US-Todeskandidat Geständnis statt Giftspritze

Trotz erheblicher Zweifel an seiner Schuld sollte US-Häftling Thomas Arthur heute hingerichtet werden - jetzt hat ein Gericht die Exekution aufgeschoben: Überraschend hat ein anderer Mann die Tat gestanden. Doch damit ist Arthurs Tortur im Todestrakt noch nicht zu Ende.

Von , New York


New York - Zum dritten Mal war Sherrie Stone von Florida nach Alabama gefahren, um Abschied von ihrem Vater zu nehmen. "Ich wollte den ganzen Tag mit ihm verbringen", sagte sie zu SPIEGEL ONLINE. Denn am heutigen Donnerstagabend sollte Thomas Arthur wegen Mordes hingerichtet werden - obwohl bis zuletzt Zweifel an seiner Schuld bestanden.

Zweimal zuvor hatte das Gericht in letzter Minute Aufschub gewährt. Diesmal jedoch sah es schlecht aus für den vermeintlichen Delinquenten. Der Gouverneur, der das letzte Wort hat und über Tod oder Gnade entscheiden kann, blieb unerbittlich.

Und dann, am Mittwochabend, das Wunder. Der Oberste Gerichtshof von Alabama gewährte dem 66-jährigen Arthur, der seit 26 Jahren in der Todeszelle sitzt und seine Unschuld beteuert, erneut Aufschub. 24 Stunden, bevor er die Giftspritze gesetzt bekommen sollte.

Die Nachricht kam per Fax und bestand aus zwei kargen Sätzen, von denen der zweite maßgeblich war: "Es wird hiermit angeordnet, dass der Beschluss dieses Gerichts vom 30. Juni 2008, mit dem der Tag der Hinrichtung von Thomas Douglas Arthur für den 31. Juli 2008 bestimmt wurde, vorbehaltlich weiterer Beschlüsse des Gerichts aufgehoben wird." Die Anordnung der Richter fiel mit 5:4 Stimmen.

Noch dramatischer freilich war, was sich in den Stunden vor dieser neuerlichen Galgenfrist hinter den Kulissen abspielte: Kein Krimiautor hätte sich das besser ausdenken können. "Mir schwirrt der Kopf", sagte Sherrie Stone, 47.

Mordgeständnis in säuberlichen Schuljungen-Buchstaben

Arthur soll 1982 den 35-jährigen Troy Wicker im Schlaf umgebracht haben. Wickers Frau Judy, die am Tatort vorgefunden wurde und mit Arthur eine Affäre gehabt hatte, belastete Arthur - mit einer Zeugenaussage, die sie selbst vor einer lebenslangen Haftstrafe bewahrte. Arthur wurde zum Tode verurteilt, trotz Mangels an weiteren, konkreten Indizien.

Arthurs Anwältinnen Suhana Han und Jordan Razza versuchen seit Jahren, mittels DNA-Proben seine Unschuld zu beweisen. Auch die Vereinten Nationen, Amnesty International und die New Yorker Rechtsinitiative Innocence Project haben sich für Arthur eingesetzt.

Doch sowohl die Gerichte als auch Alabamas Justizminister Troy King und Gouverneur Bob Riley - beide Republikaner - weigerten sich bisher, die unter Verschluss befindlichen DNA-Materialen testen zu lassen, darunter Blut- und Haarproben vom Tatort sowie der ärztliche Vergewaltigungsbefund Judy Wickers. Alabama ist einer von nur sieben US-Staaten, in denen DNA-Tests nicht gesetzlich vorgeschrieben sind.

Erst vorgestern hatte Alabamas Supreme Court einen letzten Eilantrag auf DNA-Zugang und damit einen Aufschub abgelehnt. Dann - die Sensation: Ein anderer Mann gestand die Tat.

Die eidesstattliche Erklärung ist handgeschrieben. Acht Seiten, auf liniertem Notizpapier, in säuberlichen Schuljungen-Buchstaben und unterzeichnet mit einem leichten, eleganten Schnörkel: "Bobby Gilbert."

"Ich bekam das Gewehr, als ich sieben Jahre alt war"

Gilbert, 43, sitzt selbst im Gefängnis, in der Nähe von Birmingham im Herzen Alabamas. Dort leistet er, wie er schreibt, wegen Mordes und anderer Delikte eine ganze Reihe von Strafen ab: "Einmal lebenslang ohne Bewährung, zweimal lebenslang, zweimal 99 Jahre, einmal 40 Jahre, einmal 20 Jahre, einmal 10 Jahre."

Gilbert - der damals ebenfalls eine Affäre mit Judy Wicker gehabt haben will - gesteht den Mord an Troy Wicker mit lakonischen Worten: "Ich nahm ein abgesägtes Gewehr vom Kaliber 22 und schoss ihm ins Gesicht. Ich stand weniger als 55 Zentimeter von ihm entfernt. Ich bekam das Gewehr von meinem Vater geschenkt, als ich ungefähr sieben Jahre alt war." Judy Wicker habe ihn zu dem Mord angestiftet und ihn auch bezahlt.

