Mexikanische Mafia: US-Antidrogenbehörde soll mit Sinaloa-Kartell kooperiert haben

Von Klaus Ehringfeld, Mexiko-Stadt

Mexiko: US-Fahnder und die Drogenmafia Fotos
AP/ US Embassy

Eine mexikanische Zeitung erhebt schwere Vorwürfe gegen die US-Drogenbekämpfungsbehörde DEA: Deren Fahnder sollen mit dem berüchtigten Sinaloa-Kartell zusammengearbeitet haben. Für Informationen über rivalisierende Mafia-Gruppen boten sie angeblich Straffreiheit an.

US-Ministerien und Regierungsbehörden haben im Kampf gegen die Drogenmafia laut einem Zeitungsbericht zu fragwürdigen Methoden gegriffen. Recherchen des mexikanischen "El Universal" zufolge sollen sie mehrere Jahre lang gemeinsame Sache mit dem größten und mächtigsten Drogenkartell gemacht haben, um so an Informationen über rivalisierende Mafia-Gruppen zu gelangen.

Die Zeitung berichtet in einem zehn Seiten langen Artikel von Anfang Januar detailliert darüber, wie sich von 2000 bis 2012 Mitarbeiter der amerikanischen Anti-Drogen-Behörde DEA und des US-Justizministeriums mehrfach mit hochrangigen Mitgliedern des Sinaloa-Kartells getroffen hätten. Im Gegenzug für Informationen über die konkurrierenden Kartelle stellten die Agenten und Regierungsbeamte Straferleichterungen oder das Fallenlassen von Anklagen gegen Informanten in den Vereinigten Staaten in Aussicht.

Die DEA verweigerte gegenüber "El Universal" jede Stellungnahme. Auch gegenüber SPIEGEL ONLINE wollte die Behörde den Bericht nicht kommentieren. Die Geschichte wurde von einigen US-Medien aufgegriffen, unter anderem berichtete "Time" über den Report. Die "Washington Post" nahm die Geschichte mit vorsichtiger Skepsis zur Kenntnis: Nichts davon bedeute zwingend, dass die USA aktiv Partei für ein Drogenkartell nähmen oder seinen Angehörigen Immunität anböten.

"El Universal", eine der ältesten und seriösesten Zeitungen Mexikos, beruft sich in seinem Bericht auf eigene Recherchen von rund einem Jahr Dauer. Die Reporter interviewten dafür mehr als hundert aktive und pensionierte Drogenfahnder in beiden Ländern, Häftlinge und Angehörige von Häftlingen sowie Experten zum Thema. Zudem hatten sie Zugang zu Gerichtsakten und US-Regierungsdokumenten.

Schusswaffen an das Kartell geliefert

Gerüchte, wonach die USA mit dem Sinaloa-Syndikat kooperieren, sind nicht neu. 2009 wurde der US-Waffenbehörde ATF unterstellt, bei der Aktion "Fast and Furious" Schusswaffen an das Kartell unter Führung von Joaquín Guzmán, genannt "El Chapo", geliefert zu haben.

Nun veröffentlicht "El Universal" offizielle Dokumente - die Zusammenarbeit scheint belegt. Dabei zitiert die Zeitung Zeugenaussagen aus dem Prozess vor einem US-Bezirksgericht in Chicago gegen Vicente Zambada-Niebla, den Sohn von Ismael, "El Mayo" Zambada, zweiter Mann des Sinaloa-Kartells. Zambada-Niebla wurde 2009 in Mexiko-Stadt festgenommen, nachdem er sich zuvor eine halbe Stunde lang mit einem DEA-Vertreter und einem Abgesandten des US-Justizministeriums getroffen hatte.

Die Zusammenarbeit zwischen mexikanischer Mafia und US-Drogenfahndern fällt in die Zeit der beiden Regierungen der konservativen Partei PAN unter den Präsidenten Vicente Fox (2000 bis 2006) und Felipe Calderón (2006 bis 2012). Vor allem in der Amtszeit von Calderón konnten rund 60 US-Drogenfahnder offenbar ungehindert in Mexiko ermitteln und festnehmen. Ihre Erkenntnisse mussten sie nicht einmal mit der mexikanischen Regierung teilen.

Nach Recherchen von "El Universal" sollen sich Mitarbeiter von DEA und Justizministerium mindestens 50-mal mit Vertretern des Sinaloa-Kartells getroffen haben. In Einzelfällen hätten die Informationen zu direkten Festnahmen von Drogenbossen anderer Kartelle oder der Sicherstellung von Rauschgift geführt. Laut der Zeitung soll die US-Regierung weitgehend über die Kooperation mit dem Organisierten Verbrechen im Nachbarland informiert gewesen sein.

Eine Verletzung internationalen Rechts

Die Strategie der DEA, sich mit Vertretern der organisierten Kriminalität punktuell zu verbünden, um an Informationen über andere Delinquenten zu kommen, ist in Lateinamerika nicht neu. Ende der achtziger Jahre arbeitete die US-Drogenfahndung in Kolumbien mit den Feinden von Pablo Escobar zusammen. So gelang es, den Chef des Medellín-Kartells und damals meistgesuchten Verbrecher der Welt, zur Strecke zu bringen. Zu Escobars Feinden und DEA-Informanten gehörten paramilitärische Todesschwadronen und das rivalisierende Cali-Kartell.

