US-Erziehungslager Tod im Boot-Camp - Freisprüche für Aufseher

Der Fall Martin Lee Anderson erschütterte die USA: Vor laufender Kamera quälten Boot-Camp-Aufseher den 14-jährigen Schwarzen, bis er starb. Jetzt wurden die Verantwortlichen freigesprochen. Ein US-Kongress-Bericht offenbart grausige Details aus den paramilitärischen Erziehungslagern.

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Washington - Es ist der 5. Januar 2006, ein Tag wie jeder andere im Boot-Camp von Panama City in Florida: Der 14-jährige Martin Lee Anderson ist zum Laufen angetreten. Ihm wird schwindelig, er hat Atemnot und möchte das Training unterbrechen. Für den Jungen die schlichte Bitte um eine Verschnaufpause, für seine uniformierten Aufseher offenbar eine Provokation.

Eine Überwachungskamera nimmt die nun folgende Auseinandersetzung zwischen den Aufsehern und dem Jugendlichen auf. Sie dokumentiert die Agonie eines Teenagers, der hilflos der Willkür seiner Bewacher ausgesetzt ist. Sieben Männer umkreisen Martin Lee, treten und schlagen ihn. Die Aufseher zwingen ihn, Ammoniak aus Kapseln zu inhalieren, indem sie ihm den Mund zuhalten. Die Beine des Jungen geben nach, immer wieder wird er hochgerissen.

Eine dralle Krankenschwester steht direkt daneben und beobachtet, wie der Junge mehrfach kollabiert. Mit in die Hüften gestemmten Händen umkreist sie den Ort des Geschehens, scheint eher gelangweilt als alarmiert. Quälend lang wiederholt sich die Prozedur, bis plötzlich so etwas wie Unruhe in der Gruppe aufkommt. Die Krankenschwester bequemt sich, den am Boden Liegenden näher zu betrachten.

Zwei weitere Frauen kommen hinzu, heben den leblosen Körper des Jungen auf eine Trage und bringen ihn zu einem bereit stehenden Krankenwagen. Martin Lee wird ins "Bay Medical Center" in Panama City gebracht, wo er am frühen Morgen des 6. Januar 2006 stirbt.

"Das Urteil ist falsch"

Ein Gericht in Panama City hat die sieben Wachleute und die Krankenschwester heute vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen. Rund eineinhalb Stunden brauchte die Jury, die nur aus Weißen bestand, um zu ihrer Entscheidung zu kommen. Die Mutter des Jungen verließ nach dem Urteilsspruch der Geschworenen empört den Gerichtssaal. "Ich kann meinen Sohn nie mehr sehen. Das Urteil ist falsch", rief sie. Ihr Anwalt, Benjamin Crump, sagte anschließend zu Journalisten: "Wenn du einen Hund tötest, kommst du ins Gefängnis. Wenn du einen kleinen schwarzen Jungen tötest, passiert nichts."

Empörung nach dem Urteil: Opfer-Mutter Gina Jones (Mitte) verlässt das Gericht
AP

Empörung nach dem Urteil: Opfer-Mutter Gina Jones (Mitte) verlässt das Gericht

Bei einer Verurteilung hätten den Angeklagten bis zu 30 Jahre Haft gedroht. In einem Zivilverfahren hatte sich der Staat Florida in diesem Jahr mit der Familie des Jungen auf Zahlung von fünf Millionen Dollar (3,4 Millionen Euro) Entschädigung geeinigt.

"Er hätte jederzeit aufstehen und den Lauf beenden können", sagte Wachmann Charles H. vor Gericht auf die Frage des Staatsanwalts, wie Martin Lee Anderson sich aus der Situation hätte befreien können. H., ein ehemaliger Armee-Ausbilder, der seit Öffnung des Camps im Jahr 1994 dort tätig war, zeigte sich während seiner Vernehmung ähnlich renitent wie die mitangeklagte Krankenschwester Kristin S. Sie erklärte, es sei typisch für Jugendliche im Camp, vorzugeben, nicht mehr laufen zu können und die Übungen abbrechen zu müssen: "Ich bin total schlapp, ich kann nicht atmen, ich habe irgendeine Krankheit - es gab immer mindestens einen pro Tag", so S.

Walter Smith, Anwalt des Angeklagten Charles E., schlug dem britischen "Guardian" zufolge in dieselbe Kerbe und erklärte, für die Wachleute sei es ein ganz normaler Arbeitstag gewesen. Zudem habe man den 14-Jährigen nicht als Kind, sondern als "einen 1,80 Meter großen, 84 Kilo schweren, erwachsenen Schwerverbrecher" wahrgenommen. Dessen Verbrechen: Er hatte seine Bewährungsauflagen verletzt, nachdem er unerlaubt eine Schule betreten und das Auto seiner Großmutter von einem Kirchenparkplatz gestohlen hatte.

Bewacher Patrick G. sagte dem Gericht, der Junge habe während der Auseinandersetzung auf Fragen reagiert und sich "kämpferisch" gezeigt: "Das war ein bisschen verwirrend. Er konnte nicht auf seinen Beinen stehen, aber er konnte seine Arme ausstrecken". Dass dieses Verhalten an der mehrfachen Gabe von Ammoniak gelegen habe könnte, kam G. offenbar nicht in den Sinn.