Das filmreife Last-Minute-Geständnis, wahr oder unwahr, war Anlass genug für das Gericht, die Vollstreckung des umstrittenen Todesurteils aufzuschieben. Doch damit ist Arthurs Geschichte noch lange nicht zu Ende.

Arthurs Tochter Sherrie Stone, die seit vielen Jahren für die Rehabilitierung ihres Vaters kämpft, konnte die neue Wendung kaum fassen. "Das sollte reichen, um uns einen neuen Prozess zu garantieren", sagte sie. Von Bobby Gilbert, fügte sie verwundert hinzu, "hatte ich vorher nie gehört".

Fast wäre es nicht zu dem Aufschub gekommen. Justizminister King versuchte mit allen Mitteln, Arthur wie geplant der Giftspritze zuzuführen. Ein neues Geständnis? "Ich habe keinen Anlass, dem zu glauben", erklärte er. Binnen weniger Stunden präsentierte King stattdessen seinerseits eine eidesstattliche Versicherung - von Judy Wicker. "Keine der Anschuldigungen Gilberts ist wahr", schwört sie. Und was den Mörder ihres Mannes angeht: "Diese Person war Thomas Arthur, nicht Bobby Gilbert."

Sex am Tatort, ohne Kondome

Und dann wurde es hässlich. Wicker beschuldigte Sherrie Stone, diese habe sie bestechen wollen, damit sie ihre belastende Aussage widerrufe. Arthur stünden bei einem nachträglichen Freispruch "Millionen Dollar" an Entschädigung zu: "Arthur", erklärte Wicker, "würde mir 20 Prozent zahlen." Stone, darauf angesprochen, lachte laut: "So ein Quatsch!"

Es ging weiter - wie in einem Justizthriller von John Grisham. Minister King äußerte im Lokalfernsehen die Vermutung, Arthurs Anwälte hätten Gilbert "gecoacht", ihm Teile des Geständnisses in den Block diktiert. King war bis vor kurzem ein führender Wahlhelfer des Republikaners John McCain in Alabama, verließ McCains Team aber - nach Gerüchten, seine Frau habe ihn mit einem männlichen Angestellten im Bett erwischt.

Gilberts Geständnis liest sich authentisch. Er berichtete, wie er, erst 17-jährig, Judy Wicker kennengelernt habe: "Sie war eine zierliche Blondine." Wie sie ihn gebeten habe, ihren "gewalttätigen" Mann umzubringen. Wie er dunkelbraunes Make-up und eine Afro-Perücke getragen habe, um sich als Schwarzer zu verkleiden - Judy Wickers erste Aussage vor der Polizei war, dass ein Afroamerikaner ihren Mann umgebracht habe. Wie Wicker dem Toten hinterher einen Schminkspiegel vorgehalten habe, "um zu sehen, ob er noch atmete". Wie sie dann am Tatort Sex gehabt hätten, ohne Kondome. Wie und wo er die Tatwaffe losgeworden sei - in einer nahen Lagune.

"Alles, was ich jetzt noch tun kann, ist warten"

Seit Jahren habe er "die Dinge richtigstellen" wollen, schreibt Gilbert. Er habe Mithäftlingen von dem Mord erzählt, zwei Gefängniswärtern. Doch niemand schien ihm zugehört zu haben.

Bis jetzt. Gilberts Brief, der Arthurs Tod erneut aufschob, war am Mittwoch Tagesthema, nicht nur in Alabama. Nun kann es zu den DNA-Tests kommen, die Arthurs Unschuld beweisen (oder widerlegen) könnten. Arthur, sagte seine Anwältin Han, sei "absolut ekstatisch": "Endlich haben wir die Gelegenheit, seine Unschuldsbeteuerung umfassend zu prüfen."

Doch auch das war plötzlich wieder fraglich: Man habe einen Teil der DNA-Proben "verloren", hieß es aus dem Justizministerium Alabamas. "Alles, was ich jetzt noch tun kann", sagte Sherrie Stone, "ist warten."

Doch selbst wenn Arthur nachträglich für unschuldig erklärt wird: Aus der Haft wird er nicht freikommen. Denn auch dann muss er noch eine weitere, lebenslange Strafe absitzen, wegen eines früheren Mordes an einem entfernten Verwandten - und an dem Schuldspruch zweifelt selbst die Tochter nicht.

Wie Menschen hingerichtet werden
Giftspritze
AP
Bei der Hinrichtung mit einer Giftspritze werden dem Verurteilten in der Regel drei Substanzen verabreicht: ein Narkosemittel, damit der Todgeweihte nichts spürt, ein Lähmungsmittel, damit sein Körper nicht zuckt, und schließlich das Salz Kaliumchlorid, damit das Herz aufhört zu schlagen. Dieses geschieht binnen zwei Minuten. Anfangs wurden die Substanzen manuell gespritzt, mittlerweile kommen Injektionsmaschinen zum Einsatz.

