Jahrzehntelange Flucht US-Millionär Durst wegen Mordes angeklagt

Der exzentrische US-Immobilienmillionär Robert Durst soll in drei mysteriöse Todesfälle verwickelt sein. Nach jahrzehntelanger Flucht wurde er nun wegen Mordes angeklagt - auch dank einer TV-Doku-Serie.

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Robert Durst im Dezember 2014: Unter Mordverdacht
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Robert Durst im Dezember 2014: Unter Mordverdacht


Der alte Herr spricht mit sich selbst. Neu ist das nicht, Robert Durst nuschelt oft vor sich hin. Diesmal aber trägt er ein kleines Mikrofon, von einem soeben beendeten Interview für eine TV-Dokumentation. Er entschuldigt sich und geht aufs Klo. Die Kamera ist aus. Das Mikro ist noch an.

"Da hast du's, sie haben dich erwischt", murmelt er. Wasser rauscht. "Was für ein Desaster." Ein paar wirre Sätze, schließlich:

"Was zum Teufel hast du getan? Hast sie alle umgebracht, klar doch." Das offenbar versehentliche Geständnis, am Sonntagabend im US-Sender HBO ausgestrahlt, bildet die spektakulären letzten Minuten von "The Jinx". Die sechsteilige Doku-Serie folgt dem exzentrischen Multimillionär Durst, dem verstoßenen Erben der bekanntesten US-Immobiliendynastie. In drei Todesfälle verwickelt, die bis 1982 zurückreichen, sprang Durst der Justiz immer wieder von der Schippe.

Bis jetzt: 24 Stunden vor dem explosiven "Jinx"-Finale wurde Durst, 71, in New Orleans wegen Mordes verhaftet. Der Vorwurf: Er soll im Dezember 2000 eine Freundin umgebracht haben, die gewusst habe, warum 18 Jahre zuvor auch seine Ehefrau spurlos verschwunden sei.

Eine unglaublichen Geschichte - ein jahrzehntelanges Katz-und-Maus-Spiel, das nicht nur die US-Society faszinierte. Vier Bücher wurden darüber geschrieben, ein Kinofilm und zwei Folgen der TV-Krimiserie "Law & Order" fiktionalisierten den Fall.

Jahrzehntelang unter Mordverdacht

Der Angeklagte ist der älteste Sprössling des Durst-Clans, der elf Wolkenkratzer besitzt und das One World Trade Center managt, Amerikas höchsten, umstrittensten Skyscraper. Dass er ein Mörder sein soll, überrascht aber weder die Dursts noch die meisten anderen. Seit 33 Jahren gab es den Verdacht. Seit 33 Jahren war er auf der Flucht - zeitweise als obdachlose, taubstumme Frau getarnt.

Die Flucht endete am Samstag in der belebten Lobby eines Hotels in New Orleans, am Rande des French Quarters. Polizeikreisen zufolge erkannten zwei FBI-Agenten Durst, der sich unter falschem Namen in dem Hotel eingebucht hatte. Noch am Abend wurde er dem Haftrichter vorgeführt und des vorsätzlichen Mordes angeklagt. Das öffentlich zugängliche Polizeifoto zeigt ihn in orangefarbener Gefängniskleidung, mit halb resignierter, halb grienender Miene, Häftlingsnummer 12230447. Ihm droht die Todesstrafe. Der Haftbefehl kam vom Sheriff-Büro in Los Angeles.

Denn dort war am Heiligabend 2000 die 55-jährige Autorin Susan Berman tot in ihrem Haus gefunden worden, eine Schusswunde im Hinterkopf. Bermans Vater Davie Berman war ein Mafioso gewesen, der mit dem Gangster Bugsy Siegel die Gründung von Las Vegas als Spielerparadies finanziert hatte.

Berman war eine alte Freundin Dursts und er ihr Trauzeuge gewesen. Sie starb, kurz bevor sie mit der New Yorker Polizei über das mysteriöse Verschwinden seiner ersten Ehefrau sprechen sollte.

Robert und die damals 19-jährige Kathie Durst hatten 1973 geheiratet. Bald hatte Durst eine Geliebte, und Kathie wollte die Scheidung. Am 31. Januar 1982 verließ sie eine Party in New York mit den ominösen Worten an einen Freund: "Wenn mir was zustößt, gehe dem nach. Ich habe Angst, was er mir antun kann." Sie wurde nie wieder gesehen.

Durst machte widersprüchliche Aussagen über die fragliche Nacht. 1990 leitete er die Scheidung von der weiter als vermisst geltenden Kathie in die Wege, ohne seine oder ihre Familie darüber zu informieren. Doch da hatten sich die Dursts längst vom ältesten Sohn entfremdet.

Gegründet hatte das Immobilienimperium Joseph Durst, ein Immigrant aus Österreich-Ungarn. 1974 vererbte er alles seinem Sohn Seymour. Schon dessen Frau Bernice kam unter ungeklärten Umständen ums Leben: Sie fiel oder stürzte sich 1950 vom Dach ihres Hauses. Robert, da erst sieben, will "Zeuge" des Vorfalls gewesen sein.

Später galt er als potenziell gewalttätig. So verdächtigt ihn sein jüngerer Bruder Douglas, sieben Hunde getötet zu haben: "Ich glaube, dass er an diesen Hunden übte, wie er seine Frau töten und beseitigen konnte", sagte er der "New York Times". 2012 und 2013 erwirkte Douglas ein gerichtliches Kontaktverbot, aus Angst um sein Leben.

