Mutmaßliche Sekte Nxivm Gehirnwäsche und Gehorsam

Viele Prominente gingen zu Keith Raniere, der umstrittene US-Guru versprach Selbstoptimierung. Nun sitzt er in U-Haft, weil er Frauen zum Sex gezwungen haben soll - mithilfe der Schauspielerin Allison Mack.

AP/ Elizabeth Williams

Irgendwann im März 2017, in einem Raum nahe Albany im US-Bundesstaat New York, lag Sarah Edmondson auf einer Massageliege und spürte den Geruch verbrannter Haut in der Nase. Es hatte geheißen, man steche ihr ein kleines Tattoo.

Doch nun fassten drei Frauen ihre Schultern und Beine, nun stand dort diese Ärztin, griff zu diesem Gerät und brannte Edmondson die Initialen eines Mannes auf die Hüfte, der mittlerweile verhaftet ist: Keith Raniere - KR. Zwanzig bis dreißig Minuten dauerte die Tortur; Edmondson war nackt und weinte. "Die ganze Zeit", sagt sie.

So steht es in einem Artikel der "New York Times" aus dem vergangenen Oktober. Demnach handelte es sich bei der Prozedur um ein Aufnahmeritual für eine geheime Schwesternschaft innerhalb der sogenannten Nxivm-Organisation (ausgesprochen Nexeum). Kritiker bezeichnen die in Albany ansässige Organisation als Sekte, Keith Raniere ist als ihr Gründer bekannt.

Fotostrecke

6  Bilder
Nxivm: Der Guru und seine Anhänger

Jahrelang versprach der umstrittene Guru Selbstoptimierung und Selbstfindung, etwa 16.000 Menschen besuchten seine Seminare und zahlten Tausende Dollar dafür. Gleichzeitig stand der 57-Jährige offenbar als "Meister" an der Spitze des Geheimzirkels - und soll die Mitglieder, seine "Sklavinnen", zum Sex gezwungen haben.

Die Filmrechte an dem "New York Times"-Artikel hat sich jüngst die Produktionsfirma Annapurna Television gesichert, wie der "Hollywood Reporter" berichtet. Sollte die geplante Fernsehserie Wirklichkeit werden, wartet auf die Zuschauer ein finsteres Drama: Eine Geschichte von Gehirnwäsche und Gehorsam, von Macht und Manipulation - und von einer Schauspielerin, die zur Gehilfin wurde.

Ende März verhafteten die Beamten Raniere in Mexiko, wenige Wochen später schlugen sie erneut zu. Die Ermittler nahmen die US-Schauspielerin Allison Mack fest, bekannt aus der Serie "Smallville".

Mack war nicht die einzige Schauspielerin

Als ranghohes Nxivm-Mitglied soll Mack "Sklavinnen" in Ranieres Geheimzirkel gelockt haben. Angeblich versprach sie ihnen eine exklusive weibliche Gemeinschaft. Als den Frauen Ranieres Initialen eingebrannt wurden, soll sie "fühle den Schmerz" und "denke an den Meister" gesagt haben.

Der Geheimzirkel bestand laut Anklage seit mindestens 2015, Mack war aber bereits Jahre zuvor zu Nxivm gestoßen. Wie das kanadische Nachrichtenmagazin "Maclean's" 2010 berichtete, rekrutierte die Organisation Mack in Vancouver. Auch die Schauspielerinnen Kristin Kreuk, eine Kollegin von Mack am "Smallville"-Set, sowie Nicki Clyne und Grace Park, bekannt aus der Serie "Battlestar Galactica", kamen offenbar über die Vancouver-Außenstelle zu Nxivm. Kreuk und Park haben sich inzwischen von der Gruppe distanziert.

Für Mack dürfte sich ihr Engagement finanziell gelohnt haben: Dem Bericht zufolge erhalten ranghohe "Nexians" bis zu 100.000 Dollar pro Jahr für die Rekrutierung neuer Mitglieder.

Hinweise auf dunkle Seiten

Als die "Maclean's"-Story veröffentlicht wurde, war Nxivm bereits zwölf Jahre alt - und stand nicht das erste Mal in der Kritik. Hätten Ermittler etwas ahnen können?

Es gab einige Hinweise auf die dunklen Seiten des Keith Raniere und seiner Organisation. 2003 landete Raniere auf dem Cover des amerikanischen Wirtschaftsmagazins "Forbes". In dem vernichtenden Artikel heißt es unter anderem: "Gegner sagen, er führt ein sektengleiches Programm, das darauf abzielt, seine Untergebenen psychologisch zu brechen."

Der Milliardär Richard Branson lud Raniere laut "Forbes" auf seine Insel ein, für ein Privatseminar; dem Bericht zufolge besuchte der damalige Enron-Boss Stephen Cooper die Nxivm-Seminare ebenso wie Ana Cristina Fox, die Tochter des damaligen mexikanischen Präsidenten Vicente Fox. Ranieres Anhänger behaupten, so heißt es in dem Artikel, sie könnten sich durch seine Methoden besser fokussieren und andere Menschen verstehen.

Fünf Millionen Dollar Kaution

Wie "Maclean's" jedoch unter Berufung auf Nxivm-Kritiker berichtete, brachen mehrere Menschen in den Seminaren zusammen - um die Teilnehmer gefügig zu machen, seien die Räume heiß, die Tage lang, das Essen proteinarm gewesen.

Sowohl "Maclean's" als auch "Vanity Fair" berichteten vom Suizid einer Frau nach einem Nxivm-Seminar: "Ich wurde hirngewaschen und mein emotionales Zentrum im Gehirn wurde getötet/abgestellt", soll sie vor ihrem Tod geschrieben haben. In dem "Maclean's"-Artikel hieß es zudem: "Abtrünnige behaupten, bei einer Kerngruppe von Anhängerinnen nutzt er Sex als ein Mittel der Kontrolle."

Die Anklage gegen Keith Raniere und Allison Mack lautet auf Menschenhandel, Verschwörung zum Menschenhandel und Verschwörung zur Zwangsarbeit. Beide weisen alle Vorwürfe in Gänze entschieden zurück. Mack hat inzwischen eine Kaution von fünf Millionen Dollar hinterlegt und wurde aus der Haft entlassen; sie steht in Kalifornien unter Hausarrest. Laut "Guardian" droht ihr eine Mindeststrafe von 15 Jahren Gefängnis, für Raniere gilt das Gleiche.

Auf der Nxivm-Website ist inzwischen ein Statement zu lesen: Man arbeite mit den Behörden zusammen, um Ranieres Unschuld zu zeigen. "Und seinen wahren Charakter."



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.