, ein Küchenmesser in der Tasche - aggressiv wurde und sich in eine Gewaltorgie hineinsteigerte. Melina hatte keine Chance. Gerichtsmediziner stellten 49 Messerstiche, Würgemale, Tritte gegen den Kopf, Hämatome fest. Mehr als eine Stunde dauerte die Tat.

Viele Male hätte Megi von Melina ablassen können, das Opfer flehte um sein Leben. Megi machte weiter. Letztlich starb Melina laut Gericht an einer Kombination aus Verbluten und Erwürgen. "Sie hörte erst auf, als das letzte Röcheln verstummt war und aus der Nase Blut kam", sagte Beier. Den genauen Tatablauf konnte das Gericht nicht rekonstruieren. Es sei aber gut möglich, dass viele Stiche erst nach Melinas Tod zugefügt wurden.

In der Gedankenwelt von Megi B. sei Melina wegen der Trennung selbst schuld an ihrem Tod gewesen, sagte der Richter. Megi B. habe sich durch die Tötung "vom Trennungsschmerz befreien" wollen.

Insofern schwang bei ihren letzten Worten wohl auch Selbstmitleid mit - und die Erkenntnis, dass sie sich durch ihre Tat des einen Menschen beraubt hat, den sie nicht verlieren wollte.



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