1994 trat Seymour die Firma an Douglas ab. Robert wurde mit einem achtstelligen Treuhandfonds abgespeist. Er brach mit der Familie und heiratete heimlich - im selben Jahr, als Berman ermordet wurde. Ihr Tod veranlasste die Polizei, Kathies Vermisstenfall neu aufzurollen.

Durst gestand Tötung von Obdachlosem

Durst tauchte ab - im texanischen Galveston, wo er sich als Obdachlose verkleidete, samt Kleidern und brünetter Perücke. Das flog auf, als Morris Black, ein anderer Obdachloser, 2001 ermordet wurde und zerstückelt im Meer landete. Durst gestand vor Gericht, berief sich aber auf Notwehr. Am Ende kam er mit drei Jahren Haft davon.

"Ich freue mich sehr über seine Verhaftung", sagte die damalige Richterin Susan Criss der "Washington Post" jetzt. Sie habe Durst stets für einen eiskalten Killer gehalten. Er habe Morris' Leiche "chirurgisch zerteilt" - das sei "unmöglich" sein "erster Mordversuch" gewesen.

In der Tat: "Aufgrund von Ermittlungsergebnissen und weiteren Indizien, die im letzten Jahr ans Licht kamen, haben die Fahnder Robert Durst als die Person identifiziert, die für Ms. Bermans Tod verantwortlich war", erklärte das Los Angeles Police Department jetzt.

Warum so spät? Dazu trug die HBO-Dokumentation bei. "The Jinx" ist das Ergebnis zehnjähriger Recherchen des Filmemachers Andrew Jarecki. Durst selbst bot sich an, "seine Seite der Geschichte" zu erläutern. Er tat das in grotesken Interviews, bei denen er unablässig blinzelte - entweder weil er log oder, so eine andere Theorie, spezielle Kontaktlinsen trug, die ihm einen unschuldigen Blick geben sollten.

Was Durst nicht ahnte: Jarecki trieb belastende Indizien auf. Etwa eine Notiz Dursts, deren Handschrift identisch war mit einem anonymen Brief an die Polizei vom 23. Dezember 2000, die auf einen "Kadaver" in Bermans Haus hinwies. Das und das mitgeschnittene Geständnis könnten Dursts Schicksal besiegelt haben. Wobei das Timing unklar ist: Angeblich wurde die Klo-Sequenz bereits 2012 gefilmt und erst letztes Jahr "entdeckt". Wann die Justiz das erfuhr, bleibt unklar.

Robert Dursts Anwalt besteht auf seiner Unschuld. Seine Familie sieht es anders: "Wir sind erleichtert und jedem dankbar, der bei der Festnahme von Robert Durst mithalf", erklärt Douglas. "Wir hoffen, dass er endlich für all das, was er getan hat, zur Verantwortung gezogen wird."



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insgesamt 9 Beiträge
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mukulele 16.03.2015
1. Puuuuh
Was für eine Geschichte, unglaublich! Es gibt also doch diese unfassbaren Verbrechen, wie in Hollywood
klebmarke 16.03.2015
2. Eine Doku die wirklich etwas bewirkt hat. Muss man gesehen haben!
Ein unglaublich spannende und handwerklich hervorragend gemachte Dokumentation welche Einblicke in die Psyche von Robert Durst, dem Denken der Erb-Adeligen Oberschicht in den USA, sowie in das dortige Justizsystem gibt. Robert Durst selber ist wohl das interessanteste "Objekt" der Dokumentation. Ein Mischung aus Hannibal Lecter und 'Rain Man'. Er hielt sich wirklich für so schlau, das er dachte alle auszutricksen zu können. Und tatsächlich ist es ihm auch lange gelungen. Die Frage stellt sich ob er insgeheim gefasst werden wollte um für seine Taten den 'Ruhm' zu erhaschen nachdem ihn sein jüngere Bruder um die Führung des Familienerbes ausgebootet hat. Ebenfalls scheint die Aussage von Douglas Durst dass er froh ist, das sein Bruder gefasst wurde höchst heuchlerisch. Immerhin hat er immer gewusst zu was sein Bruder fähig war. Hat es aber bevorzugt die Angehörigen der Opfer im Dunkeln zu lassen um den Ruf der Familie nicht zu schädigen - verwerflich. Nur dank der Hilfe der Dokumentarfilmer wurden diese Verbrechen nun aufgeklärt.
JKStiller 16.03.2015
3. Alles alter Kaffee!
Dominick Dunne's power,privilege and justice - Billionare on the run https://www.youtube.com/watch?v=7ZFLonTR3fE Das ist Jahre her. Der Mann ist genau der "American Psycho", den wir hier in Europa seit Roman und dem Film kennen. Vielleicht hat Bret Easton Ellis ja auch schon mal mit dem Psychopathen einen Kaffee getrunken zwecks Recherche. Die spinnen, die Amis.
Chatzi 17.03.2015
4. Prädikat: Sehenswert!
Ich lebe in New York und habe auf HBO alle Teile der Doku von "The Jinx" (übersetzt: Der Unglücksbringer), gesehen. Gestern lief der letzte Teil mit der besagten Klo-Mikrofon Szene ganz am Schluss. Ich muss sagen, mir lief ein Schauer über den Rücken und ich war sprachlos. Und das kommt bei mir selten vor. Ich empfehle jedem, soch diese Doku anzusehen, sie ist wirklich Oskar-Preisverdächtig!
FlyingGerman 17.03.2015
5.
Ich würde nur gerne einen Fehler melden. Weder Robert Durst noch sein Opfer Morris Black waren obdachlos. Bitte noch mal die Recherche verfeinern.
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