Im Prozess zeigten sich die Aufseher unbeeindruckt

Ammoniak ist ein stechend riechendes, giftiges Gas, das zu Tränen reizt und erstickend wirkt. In den US-Erziehungslagern werden Ammoniakkapseln eingesetzt, um herauszufinden, ob die Insassen Bewusstlosigkeit simulieren.

Im Kreuzverhör konfrontierte Staatsanwalt Scott Harmon die Zeugen mit einzelnen Szenen aus dem Überwachungsvideo. Wachmann H. blieb offensichtlich unbeeindruckt: Nein, der hängende Kopf und die pendelnden Knie des Kindes hätten ihn nicht alarmiert. Auch die Verabreichung des Ammoniaks schien kein Problem zu sein: "Nein, ich glaube ich habe nichts getan, was Schaden verursacht hat", so H. Seine Kollegin S. erklärte, sie sei lediglich verpflichtet, in die Arbeit der Wachleute einzugreifen, wenn sie "etwas sehe, was eine Verletzung verursachen könnte."

Die Verteidigung erklärte, dass Anderson unter einer nicht diagnostizierten Sichelzellen-Anämie, einer vererbten Blutkrankheit, gelitten habe. Diese könne dazu führen, dass das Blut unter physischem Stress nicht mehr genug Sauerstoff transportieren könne. Zeugen der Anklage sagten aus, der Junge wäre auch ohne diese Störung gestorben.

Den Aussagen zufolge ließen die Bewacher auch die letzte Chance, den Jungen am Leben zu erhalten, ungenutzt: Weder H. noch die Krankenschwester informierten demnach die Sanitäter und Notfallärzte über die Vorgeschichte des Jungen. Kein Wort von Ammoniak oder Atemnot, lediglich ein Kollaps in Folge intensiven Körpertrainings wurde gemeldet.

"Buchstäblich zu Tode gehungert"

Parallel zum Prozess hat der US-Kongress einen neuen Bericht vorgelegt, in dem noch einmal die ganze Grausamkeit der Erziehungsmethoden in Boot-Camps offengelegt wird: Demnach gab es allein im Jahr 2005 mehr als 1600 dokumentierte Fälle von Kindesmissbrauch. Zehn Kinder seien seit 1990 in Boot Camps oder vergleichbaren Institutionen ums Leben gekommen. Sowohl republikanische als auch demokratische Mitglieder des Kongress-Ausschusses reagierten entsetzt auf den Report und forderten neue Gesetze zur Kontrolle der Lager.

In seinem Bericht für den Ausschuss erzählt Bob Bacon, wie sein Sohn Aaron in einem Camp im Bundesstaat Utah buchstäblich verhungerte. Innerhalb von nur drei Wochen sei er von 59 auf 44 Kilo abgemagert. Laut Tagebuchaufzeichnungen des Sohnes habe er an 14 von 20 Tagen "überhaupt nichts zu essen" bekommen, während er trotzdem gezwungen wurde, bis zu 16 Kilometer am Tag zu laufen. Wenn es etwas zu essen gab, seien es ungare Linsen, Eidechsen, Skorpione oder Trockenfrüchte gewesen. Aaron starb an einem unbehandelten offenen Magengeschwür. Der Vater berichtete außerdem, der Junge sei "vom Kopf bis zu den Zehen geschlagen" worden.

Unappetitliche Details aus dem Leben im Boot Camp sind seit Jahren bekannt: "Kinder werden gezwungen, ihr eigenes Erbrochenes zu essen, in Urin oder Kot zu liegen. Sie werden getreten, geschlagen und zu Boden geworfen", berichtet ein Ermittler des US-Kongresses, Gregory Kutz, der "Times".

"Der amerikanische Gulag"

Zwischen 10.000 und 20.000 amerikanische Kinder werden jährlich in die Camps geschickt. In einigen Lagern zahlen die Eltern bis zu 450 Dollar täglich für die fragwürdige Sonderbehandlung ihrer Sprösslinge. Üblicherweise unterschreiben die Erziehungsberechtigten vor Eintritt ihrer Kinder ins Camp einen Vertrag mit den Organisatoren, der das Personal autorisiert, für den verabredeten Zeitraum als Agenten der Eltern zu agieren. Ein Freibrief für die Wächter on duty.

Die Motivation, das eigene Kind freiwillig in eine dieser - von Kritikern auch als "amerikanischer Gulag" bezeichneten - Anstalten zu schicken, ist so unterschiedlich wie die Schicksale der Kinder selbst: Von Ignoranz und Hilflosigkeit bis zu dem festen Glauben, nur militärischer Drill und unbarmherzige Disziplin könnten pädagogische Wunder wirken, sprechen die Kommentare der Eltern.

Für viele ist ein Boot Camp die letzte Instanz, von der sie sich einen Wandel im Leben ihres Kindes erhoffen. Dass es auch der letzte Ort sein kann, den es lebend erblickt, ahnen sie sicherlich nicht.

Mit Material von AP



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