US-Todeskandidat Thomas Arthur Im Zweifel für den Henker

Seit 1982 sitzt Thomas Arthur in einer Todeszelle im US-Bundesstaat Alabama, kommende Woche soll er hingerichtet werden - obwohl starke Zweifel an seiner Schuld bestehen. Doch der Gouverneur verweigert potentiell entlastende DNA-Tests.

Von , New York


Zweimal schon hat sich Sherrie Stone für immer von ihrem Vater verabschiedet. Zweimal hat sie, wie sie es nennt, "meine Goodbyes gesagt", im Gefängnis von Atmore. Zweimal hat sie ihm zum letzten Mal nachgeblickt, als er in die Todeszelle zurückschlurfte, in der er seit 26 Jahren sitzt.

Zweimal ist seine Hinrichtung aufgeschoben worden, nur Stunden vor dem Vollzug.

Nächste Woche muss Stone, 47, ein drittes Mal nach Atmore. Acht Stunden Autofahrt von Florida, wo sie wohnt, nach Alabama, wo ihr Vater Thomas Arthur im Todestrakt sitzt, verurteilt wegen eines Mordes im Jahr 1982. Am 31. Juli dann wird sie, bevor er diesmal wirklich die Giftspritze gesetzt bekommen soll, die Abschiedsprozedur erneut durchexerzieren. Einfacher wird es nicht.

Erst recht nicht, da sie an seine Unschuld glaubt - eine Unschuld, die auch ihr Vater von Anfang an immer wieder beteuert hat. "So was ist grausam", sagt Stone zu SPIEGEL ONLINE. "Frustrierend und grausam. Nicht nur für den Inhaftierten. Auch für die Familie."

Mehr als 3300 Todeskandidaten warten derzeit in Amerikas Gefängnissen auf ihre Hinrichtung, davon 203 in Alabama. Viele beschwören ihre Unschuld. Thomas Arthurs Fall ist ein besonderer: Es existiert jede Menge potentiell entlastendes DNA-Beweismaterial. Trotzdem weigert sich der Gouverneur von Alabama, der Republikaner Bob Riley, das Material zur Analyse freizugeben und hält am Hinrichtungstermin fest. Auch wenn dann vielleicht der Falsche sterben könnte.

Nicht nur Stone fürchtet einen "Justizmord". Auch Amnesty International hat "Bedenken" gegen Arthurs Hinrichtung angemeldet und nennt das Urteil - das auf einer fragwürdigen Zeugenaussage beruht - "hoch problematisch". Selbst die Uno hat sich eingeschaltet: Philip Alston, Uno-Sonderermittler für "illegale und willkürliche" Hinrichtungen, warf Gouverneur Riley kürzlich vor, "dem Risiko, Unschuldige hinzurichten, eklatant gleichgültig gegenüberzustehen".

Alles vergebens. "DNA-Beweise werden Mr. Arthur nicht entlasten", ließ Riley - der das letzte Gnadenrecht hat - über seine Sprecherin Tara Hutchinson auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklären. "Der Staat plant, die Exekution durchzuführen. Es sei denn, es gibt eine gerichtliche Intervention."

Auf die hofft nun nicht nur Arthurs Anwältin Suhana Han. Am Montag reichten Han und ihre Kollegin Jordan Razza, die Arthur pro bono vertreten, beim Supreme Court von Alabama einen letzten Eilantrag auf DNA-Prüfung ein. "Die Uhr", sagt Han zu SPIEGEL ONLINE, "läuft ab".

Der Verdächtige Arthur hatte keinen guten Leumund

Die Bluttat, für die Arthur verurteilt wurde, geschah am 1. Februar 1982 in Muscle Shoals, einem Ort an der Grenze zu Tennessee. Der 35-jährige Troy Wicker wurde im Schlaf umgebracht - mit einem .22-Kaliber-Schuss ins rechte Auge. Wickers Frau Judy, blutend am Tatort angetroffen, sagte aus, ein Schwarzer sei ins Haus eingebrochen, habe sie vergewaltigt und Troy erschossen.

