Von Julia Jüttner
Im März 2006 las die zweifache Mutter Annika H. aus Husum in der Zeitung, dass in einer Papiersortieranlage im nordfriesischen Ahrenshöft die Leiche eines Säuglings gefunden wurde. Das Mädchen steckte in einem blauen Sack. Ein Jahr später fand ein Autofahrer auf einem Parkplatz an der B 201 im Kreis Schleswig-Flensburg die Leiche eines Jungen in einer Plastiktüte. Ein DNA-Test ergab: Die Kinder sind Geschwister. Die Polizei fahndete jahrelang nach der Mutter.
Die beiden Verbrechen seien auch in ihrem Bekanntenkreis Thema gewesen, sagte Annika H. vor dem Landgericht Flensburg. Nur sie wusste, wer die Mutter der Kinder ist: sie selbst. "Aber ich habe es verdrängt, mir war nicht bewusst, dass ich es war", sagte die 29-Jährige. Erst als zwei Kriminalbeamte 2012 in ihrer Wohnung standen und auch von ihr eine Speichelprobe nehmen wollten wie von Hunderten anderen Frauen, gestand Annika H., dass sie die beiden Kinder getötet hat. Und noch schlimmer: Dass sie drei weitere Babyleichen in ihrem Keller versteckt hat.
Die Schwurgerichtskammer verurteilte Annika H. am Donnerstag zu neun Jahren Haft wegen Totschlags in fünf Fällen und stellte eine verminderte Schuldfähigkeit der Frau während der Taten fest. Die Kammer blieb mit ihrem Strafmaß ein Jahr unter der von der Staatsanwaltschaft geforderten Strafe. Die Verteidigung hatte auf sieben Jahre plädiert.
"Mir tut es unendlich leid, dass die fünf Kinder keine Chance hatten, das Leben kennenzulernen", sagte Annika H. in ihrem Schlusswort und entschuldigte sich nicht nur bei ihrer Familie und ihren beiden Töchtern. Sie entschuldigte sich auch bei Klaus R., dem Sortierer, und Udo K., dem Autofahrer, die die beiden Säuglinge gefunden hatten. Sie habe ihnen keine Alpträume bereiten wollen.
Der Vorsitzende Richter Michael Lembke betonte in der Urteilsbegründung das Geständnis der Angeklagten und dass sie wirkliche Reue gezeigt habe. Und doch: Es handele sich um ein Verbrechen "unvorstellbarer Dimension".
"Sie hat sich aufgeopfert"
"Für die Angeklagte waren die Schwangerschaften bis zur Geburt nicht vorhanden", so Lembke. Da Annika H. die Schwangerschaften ignoriert habe, habe sie sich auch mit Alternativen wie etwa Abtreibungen und Babyklappen nicht auseinandergesetzt. Als der Geburtszeitpunkt kam, sei sie in Panik verfallen. "Planungen der Taten hat es nicht gegeben." Die Angeklagte sei eine Täterin, aber kein Monstrum, darauf lege die Kammer wert, sagte Lembke. Er hoffe, dass sie irgendwann ihren inneren Frieden finden möge.
Ihr sei klar gewesen, dass sie keine weiteren Kinder wollte, sagte der Richter - aus der subjektiven Angst heraus, dass ihr Mann sie dann verlassen könnte und sie sich weitere Kinder auch finanziell nicht leisten könnten.
Die Frage nach dem Motiv bleibt jedoch offen. Annika H. betonte mehrfach in dem Verfahren, sie könne sich nicht erklären, warum sie die Kinder getötet habe. Sie hatte sich niemandem anvertraut, niemandem von den fünf Schwangerschaften, Wehen und Geburten erzählt.
Auch ihr Ehemann - Vater der fünf Kinder - wusste von nichts. Die Ermittler halten dies für absolut glaubhaft. Für ihn sei der Tag der Entdeckung der totale Untergang gewesen, sagte seine Rechtsanwältin am Donnerstag. Er nehme professionelle Hilfe in Anspruch - und er verzeihe seiner Frau, die den Kontakt zu ihm verweigert hatte, nachdem sie sich gestellt hatte. Erst wenige Tage vor Prozessbeginn traute sie sich, ihm gegenüberzutreten. "Er hält zu ihr", sagt auch ihr Verteidiger Burkhard Gerling.
Vor Gericht hatte Annika H. erklärt, dass sie sich schon immer allein gefühlt und deshalb Probleme mit sich allein ausgemacht habe. "Das war in der Kindheit so, das war in der Ehe so", sagte die 29-Jährige. "Ich habe mich noch nie in meinem Leben jemandem gegenüber vorbehaltlos geöffnet."
Annika H.s Eltern trennten sich, als sie acht Jahre alt war. Ihre Mutter Kirsten D. sagte in dem Prozess, dass der Vater die Idee gehabt habe, dass jedes Elternteil eine der beiden Töchter zu sich nehme. Der Vater wollte aus Schleswig-Holstein wegziehen, sich im Osten etwas Neues aufbauen. Es sei klar gewesen, wenn eines der Mädchen sich auf solch eine Vereinbarung einlassen würde - dann Annika. "Er hat sie gefragt, aber es war keine freie Entscheidung", sagte Kirsten D.
In der Urteilsbegründung fängt Richter Lembke diesen Vorfall noch einmal auf. Annika H. sei mit dieser Entscheidung völlig überfordert gewesen. Ihre Mutter beschrieb es mit diesen Worten: "Sie hat sich für den Vater aufgeopfert. Sie wollte nicht, dass der Papa alleine ist."
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