Medienbericht US-Staaten wollen Häftlinge mit Fentanyl hinrichten

Fehlende Medikamente zwingen US-Staaten dazu, nach neuen Möglichkeiten bei der Vollstreckung der Todesstrafe zu suchen. Nun bringen sie ein Schmerzmittel ins Gespräch, von dem Tausende US-Bürger abhängig sind.

Todeszelle in einem Gefängnis in Texas
REUTERS

Todeszelle in einem Gefängnis in Texas


Im vergangenen Jahr gab es in den USA etwa 60.000 Drogentote, so viele wie nie zu vor. Hinter der Opioid-Epidemie steckt vor allem das Medikament Fentanyl. Nun wollen zwei US-Bundesstaaten die starke Wirkung des Schmerzmittels für einen neuen Zweck einsetzen: die Vollstreckung der Todesstrafe.

Wie die "Washington Post" berichtet, drängen Nevada und Nebraska auf die erste Hinrichtung durch den Einsatz von Fentanyl. Das Schmerzmittel ist 50-mal stärker als Heroin und macht vielen Schwerkranken das Leben erträglicher. Gleichzeitig wird es für weniger als fünf Dollar auf dem Schwarzmarkt gehandelt und hat Tausende US-Bürger in die Abhängigkeit getrieben.

Ärzte und Gegner der Todesstrafe sind durch die Pläne der beiden Bundesstaaten alarmiert. Der "Washington Post" zufolge warnen Mediziner davor, dass der bisher unerprobte Einsatz von Fentanyl bei Exekutionen zu unvorhergesehen Folgen führen könnte. Sie befürchten, dass Hinrichtungen für die Verurteilten schmerzhaft werden oder misslingen könnten. Demnach verglichen sie die Pläne, ebenso wie den Einsatz anderer bisher nicht erprobter Medikamente, mit Menschenexperimenten.

Weil Pharmakonzerne ihre Medikamente nicht länger für die Vollstreckung der Todesstrafe zulassen, können die US-Staaten nicht mehr auf altbewährte Mittel zugreifen. Zuletzt hatte Pfizer sich im vergangenen Jahr zu diesem Schritt entschieden. Damit versiegte die letzte legale Quelle für solche Medikamente. Seither sind die Vorräte, die die Staaten noch gelagert hatten, in vielen Fällen aufgebraucht. Sie sind daher gezwungen, neue Methoden für ihre Hinrichtung zu finden.

Noch nie getestete Giftcocktails

Der Medikamentenmangel hat in Staaten wie Ohio, Florida und Oklahoma dazu geführt, dass bisher unerprobte Giftcocktails an Todeskandidaten verabreicht wurden. In Mississippi ist Stickstoffgas seit dem Frühjahr als Absicherungsmethode bei Hinrichtungen freigegeben - eine Methode, die laut "Washington Post" in keinem anderen US-Staat oder Land bisher angewendet wurde. Noch haben die Behörden jedoch nicht entschieden, ob das Gas per Gasmaske oder in einer Gaskammer verabreicht werden soll.

Einige andere US-Staaten haben Gesetze auf den Weg gebracht, die die Rückkehr bereits veralteter Hinrichtungsmethoden wieder erlaubt. Dazu zählen beispielsweise Erschießungskommandos und der elektrische Stuhl.

Hinrichtungen seit 1976

Befürworter der Todesstrafe geben deren Kritikern die Schuld an der aktuellen Krise. Diese geht laut "Washington Post" mit einem starken Rückgang an Hinrichtungen einher - aber auch mit wachsender öffentlicher Unterstützung für die Todesstrafe.

"Wenn es den Gegnern der Todesstrafe wirklich um das Leid der Inhaftierten gehen würde, würden sie dafür sorgen, dass die Medikamentenversorgung wieder gesichert wird," sagt ein Anwalt, der sich für Opfer von Gewalttaten einsetzt, der "Washington Post".

Kein Kommentar von den Bundesstaaten

Bereits im kommenden Jahr könnten Nevada und Nebraska erstmals einen Todeskandidaten durch den Einsatz von Fentanyl hinrichten. Details gaben die Staaten dazu bisher jedoch nicht bekannt. Eine für den vergangenen November geplante Exekution in Nevada wurde kurzfristig verschoben. Der Verurteilte sollte neben Fentanyl und Diazepam noch ein weiteres Medikament verabreicht bekommen. Ein Richter hat die Hinrichtung jedoch auf einen noch unbekannten Termin verlegt - er hatte Bedenken bezüglich der Tötungsmethode.

Der Einsatz von Fentanyl hätte Experten zufolge allerdings einige Vorteile. Das Mittel hat eine sehr starke Wirkung und es ist leicht zu beschaffen. Eine hohe Dosis würde dazu führen, dass die Atmung einer Person langsamer wird und schließlich aussetzt, heißt es in der "Wahington Post".

Dass Staaten auf der eine Seite versuchen, die Zahl der Fentanyl-Toten zu senken, und auf der anderen Seite dasselbe Mittel anwenden wollen, um Häftlinge zu töten, dürfte einigen Menschen dennoch zynisch erscheinen. Schließlich gibt es schätzungsweise 2,6 Millionen Abhängige in den USA. Viele von ihnen dürften auch regelmäßig zu Fentanyl greifen.

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