Dennoch wurden Judy Wicker und Arthur - beide hatten, wie sich herausstellte, eine Affäre - in separaten Prozessen 1982 des Mordes an Troy Wicker schuldig gesprochen. Seine Witwe wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, Arthur zum Tode auf dem elektrischen Stuhl. Beide beteuerten ihre Unschuld, und Judy Wicker erklärte außerdem achtmal unter Eid, Arthur habe mit Troys Tod nichts zu tun gehabt.

Doch Arthur hatte keinen guten Leumund - das Musterbeispiel eines rechtschaffenen Bürgers war er nämlich nicht. Er hatte zuvor schon wegen eines anderen Mordes lebenslänglich bekommen und war zur Zeit des Wicker-Mordes nur für ein Arbeitsprogramm unter Aufsicht auf freiem Fuß. Das Lokalblatt "Daily Times" beschrieb ihn als "aalglatt", "feschen Charmeur" und jähzornig.

Thomas Arthurs Schuldspruch wurde zweimal aufgehoben - und dann, in neuen Prozessen, zweimal bestätigt, 1987 und 1991. Das letzte Urteil wurde durch alle Instanzen aufrecht erhalten.

Bei diesem letzten Prozess widerrief Judy Wicker ihre Unschuldsbeteuerung: Sie habe, gestand sie nun als Zeugin der Anklage, Arthur für den Mord bezahlt, um die Lebensversicherung ihres Mannes zu kassieren. Im Gegenzug für ihre Aussage wurde sie auf Bewährung aus der Haft entlassen. Der Prozess - bei dem sich Arthur selbst verteidigte - dauerte nur drei Tage.

"Es gab gar keine Beweise gegen meinen Vater"

Arthur machte es den Geschworenen leicht. 1986 war er aus dem Gefängnis ausgebrochen und hatte dabei einen Wärter angeschossen. Auf der Flucht überfiel er eine Bank. Sechs Wochen später wurde er wieder gefasst.

Seine Tochter Sherrie hat keine guten Erinnerungen an ihren Vater. "Ich war ein Kind, als er das erste Mal in Gefängnis kam", berichtet sie. "Alkohol war immer ein großes Problem." Arthur galt als Schläger, die Familie landete auf der Straße, die Stiefmutter lief weg, Sherrie und ihre zwei Geschwister wuchsen ohne Eltern auf. Vom Mord an Wicker erfuhr Stone im Haus ihrer Großmutter. "Auch ich hielt meinen Vater lange für schuldig. 15 Jahre lang sprachen wir nicht miteinander."

Erst später begann Stone, die Gerichtsakten zu lesen. Was sie fand, schockierte sie: "Es gab gar keine Beweise gegen meinen Vater."

Stattdessen war eine Fülle von Beweismitteln ignoriert worden. Allen voran DNA-Proben: Haare, Blut, Judy Wickers Vergewaltigungsbefund, ein Kissen, eine Perücke. Auch Fingerabdrücke, Telefonbelege, Zeugenaussagen, sogar ein Alibi - nichts wurde berücksichtigt. Zwei andere Verdächtige blieben außen vor. Einer der Cops hatte eine Affäre mit Wicker.

"Kommt die Wahrheit raus, bevor wir hingerichtet werden?"

Seither kämpft Stone für ihren Vater. Die Immobilienmaklerin richtete eine Website ein, verfasste Petitionen, filmte ein Video und veröffentlichte es bei YouTube. Letztes Jahr verbrachte sie so viel Zeit damit, dass sie bankrott ging. Ihr Mann, sagt sie, "weiß oft nicht, was er davon halten soll".

Auch Arthur selbst versuchte, das Urteil anzufechten. Da Alabama nicht generell Pflichtverteidiger bereitstellt, tat er das auf eigene Faust, von seiner Zelle aus. Doch Arthur hatte nicht mal Zugang zu einer Bibliothek - und versäumte schließlich die letzte Einspruchsfrist.

