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Urteil in Perugia-Prozess: Im Zweifel gegen die Angeklagte

Von , Rom

Elf Monate Prozess, 14 Stunden Richterberatungen - dann das Urteil: Amanda Knox und Raffaele Sollecito sind Mörder. Wegen der grausigen Tötung der Britin Meredith Kercher sollen sie 26 Jahre ins Gefängnis. Doch der spektakuläre Prozess in Italien hat reichlich Fragen offengelassen, es gibt viele Zweifel.

Perugia-Prozess: Kein Geständnis, kein Motiv Fotos
Getty Images

Als die fabelhafte "Amélie aus Seattle" hatte ihre Verteidigung Amanda Knox beschrieben, in Anlehnung an die populäre französische Filmfigur. Eine unkonventionelle junge Frau, die mit ihrer Neugier und ihrem Hunger auf Leben alle verwirrt, die meisten entzückt.

Das Urteil von Samstagnacht ist das Todesurteil für diese Amélie.

Nein, so haben die Laienrichter gesagt, nach 14 quälenden Stunden Beratung, nein - Amanda Knox, einst US-Gaststudentin in Italien aus Seattle, ist keine Harmlose. Sie ist eine Mörderin.

"Condannato, verurteilt... die Prozesskosten tragen die Angeklagten...", der Vorsitzende Richter las mit müder Stimme, ohne jede Emphase, das Urteil: 26 Jahre für Amanda Knox, 25 für ihren damaligen Geliebten Raffaele Sollecito.

Ein Jahr mehr für Knox, weil sie in ihrer ersten Vernehmung einen Unbeteiligten, den Barbesitzer Patrick Lumumba, belastet hatte. Knox soll ihm dafür 40.000 Euro Entschädigung zahlen, so das Gericht.

Bei der Urteilsverkündung brach Knox in Tränen aus. Sie stammelte "nein, nein" und fiel ihrem Anwalt in die Arme. Sollecito verharrte bleich und regungslos. "Nur Mut, nur Mut, Raffaele", rief ihm seine Schwester zu, als er den Gerichtssaal verließ. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig; die Verteidigung kündigte unmittelbar nach der Verkündung an, Rechtsmittel einzulegen.

Das Gericht von Perugia schloss sich in allen Punkten der Tatversion der Staatsanwaltschaft an. Knox und ihr Freund Sollecito hätten den Abend zusammen verbracht, seien später dann noch durch die Altstadt gezogen, wo sie den Ivorianer Rudy Guede trafen. Gegen Mitternacht seien alle drei noch auf ein Glas in die Via della Pergola gegangen. Das Opfer, Knox' Mitbewohnerin Meredith Kercher, sei zu diesem Zeitpunkt schon im Bett gewesen.

Kercher sei, sagte der Staatsanwalt, genervt gewesen, dass Knox schon wieder zwei Männer mit in die Wohnung gebracht habe. Es kam zum Streit, über ihre so verschiedenen Lebensweisen, über die nicht gezahlte Miete. Dann hätte Knox den Kopf von Meredith gegen einen Schrank geschlagen. Die Schilderung der Anklage: Kercher fällt zu Boden, die drei beginnen sie auszuziehen. Meredith wehrt sich, Sollecito holt sein Taschenmesser heraus, Knox holt ein Küchenmesser. Rudy Guede versucht, Meredith zu vergewaltigen, Sollecito verletzt sie.

Schließlich tötet Knox sie mit einem tiefen Schnitt durch den Hals. Alle drei fliehen, später kommen Knox und Sollecito zurück, fingieren stümperhaft einen Einbruch und verwischen die Fingerabdrücke.

Italien ist um eine Justizfabel reicher

Die Anwälte stellten im Prozess den aus der Elfenbeinküste stammenden Guede als alleinigen Täter dar - der wiederum Sollecito und Knox belastete.

"26 Jahre": Die Strafe klingt nach fester Überzeugung des Gerichts. Zu Unrecht.