Das Vorgehen der US-Behörden stelle eine Verletzung internationalen Rechts dar und führe zu einer Erhöhung der Gewalt und zu Menschrechtsverletzungen, kritisiert der Drogen- und Kriminalitätsexperte Edgardo Buscaglia. Die Regierung in Washington wende eine ähnliche Strategie seit zehn Jahren auch in Afghanistan an, wird der Leiter des International Law and Economic Development Centre in Mexiko zitiert.

Denkbar ist auch, dass hinter der Strategie der US-Regierung der Versuch steckt, das größte Kartell Mexikos zu stärken, um den Drogenkrieg so schneller beenden zu können. Dem Gemetzel zwischen Mafia-Mitgliedern und Sicherheitskräften sowie den Kartellen untereinander sind in den vergangenen zwölf Jahren mehr als hunderttausend Menschen zum Opfer gefallen.

Nach Einschätzung der DEA ist das Sinaloa-Kartell eine der mächtigsten Verbrecherorganisationen Lateinamerikas. Es handelt mit Marihuana, Kokain, synthetischen Drogen und ist auch in Menschenhandel, Raub von Rohstoffen sowie die Piraterie verstrickt. Die Organisation ist in gut der Hälfte der 32 mexikanischen Bundesstaaten vertreten. Verbindungen hat sie Experten zufolge in rund 40 Länder, nachweisen konnte Interpol Zellen in Argentinien und Australien. Jüngst hieß es, die Organisation habe sich bis auf die Philippinen vorgewagt.

Ihre Vormachtstellung wurde unter der Regierung von Felipe Calderón nochmals gefestigt. Nur ein Prozent der Schläge gegen mexikanische Mafia-Organisationen zwischen 2006 und 2012 trafen das Sinaloa-Kartell. Dies nährte den Verdacht, auch die mexikanische Regierung stütze die Organisation von "Chapo" Guzmán.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Das hört sich so richtig nach
ronald1952 15.01.2014
Zitat von sysopEine mexikanische Zeitung erhebt schwere Vorwürfe gegen die US-Antidrogenbehörde DEA: Deren Fahnder sollen mit dem berüchtigten Sinaloa-Kartell zusammengearbeitet haben. Für Informationen über rivalisierende Mafia-Gruppen boten sie angeblich Straffreiheit an. US-Antidrogenbehörde DEA soll mit Sinaloa-Kartell kooperiert haben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/us-antidrogenbehoerde-dea-soll-mit-sinaloa-kartell-kooperiert-haben-a-943484.html)
der Amerikanischen Moral an.Das sind genau diese Aktionen, die viel Bewirken sollen, aber absolut nichts bringen, außer vielen Toten und noch mehr Drogenkonsumenten.Und natürlich jede Mange Geld für die, die da mitmachen.Die USA ist für mich eines der Verkommensten Länder der Welt.Es sollte langsam an der Zeit sein, den USA zu zeigen, daß solches Tun auch Konsequenzen haben kann. Der Drogenkrieg ist schon lange verloren, er wurde verloren an der mießen Scheinmoral derer die daran Beteiligt waren. Wer am lautesten Moral schreit, hat wie es sich so oft zeigt selber meist keine. schönen Tag noch,
2. Usa?
addit 15.01.2014
Bei denen wundert mich rein gar nichts mehr! It's Gods own country, folks. What d'you expect?
3.
Maya2003 15.01.2014
Vielleicht sollte die NSA ihre Kräfte zur Abwechslung einmal auf die wahren Feinde richten. Aber wahrscheinlich verdienen zu viele Landsleute am Drogengeschäft prächtig mit. US Waffen verkaufen sich ja prächtig inMexiko.
4.
citizengun 15.01.2014
Und wie man in einem der gestrigen Artikel lesen konnte, sind das dieselben Leute die dem Bürger das Recht auf Waffenbesitz verweigern, wenn es um das eigene Leben oder das der Familie geht. Die Politik interessiert das Schicksal des Einzelnen überhaupt nicht.
5. Mexiko-USA-Sinaloa
Pränki 15.01.2014
Dieser Faden spinnt sich bereits etwas länger. In seinem Buch "Narcotráfico" hat Buscaglia 2011 auch den Regierungen Mexikos (Fox, Calderón) eine "Zusammenarbeit" mit dem Sinaloa-Kartell nachgesagt. Ist das dann ein konformes Verhalten gegenüber der mexikanischen Regierung?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Drogenkrieg in Mexiko
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 13 Kommentare
  • Zur Startseite

Fläche: 1.964.375 km²

Bevölkerung: 113,423 Mio.

Hauptstadt: Mexiko-Stadt

Staats- und Regierungschef: Enrique Peña Nieto

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Mexiko-Reiseseite


Fotostrecke
US-Grenze zu Mexiko: Geheimtunnel für den Drogenschmuggel