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Urteil: Porno-E-Mail "traumatisiert" Polizisten

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Die E-Mail kam vom Chef und hatte angeblich erstaunliche Folgen: Ein Foto im Anhang schockierte einen Kommissar aus NRW nach eigenen Angaben so sehr, dass er "nachhaltig traumatisiert" und arbeitsunfähig wurde. Ein Verwaltungsgericht hat den Vorgang nun anerkannt - als Dienstunfall.

Die vorletzte Seite der Powerpoint-Präsentation: "WG: Highlight zum Wochenende!!" Zur Großansicht

Die vorletzte Seite der Powerpoint-Präsentation: "WG: Highlight zum Wochenende!!"

Düsseldorf - Die Geschichte klingt skurril: Der Anhang einer E-Mail führte bei einem Polizisten zu einer psychiatrischen Erkrankung. Und das gilt als Dienstunfall, wie das Verwaltungsgericht Düsseldorf entschieden hat.

Januar 2003 am Niederrhein, in einer Polizeiwache in Wesel: Ein Polizeihauptkommissar verschickt eine E-Mail an seine Kollegen. Erst einmal geschieht nichts, mehr als zweieinhalb Jahre lang. Bis ein Kommissar derselben Dienststelle am 28. September 2005 sein Postfach aufräumt - und dabei auf die E-Mail seines direkten Vorgesetzten stößt.

Die Nachricht trägt die harmlose Betreffzeile "WG: Highlight zum Wochenende!!". Der Polizist öffnet sie - und die Powerpoint-Präsentation mit dem Titel "perfektesdate1.pps" im Anhang. Es ist ein Scherz, wie er auf ähnliche Weise täglich hundertfach in Büros gemacht wird. Seine Folgen sind außergewöhnlich.

Die Powerpoint-Präsentation beginnt laut Urteil (Az: 23 K 5235/07) "mit der Darstellung einer unbekleideten Frau an einem Sportwagen". Der Polizist klickt sich bis zum letzten Bild durch: "der Abbildung des Unterleibs einer weiblichen Person mit eitrigen, blutigen Wunden".

"Nachhaltig traumatisiert"

Für den Kommissar ist das offenbar zu viel: Die E-Mail verursacht dem Urteil zufolge eine "psychiatrische Erkrankung, Zwangsstörung und Zwangsvorstellungen". Das Bild des "weiblichen Geschlechtsorgans mit umfangreichen Hautekzemen" habe ihn den Rest des Tages über verfolgt - und auch in der Folgezeit. Es sei ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Er begibt sich nach einiger Zeit in ärztliche Behandlung, klagt vor dem Verwaltungsgericht, den Vorfall als Dienstunfall anzuerkennen.

Der Polizist, 39, gibt an, "nachhaltig traumatisiert" sowie auf psychologische und psychiatrische Hilfe angewiesen zu sein. Dem Land Nordrhein-Westfalen (NRW), gegen das die Klage gerichtet ist, wirft er vor, eine "gravierende dienstliche Verfehlung und deren schwerwiegende Folgen" zu verharmlosen. Die Staatsanwaltschaft hat zwischenzeitlich ein Verfahren gegen den Verfasser der E-Mail wegen Beleidigung und fahrlässiger Körperverletzung eingestellt - mangels Anfangsverdachts. Auch ein Disziplinarverfahren gegen den Hauptkommissar wurde eingestellt.

Die schlüpfrige E-Mail hat auch Folgen für die Ehe des Klägers: "Seine Gedanken hätten damals um die Frage gekreist, ob bei seiner Ehefrau ähnliche Symptome vorliegen könnten, was ihn in seinem Sexualleben derart gestört habe, dass es letztlich (…) zur Ehescheidung gekommen sei."

Weitere Klage droht

Bei seiner Entscheidung stützt sich der zuständige Richter vor allem auf ein Sachverständigengutachten. Darin heißt es unter anderem: Der Polizist habe auch im Jahr 2009 noch erlebt, dass "ihn beim intimen Kontakt mit einer Frau die Zwangsvorstellung mit dem Bild aus der E-Mail überfalle und er dann tatsächlich nachschauen müsse, ob sie nicht in einer ähnlichen Weise von einer Krankheit oder einem vergleichbaren Zustand befallen sei".

Der Landrat von Wesel, auch Chef der Kreispolizeibehörde, schafft es nicht, das Gericht davon zu überzeugen, dass die E-Mail als Ursache für eine psychische Erkrankung des Polizisten "nicht nachvollziehbar" sei und "jeder Lebenserfahrung" widerspreche. Für den Landrat ist zudem unverständlich, dass der Polizist sich nicht schneller in ärztliche Behandlung begeben und den Vorgang erst im Juni 2006 als Dienstunfall gemeldet habe.

Der Richter sieht das anders: Das Land NRW muss dem Urteil zufolge nun für Behandlungskosten und Spätfolgen haften. Zudem droht möglicherweise die nächste Klage. Der Polizist will laut Gerichtsunterlagen "gegebenenfalls Schadensersatz geltend machen" - weil die Geschehnisse Karrierenachteile für ihn zur Folge gehabt hätten.

Mittlerweile ist er nicht mehr in Wesel. Den Angaben eines örtlichen Polizeisprechers zufolge hat er sich auf eigenen Wunsch versetzen lassen - in eine andere Polizeibehörde.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 241 Beiträge
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1. Entweder... oder...
freduard 06.01.2011
Entweder kann man den Kollegen jetzt genüsslich mit Hohn und Spott überschütten oder.... ... oder man könnte sich mal fragen, ob man so ein Zeug wirklich rumschicken muss. Auch Internetkultur hat seine schlechten Seiten.
2. Zeitmaschine bitte
Vincent_Vega, 06.01.2011
Zitat von sysopDie E-Mail kam vom Chef und hatte angeblich erstaunliche Folgen: Ein Foto im Anhang schockierte einen Kommissar aus*NRW nach eigenen Angaben so sehr, dass er "nachhaltig traumatisiert" und arbeitsunfähig wurde.*Ein Verwaltungsgericht hat den Vorgang nun anerkannt*- als Dienstunfall. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,738157,00.html
Da wünscht man sich Beamter geworden zu sein...
3. Herzlichen Glückwunsch
Scharfrichter 06.01.2011
Ein Beispiel dafür, dass man sich nicht blind auf Sachverständigengutachten verlassen sollte, anstatt das Vorbringen - auch - mit kritischem Menschenverstand und der Lebenserfahrung zu hinterfragen. Mich überkommt bloße Wut und Unverständnis,wenn ich an diesen "Polizeibeamten", aber auch an das Urteil denke.
4. Ich auch...
Blautopas, 06.01.2011
Ich bin auch traumatisiert und zwar von den Weihnachts- bzw. Neujahrsansprachen von Bundespräsident und Bundeskanzlerin.
5. Wow
arioffz 06.01.2011
Zitat von sysopDie E-Mail kam vom Chef und hatte angeblich erstaunliche Folgen: Ein Foto im Anhang schockierte einen Kommissar aus*NRW nach eigenen Angaben so sehr, dass er "nachhaltig traumatisiert" und arbeitsunfähig wurde.*Ein Verwaltungsgericht hat den Vorgang nun anerkannt*- als Dienstunfall. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,738157,00.html
diese Urteil spricht Bände über unsere Justiz! Sarkasmus Ende!
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