US-Strafvollzug Psychisch Kranke stirbt Hitzetod im Käfig

Im US-Bundesstaat Arizona sorgt die Misshandlung einer Gefängnisinsassin für Empörung: Marcia Powell wurde in eine käfigartige Außenzelle verlegt. In glühender Hitze musste sie stundenlang ausharren, ohne Sonnenschutz, ohne Wasser. Schließlich starb sie.

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Hamburg - "Es ist mir eine Ehre, mit 9750 gut ausgebildeten Angehörigen der Strafjustizbehörde zu arbeiten, die sich der Sicherheit von Öffentlichkeit, Personal und Insassen widmen", schreibt der Leiter der Gefängnisbehörde von Arizona, Charles L. Ryan, auf der Website seines Departments.

Mit dem Stolz und der Ehre ist das so eine Sache. Denn offenbar haben einige dieser angeblich so professionell arbeitenden Justizangestellten den Tod einer psychisch kranken Frau im staatlichen Gefängnis von Perryville zu verantworten.

Am 4. August 2008 war die 48-jährige Marcia Powell in die Strafanstalt im US-Bundesstaat Arizona gekommen. Hinter ihr lag ein Leben auf der Straße - ohne Halt, Familie oder Freunde, dafür geprägt von Drogen und dem verzweifelten Versuch, an Geld zu kommen. Mit den Jahren brachte sie es auf Dutzende Straftaten und etwa 30 Ordnungswidrigkeiten, die meisten im Zusammenhang mit Prostitution und Drogenbesitz.

Im Juli 2008 bot Powell laut "Arizona Republic" einem verdeckt ermittelnden Polizisten Oralsex für eine Portion Crack im Wert von 20 Dollar an. Sie wurde festgenommen und zu einer 27-monatigen Freiheitsstrafe verurteilt. Ihr Aufenthalt in Perryville ist ordentlich dokumentiert: Die Online-Gefängnisdatenbank offenbart, dass die drogenabhängige und seit 1993 schwer psychisch kranke Frau zehn Mal zu Arbeiten herangezogen wurde und 18 Disziplinarstrafen erhielt - unter anderem wegen Arbeits- und Befehlsverweigerung.

Die Tragödie, die sich am 19. Mai 2009 in der Strafanstalt abspielte, ist weniger gut dokumentiert: Powell wurde nach einem Besuch beim Gefängnispsychologen in einen nicht überdachten Käfig außerhalb der Gefängnismauern verfrachtet. In der prallen Wüstensonne wartete sie bei 42 Grad Celsius darauf, in ihre Zelle zurückgebracht zu werden - vergeblich. Wegen eines angeblichen Personalengpasses harrte sie vier Stunden in der unerträglichen Hitze aus - dann kollabierte sie und verstarb am darauffolgenden Tag im Krankenhaus.

Offiziellen Angaben zufolge starb Powell an Herzversagen, die Ergebnisse der Autopsie wurden jedoch bisher nicht veröffentlicht. Wie die "Phoenix News Times" berichtete, ermitteln die Behörden, ob Powell Psychopharmaka eingenommen hatte und ob diese eventuell die Hitzeresistenz ihres Körpers herabgesetzt hätten. "Arizona Republic" zufolge war seit 1993 aktenkundig, dass die drogensüchtige Powell schwer psychisch krank war. Sie soll aber alle Behandlungsangebote abgelehnt haben.

Keinen Hund der Hitze schutzlos ausliefern

In der Regel müssen die Wärter in Perryville nach spätestens zwei Stunden ihre Gefangenen aus dem Käfig befreien - dies unterblieb im vorliegenden Fall eindeutig. Die nur wenige Meter entfernt in einem Kontrollraum sitzenden Beamten sind außerdem verpflichtet, alle halbe Stunde nach den Insassen zu sehen. Ob dies geschehen ist, ist ebenso Teil der behördlichen Ermittlungen, wie die Frage, ob die Frau ausreichend Flüssigkeit erhielt.

Gefängnisbehördenleiter Charles Ryan sprach von einer "Tragödie" und gestand ein Versagen ein: "Es liegt in unserer Verantwortung, für das Wohl und die Bewachung der Häftlinge zu sorgen", sagte er. Ziel der Ermittlungen sei es nun, mögliche Verstöße oder Unterlassungen ans Tageslicht zu bringen.

Donna Leone Hamm von der Häftlingsorganisation Middle Ground Prison Reform, verurteilte den Vorfall als "wahnsinnig und mittelalterlich". In Arizona würde man keinen Hund der Hitze schutzlos und ohne Wasser ausliefern. Dass die Gefängnisbehörde so eine Praxis bislang routinemäßig angewandt habe, zeige, wie weit es mit den Menschenrechten im Land her sei. Hamm kontaktierte das Justizministerium und das FBI und forderte eine unabhängige Untersuchung des Falls: "Es gibt hier kriminelle Machenschaften", sagte sie. Die Behörden sollten nicht in eigener Sache ermitteln, das sei schlicht "skrupellos". "Der Gouverneur muss einschreiten und sagen, dass dies inakzeptabel ist", so die Forderung.