Der lange Prozess hat keine Antwort auf zentrale Fragen gebracht. Es gibt nach wie vor kein Motiv und keine Beweise für die Täter, nur Hinweise, zum Beispiel belastende DNA-Spuren am Tatmesser und am BH der Toten. Auch die fehlenden Alibis und ihr ungewöhnliches Verhalten legten die Ermittler zu ihren Lasten aus. Zu wenig, um zwei jungen Menschen ihr Leben zu rauben.

Dass die Richter unter der Forderung des Staatsanwalts nach lebenslänglicher Haft geblieben sind, deutet eventuell an, dass ihnen die Lücken der Beweisführung bewusst waren. Im Zweifel für die Angeklagten?

Wenn Amanda und Raffaele mangels Beweisen freigesprochen worden wären, hätte das die gesamte bisherige Arbeit der Justiz in Zweifel gezogen, etwa die lange Untersuchungshaft, oder die Ergebnisse der (teilweise mehr als schlampigen) Spurensicherung.

In den USA, wohl auch in Deutschland, wären Amanda Knox und Raffaele Sollecito freigesprochen worden. Von "öffentlicher Hinrichtung aufgrund schierer Spekulation" sprach John Q. Kelly, der Ankläger im O.-J.-Simpson-Prozess.

Amélie ist tot, Amanda hinter Gittern, und Italien um eine Justizfabel reicher.

mit Material von AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 121 Beiträge
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1. vor allem eine Frage: wie geht es weiter
Grosskotz 05.12.2009
oder war das die einzige und letzte Instanz? Gibt es eine Berufung, eine Revision oder ist alles schon endgültig.
2. vor allem eine Frage: wie geht es weiter?
Grosskotz 05.12.2009
oder war das die einzige und letzte Instanz? Gibt es eine Berufung, eine Revision, ist alles schon endgültig, frei nach dem Motto "Perugia locuta, causa finita" ?
3. Kirche im Dorf lassen, ist auch nur ein Prozess....
C.G 05.12.2009
Es gibt noch die Möglichkeit in Berufung zu gehen. Es soll auch nicht ungewöhnlich sein, dass in der 2. Runde in Italien die verhängten Strafen verkürzt werden. Schaun mer mal. Dennoch sollten sich nicht schon wieder die ausländischen Nationen da einmischen. Das wird langsam gängige (vor allem leidige) Praxis, dass eine Nation der anderen vorschreiben will, wie das Recht anzuwenden ist. Es würde uns in Deutschland nicht gefallen, noch weniger den Amis, wenn jemand käme und sagen würde: "Das ist so nicht richtig. Das müsst ihr so und so machen". Man sollte die Sachen nicht so aufbauschen.
4. Schlampige Arbeit der Polizei
jdm11000 05.12.2009
Zitat von sysopElf Monate Prozess, 14 Stunden Richterberatungen - dann das Urteil: Amanda Knox und Raffaele Sollecito sind Mörder. Wegen der grausigen Tötung der Britin Meredith Kercher sollen sie 26 Jahre ins Gefängnis. Doch der spektakuläre Prozess in Italien hat reichlich Fragen offen gelassen, es gibt viele Zweifel. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,665379,00.html
Man mag so urteilen wollen - es mag auch sein, daß in Deutschland die Angeklagten freigesprochen wurden. Dies aber in den USA ebenfalls unterstellen zu wollen, ist reiner Hohn. In den USA sitzen tausende Menschen im Gefängnis, weil die Behörden schlampig arbeiteten, Beweise unterschlugen usw. Hier Deutschland mit den USA gleichsetzen zu wollen, ist einfach nur Hohne an den deutschen Behörden. Und selbst diese sind nicht immer so sauber und akkurat wie man das meist hofft.
5. Giuliano Mignini
Kokeicha333 05.12.2009
Zwei Artikel sind - wenn auch lang und in Englisch - der Muehe wert zu lesen: http://opinionator.blogs.nytimes.com/2009/06/10/an-innocent-abroad/ und: http://www.theatlantic.com/doc/200607/florence-murder Unter besonderer Beachtung der dubiosen Rolle von Giuliano Mignini in beiden Faellen...
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