Bei der angeblich besonders "humanen" Hinrichtungsart können jedoch Probleme auftreten. Werden die Substanzmengen falsch berechnet oder die Mittel zu früh gemischt, verlängert sich der Sterbevorgang. Verzögert sich die Wirkung des Betäubungsmittels, ist das Opfer möglicherweise noch bei Bewusstsein, wenn die Lähmung der Lunge eintritt. Zudem kommt es vor, dass statt in eine Vene in Muskelfleisch injiziert wird - das Opfer erleidet dann starke Schmerzen.
Elektrischer Stuhl
AP
Die Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl wurde 1888 in den USA mit der Begründung eingeführt, sie sei humaner als das Erhängen. Das Opfer wird auf einen eigens dafür gebauten Stuhl geschnallt. Am Kopf und an den Beinen des Häftlings befestigen die Vollstrecker die Elektroden. Der Verurteilte wurde an diesen Stellen zuvor rasiert, damit ein optimaler Kontakt zwischen Elektroden und Körper besteht. Anschließend löst der Henker starke Stromstöße aus. Das Opfer stirbt durch Herzstillstand und Lähmung der Atemwege.

Die Stromschläge haben Verbrennungen der inneren Organe des Opfers zur Folge. "Oft werfen die Stromstöße den Gefangenen nach vorn in die angelegten Haltegurte; er uriniert, entleert den Darm oder erbricht Blut", berichtet Amnesty International. Die Luft sei vom Geruch verbrannten Fleisches erfüllt.
Gaskammer
Das Opfer wird in einer luftdichten Kammer an einen Stuhl geschnallt. Anschließend leiten Vollstreckungsbeamte Giftgas in den Raum, zum Beispiel Zyanid. Weil Zyanid ein Enzym in der Zellatmungskette hemmt, verhindert es die Sauerstoffversorgung des Körpers, der Betroffene erstickt.

Wenn der Todeskandidat das Zyanid jedoch nicht einatmet, weil er die Luft anhält, verzögert sich das Verfahren. Er kann auch langsamer atmen. Laut Amnesty International können lebenswichtige Organe noch für kurze Zeit weiter funktionieren, unabhängig davon, ob der Gefangene bereits bewusstlos ist oder nicht.
Strang
Der Gefangene bekommt eine Schlinge um den Hals gelegt und fällt anschließend in die Tiefe. Durch den Ruck des Stranges bricht das Genick, das Opfer wird bewusstlos. Diese Art der Hinrichtung erfordert ein hohes Maß an Erfahrung. Der Henker muss die Länge des Strickes so berechnen, dass der Fall des Körpers zu einem Genickbruch und damit zu einem schnellen Tod führt. Ansonsten kann der Kopf beim Fall auch abgetrennt werden - oder aber der Verurteilte erleidet einen grausamen Erdrosselungstod.

Nach Informationen von Amnesty International starben manche Opfer erst, nachdem die Wärter sie an den Beinen nach unten gezogen hatten.
Erschießen
DPA
Entweder eine Person oder ein ganzes Exekutionskommando schießen auf das Opfer. Dieses stirbt durch Verletzungen lebenswichtiger Organe wie beispielsweise des Herzens, durch Schädigung des zentralen Nervensystems oder durch Verbluten. Nach Angaben von Amnesty International ist der Kopfschuss in asiatischen und arabischen Ländern die am häufigsten angewandte Methode.

Bei gezielten Kopfschüssen wird das Opfer sofort bewusstlos. Treffen die Schützen jedoch stattdessen zuerst den Rumpf, ist es möglich, dass der Todgeweihte länger bei Bewusstsein bleibt.
Enthauptung/Guillotine
Diese Exekutionsmethode wird hauptsächlich in arabischen Ländern angewandt. Der Henker trennt mit einem Schwert den Kopf des Opfers ab. Wenn die scharfe Klinge die Wirbelsäule umgehend durchtrennt, wird der Verurteilte augenblicklich bewusstlos. Mitunter sind aber mehrere Hiebe notwendig, da das Schwert eine verhältnismäßig leichte Waffe ist. Die Dauer der Hinrichtung und damit auch der Qualen für den Hingerichteten hängt deshalb von der Kraft und Genauigkeit des Henkers ab.

Das Fallbeil, nach dem französischen Erfinder Guillotine genannt, wurde bereits im 18. Jahrhundert eingeführt - als "humane" Tötungsmaschine. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden Menschen in Frankreich mit der Guillotine hingerichtet
Steinigung
Die Steinigung wird vor allem zum Vollzug von Todesstrafen auf Basis des islamischen Scharia-Rechts angewandt - etwa wegen Ehebruchs. In Iran ist die Steinigung als Hinrichtungsmethode gesetzlich vorgesehen. Das Opfer wird in der Regel vorher bis zum Hals in die Erde eingegraben. Der Tod tritt durch Ersticken oder durch Verletzungen am Kopf oder an anderen Körperteilen ein. Weil ein Mensch unter Umständen mehrere Steinwürfe übersteht, ohne das Bewusstsein zu verlieren, kann eine Steinigung ein langsames Sterben bewirken, konstatiert Amnesty International.



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