Hamm spricht aus bitterer Erfahrung: Bereits im Dezember 2007 hatte sie an den Leiter der Gefängnisbehörde geschrieben und angemahnt, dass Gefangene im Winter ohne Jacken und Decken in die Käfige gesperrt wurden. Gefängniswärter hatten sie kontaktiert und berichtet, dass Insassen bis zu zehn Tage lang in den Käfigen ausharrten.

Seit den sechziger Jahren gibt es die archaischen Outdoor-Zellen in Arizona. Den Behörden zufolge werden sie nur für Kurzaufenthalte genutzt, wenn Häftlinge in andere Anstalten überstellt werden. Seit dem Vorfall wurden alle 233 dieser Käfigzellen in den Gefängnissen vorläufig geschlossen. In Zukunft werde man die Gefangenen bei einem Transport in einen klimatisierten Innenraum bringen, so dass das Wetter "kein Thema" mehr sei, erklärte Behördenleiter Charles Ryan. Auch in den Bundesstaaten Texas und Kalifornien gibt es vergleichbare Käfige außerhalb der Gefängnismauern, hier sind sie allerdings mit einem Sonnenschutz versehen.

Familienzustände desolat

Auch auf einen weiteren Aspekt macht die "Phoenix News Times" im Zusammenhang mit dem Tod der Gefangenen mit der Nummer 109416 aufmerksam: Auf einer Gedenkfeier für Marcia Powell am 30. Mai in Phoenix wollte ein Reporter des Blattes von Behördenleiter Charles Ryan wissen, was es damit auf sich habe, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen für Powell im West Valley Hospital bereits nach wenigen Stunden eingestellt wurden.

Er habe auf Anweisung der Ärzte seine Zustimmung gegeben, die Maschinen auszuschalten, erklärte Ryan. Alles andere wäre "inhuman" gewesen, habe der Mediziner versichert. Seine Behörde habe keine Kenntnis über einen rechtlichen Vormund gehabt. "Die einzige Person, deren Daten wir hatten, war eine Freundin, doch der Versuch, sie zu finden, endete mit einer abgemeldeten Telefonnummer und einer leeren Wohnung."

Tatsächlich scheint Powell in ihren letzten Lebensjahren komplett auf sich allein gestellt gewesen zu sein. Die Familienumstände waren von Beginn an desolat: Wie die "Phoenix News Times" berichtet, wurde die Verstorbene im Alter von sechs Jahren von Ray and Joanne Powell adoptiert. Das Paar ließ sich später scheiden, Ray Powell starb am 4. November 2008. Die heute 76-jährige Mutter Joanne lebt im kalifornischen La Quinta und hatte über die Jahre "sehr wenig Kontakt" zu ihrer Adoptivtochter, die mit 14 von Zuhause ausgerissen war. Marcia habe sie mit dem Tode bedroht, sagte sie.

Marcia Powell selbst soll zwei Kinder gehabt haben, gab jedoch beide ihrerseits zur Adoption frei. Von ihnen fehlt heute jede Spur.

50 Grad Celsius, glühender Metallboden

Der US-Bundesstaat Arizona macht von jeher mit bizarren Strafvollzugsmaßnahmen von sich reden. So sorgte der berühmt-berüchtigte Sheriff Joseph Arpaio im Maricopa County für internationale Empörung, als bekannt wurde, dass die Insassen seiner Einrichtung rosa Unterwäsche tragen und sich auch sonst in allerlei devoten Alltagsriten üben mussten. Unter seiner Fuchtel wurden Untersuchungshäftlinge und Kleinkriminelle in Ketten zum Arbeitsdienst geschleppt und mussten in Zelten hausen. Menschenrechtorganisationen kritisierten den Hardliner heftig, dieser zeigte sich allerdings unberührt und ist seit 1993 ununterbrochen im Amt.

Ein ähnlich gelagerter Fall von Misshandlung eines Gefangenen war erst vor wenigen Tagen aus Australien berichtet worden. Ein 46-jähriger australischer Ureinwohner war auf einem Gefangentransport ums Leben gekommen. Der Aborigine aus Westaustralien war wegen Alkohols am Steuer im Januar 2008 in der Ortschaft Laverton 950 Kilometer nordöstlich von Perth festgenommen worden und sollte in ein 300 Kilometer entferntes Gefängnis überstellt werden. Er überlebte die Fahrt jedoch nicht.

Bei 50 Grad Celsius im Fahrzeuginnern habe er das Bewusstsein verloren und sich an dem glühenden Metallboden schwerste Verbrennungen zugefügt, erklärten die Ermittler in dem Fall. Der Mann habe während der vierstündigen Fahrt kaum zu trinken bekommen. Bisher ist unklar, ob das Privatunternehmen, das den Transport im Auftrag der Polizei durchführte, zur Rechenschaft gezogen werden kann. Die beiden Fahrer sind vorübergehend vom Dienst suspendiert worden.



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