Prozess in den USA 17-Jährige soll Freund per SMS zum Suizid getrieben haben

Im US-Bundesstaat Massachusetts hat sich ein junger Mann das Leben genommen - laut Ermittlern nach Aufforderungen einer Freundin. Wegen verdächtiger Textnachrichten und Anrufe steht die Frau nun vor Gericht.

Michelle C. vor Gericht
AP/ The Boston Herald

Michelle C. vor Gericht


Es fing mit harmlosen Kurznachrichten an, über Eisessen und Spazierengehen. Dann wurden die SMS unheimlicher: "Es ist Zeit, Babe", schrieb die damals 17-jährige Michelle C. ihrem Bekannten Conrad. Der hatte ihr zuvor geschrieben, dass er "bereit" sei.

Michelle C. schrieb weiter: "Wenn du vom Strand zurückkommst, musst du es tun. Du bist bereit." Er werde es tun, antwortete der 18-Jährige, er werde "nicht mehr nachdenken". C. textete zurück: "Genau, kein Nachdenken mehr. Du musst es einfach tun."

So zitiert die "New York Times" aus den Kurznachrichten der beiden Teenager, die nun Beweismittel eines ungewöhnlichen Strafprozesses im US-Bundesstaat Massachusetts sind. Denn im Juli 2014, nach dem Austausch dieser und weiterer Kurznachrichten sowie nach zwei Telefongesprächen, wurde der junge Mann in Fairhaven im US-Bundesstaat Massachusetts tot in seinem Wagen gefunden, vergiftet durch Kohlenmonoxid. Offenbar ein Suizid.

Seine damalige Freundin steht jetzt vor Gericht, angeklagt wegen fahrlässiger Tötung. Die Staatsanwaltschaft wirft Michelle C. vor, Conrad in den Tod getrieben zu haben.

Der Fall wirft schwierige Fragen auf: Inwieweit kann eine Person für den Suizid einer anderen verantwortlich gemacht werden? Und war es wirklich die Kommunikation mit Michelle C., die den Teenager in den Tod getrieben hat?

Anders als andere Staaten habe Massachusetts kein Gesetz gegen Aufforderungen und Ermutigungen zum Suizid, argumentiert die Verteidigung. Die Anklage, so die Anwälte, dehne die Grenzen der fahrlässigen Tötung zu weit aus.

Was den Fall zusätzlich kompliziert: Die beiden Teenager kommunizierten hauptsächlich über das Smartphone, trafen sich selten persönlich. Einiges wird daher davon abhängen, wie viel Bedeutung der Richter den Worten beimisst, die die beiden austauschten. Auf einen Antrag der Verteidigung hin wird der Fall nicht von Geschworenen entschieden.

Die Staatsanwaltschaft wirft Michelle C. vor, ihren Freund aus Durst nach Aufmerksamkeit zum Suizid aufgefordert zu haben. Ihre Freunde hätten ihr stets Beachtung geschenkt, wenn sie von ihrem Bekannten erzählte, der mit dem Gedanken spielte, sich umzubringen. Sie habe befürchtet, dass man sie der Lüge bezichtigt hätte, wenn er sich nicht umgebracht hätte, so der Vorwurf.

Die Verteidigung sagte, der junge Mann sei depressiv gewesen und habe selbst die Entscheidung getroffen, zu sterben. Seine Mandantin, so Anwalt Joseph P. Cataldo, habe zu einem früheren Zeitpunkt auch angeregt, dass Conrad sich Hilfe suche. "Das hier ist ein Suizidfall, kein Tötungsdelikt", sagte Cataldo.

Laut Anklage blieb es allerdings nicht bei den SMS. Nachdem er den Suizidplan schon in Gang gesetzt hatte, sei Conrad aus dem Auto ausgestiegen, sagte Staatsanwältin Maryclare Flynn. In einem Telefongespräch habe Michelle C. ihn aber aufgefordert, wieder einzusteigen und ihm dann beim Sterben zugehört.

asa

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