Dabei sind DNA-Proben, dank immer besserer Technologie, längst ein zentraler Faktor bei der Überprüfung von Urteilen. Trotzdem besteht in sieben US-Staaten weiter keine DNA-Auswertungspflicht - darunter in Alabama. Nach Angaben der Rechtsinitiative "Innocence Project" kamen bisher 16 US-Todeskandidaten aufgrund von DNA-Beweisen frei. 3014 weitere Häftlinge - nicht nur verurteilte Mörder - haben das Project bisher um Hilfe gebeten. 279 Fälle sind dort derzeit in Bearbeitung, einer davon ist inzwischen auch Thomas Arthur.

"Wir haben keine offizielle Meinung zu seiner Schuld oder Unschuld", sagt "Project"-Anwalt Jason Kreag zu SPIEGEL ONLINE. "Wir glauben aber, dass er die Chance verdient, die DNA-Proben analysieren zu lassen." Das "Project" schickte einen Brief an Riley, unterzeichnet von sechs Ex-Todeskandidaten, die dank DNA-Beweisen heute frei sind: "Wir alle saßen im Todestrakt und fragten uns: Kommt die Wahrheit noch heraus, bevor wir hingerichtet werden?"

Narkose, Muskellähmung, Herzstillstand

Doch Riley lehnt alle Gesuche ab. Ebenso sein Justizminister Troy King, der übrigens das Alabama-Wahlkampfteam des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain leitet: "Es ist Zeit, Arthurs Urteil zu vollstrecken."

Zweimal wurde der Hinrichtungstermin in letzter Minute aufgeschoben. Zuletzt im Dezember, weil der Oberste US-Gerichtshof alle Exekutionen per Giftspritze vorübergehend ausgesetzt hatte. Im April dann billigte der Supreme Court diese Methode, und Arthurs Todesdatum wurde für den 31. Juli bestimmt.

Geht alles nach den Vorschriften der Justiz, werden Thomas Arthurs letzte Momente so aussehen: Er wird vor Zeugen auf eine Trage gefesselt. Ein Henker wird ihm eine Dosis des Narkosemittels Thiopental verabreichen. Danach folgt der Rest des Todes-Cocktails - Pancuroniumbromid zur Muskellähmung, Kaliumchlorid, um einen Herzstillstand herbeizuführen.

"Ich habe gestern erst mit ihm gesprochen", sagt Stone. "Er ist stinksauer, dass sie ihn für etwas umbringen, was er nicht getan hat. Aber er gibt den Kampf nicht auf."

Wie Menschen hingerichtet werden
Giftspritze
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Bei der Hinrichtung mit einer Giftspritze werden dem Verurteilten in der Regel drei Substanzen verabreicht: ein Narkosemittel, damit der Todgeweihte nichts spürt, ein Lähmungsmittel, damit sein Körper nicht zuckt, und schließlich das Salz Kaliumchlorid, damit das Herz aufhört zu schlagen. Dieses geschieht binnen zwei Minuten. Anfangs wurden die Substanzen manuell gespritzt, mittlerweile kommen Injektionsmaschinen zum Einsatz.

Bei der angeblich besonders "humanen" Hinrichtungsart können jedoch Probleme auftreten. Werden die Substanzmengen falsch berechnet oder die Mittel zu früh gemischt, verlängert sich der Sterbevorgang. Verzögert sich die Wirkung des Betäubungsmittels, ist das Opfer möglicherweise noch bei Bewusstsein, wenn die Lähmung der Lunge eintritt. Zudem kommt es vor, dass statt in eine Vene in Muskelfleisch injiziert wird - das Opfer erleidet dann starke Schmerzen.
Elektrischer Stuhl
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Die Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl wurde 1888 in den USA mit der Begründung eingeführt, sie sei humaner als das Erhängen. Das Opfer wird auf einen eigens dafür gebauten Stuhl geschnallt. Am Kopf und an den Beinen des Häftlings befestigen die Vollstrecker die Elektroden. Der Verurteilte wurde an diesen Stellen zuvor rasiert, damit ein optimaler Kontakt zwischen Elektroden und Körper besteht. Anschließend löst der Henker starke Stromstöße aus. Das Opfer stirbt durch Herzstillstand und Lähmung der Atemwege.

Die Stromschläge haben Verbrennungen der inneren Organe des Opfers zur Folge. "Oft werfen die Stromstöße den Gefangenen nach vorn in die angelegten Haltegurte; er uriniert, entleert den Darm oder erbricht Blut", berichtet Amnesty International. Die Luft sei vom Geruch verbrannten Fleisches erfüllt.
Gaskammer
Das Opfer wird in einer luftdichten Kammer an einen Stuhl geschnallt. Anschließend leiten Vollstreckungsbeamte Giftgas in den Raum, zum Beispiel Zyanid. Weil Zyanid ein Enzym in der Zellatmungskette hemmt, verhindert es die Sauerstoffversorgung des Körpers, der Betroffene erstickt.

Wenn der Todeskandidat das Zyanid jedoch nicht einatmet, weil er die Luft anhält, verzögert sich das Verfahren. Er kann auch langsamer atmen. Laut Amnesty International können lebenswichtige Organe noch für kurze Zeit weiter funktionieren, unabhängig davon, ob der Gefangene bereits bewusstlos ist oder nicht.
Strang
Der Gefangene bekommt eine Schlinge um den Hals gelegt und fällt anschließend in die Tiefe. Durch den Ruck des Stranges bricht das Genick, das Opfer wird bewusstlos. Diese Art der Hinrichtung erfordert ein hohes Maß an Erfahrung. Der Henker muss die Länge des Strickes so berechnen, dass der Fall des Körpers zu einem Genickbruch und damit zu einem schnellen Tod führt. Ansonsten kann der Kopf beim Fall auch abgetrennt werden - oder aber der Verurteilte erleidet einen grausamen Erdrosselungstod.

Nach Informationen von Amnesty International starben manche Opfer erst, nachdem die Wärter sie an den Beinen nach unten gezogen hatten.
Erschießen
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Entweder eine Person oder ein ganzes Exekutionskommando schießen auf das Opfer. Dieses stirbt durch Verletzungen lebenswichtiger Organe wie beispielsweise des Herzens, durch Schädigung des zentralen Nervensystems oder durch Verbluten. Nach Angaben von Amnesty International ist der Kopfschuss in asiatischen und arabischen Ländern die am häufigsten angewandte Methode.

Bei gezielten Kopfschüssen wird das Opfer sofort bewusstlos. Treffen die Schützen jedoch stattdessen zuerst den Rumpf, ist es möglich, dass der Todgeweihte länger bei Bewusstsein bleibt.
Enthauptung/Guillotine
Diese Exekutionsmethode wird hauptsächlich in arabischen Ländern angewandt. Der Henker trennt mit einem Schwert den Kopf des Opfers ab. Wenn die scharfe Klinge die Wirbelsäule umgehend durchtrennt, wird der Verurteilte augenblicklich bewusstlos. Mitunter sind aber mehrere Hiebe notwendig, da das Schwert eine verhältnismäßig leichte Waffe ist. Die Dauer der Hinrichtung und damit auch der Qualen für den Hingerichteten hängt deshalb von der Kraft und Genauigkeit des Henkers ab.

Das Fallbeil, nach dem französischen Erfinder Guillotine genannt, wurde bereits im 18. Jahrhundert eingeführt - als "humane" Tötungsmaschine. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden Menschen in Frankreich mit der Guillotine hingerichtet
Steinigung
Die Steinigung wird vor allem zum Vollzug von Todesstrafen auf Basis des islamischen Scharia-Rechts angewandt - etwa wegen Ehebruchs. In Iran ist die Steinigung als Hinrichtungsmethode gesetzlich vorgesehen. Das Opfer wird in der Regel vorher bis zum Hals in die Erde eingegraben. Der Tod tritt durch Ersticken oder durch Verletzungen am Kopf oder an anderen Körperteilen ein. Weil ein Mensch unter Umständen mehrere Steinwürfe übersteht, ohne das Bewusstsein zu verlieren, kann eine Steinigung ein langsames Sterben bewirken, konstatiert Amnesty International.

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