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USA: Häftling nach Suizid-Versuch per Giftspritze hingerichtet

Mehrere Hinrichtungen von Todeskandidaten durch Gift sind in den USA verschoben worden - weil ein für die Injektion benötigtes Mittel nicht lieferbar ist. Für Brandon Rhode kam der Engpass zu spät: Der 31-Jährige wurde nun exekutiert, wenige Tage nach einem Selbstmordversuch.

Brandon Joseph Rhode: Schnitt durch die Halsschlagader Zur Großansicht
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Brandon Joseph Rhode: Schnitt durch die Halsschlagader

Hamburg - Rund hundert Menschen werden jährlich in den USA hingerichtet. In der Statistik des Jahres 2010 wird auch der Name Brandon Joseph Rhode stehen. Der 31-Jährige starb am Montagabend im US-Bundesstaat Georgia durch die Giftspritze - wenige Tage, nachdem er versucht hatte, sich mit einer Rasierklinge die Halsschlagader aufzuschlitzen.

Rhodes Anwalt hatte bis zuletzt versucht, eine Aufhebung des Todesurteils zu erreichen. Der Protest blieb ohne Wirkung, um 20 Uhr am Montagabend (Ortszeit) lehnte der Oberste Gerichtshof der USA das Gesuch ab.

Für 19 Uhr war Rhodes Hinrichtung angesetzt gewesen, erst nach dem Supreme-Court-Bescheid konnte mit dem Vollzug begonnen werden. Eine weitere halbe Stunde dauerte es, bis man am Körper des Todeskandidaten eine geeignete Vene fand, um den Giftcocktail zu injizieren.

14 Minute vergingen, bis das Gift schließlich seine Wirkung tat. Um 22.16 Uhr war Brandon Rhode tot - dem Sterben vorausgegangen war, wie sein Anwalt sagte, ein "absurdes und unverständliches Prozedere: Das Gefängnispersonal hat zunächst alles getan, ihn am Leben zu erhalten, und ihn dann hingerichtet."

Eine "grausame und völlig unübliche" Maßnahme

Ursprünglich sollte Rhode bereits am 21. September exekutiert werden, doch kurz zuvor hatte er in seiner Zelle versucht, sich mit einer Rasierklinge das Leben zu nehmen - wie er sich die Klinge im Todestrakt verschaffen konnte, ist noch nicht geklärt. Rhode wurde nach dem Suizidversuch in ein Krankenhaus gebracht, ein Team von Notärzten kämpfte dort um sein Leben.

Um sicherzustellen, dass er die Wunde an seinem Hals nicht wieder würde öffnen können und "weder sich noch anderen Schaden zufügt", wie es seitens der Staatsanwaltschaft hieß, wurde Rhode daraufhin an einen Stuhl fixiert. Zuvor wurde er laut Aussage seines Anwalts an Händen und Füßen gefesselt und in einen Sack mit Reißverschluss gesteckt. Das Licht in seiner Zelle brannte rund um die Uhr, zwei Vollzugsbeamte beobachteten den Gefangenen ohne Unterbrechung.

Sein Anwalt Brian Kammer protestierte vergebens gegen den "Folterstuhl", sprach von einer "grausamen und völlig unüblichen" Maßnahme.

Wie bereits im Fall der vergangene Woche im US-Bundesstaat Virginia hingerichteten Teresa Lewis war auch bei Rhode insbesondere nach dem Suizidversuch strittig, inwiefern er geistig in der Lage war, das juristische Prozedere tatsächlich zu begreifen.

Rhodes Komplize wartet noch auf seine Hinrichtung

Rhodes Anwalt Brian Kammer hatte sein Aufschiebungsgesuch unter anderem damit begründet, dass sein Mandant von dem Suizidversuch körperlich und mental außerordentlich beeinträchtigt sei. Ein neues Gutachten sei erforderlich, um festzustellen, ob Rhode noch strafmündig sei und überhaupt verstehe, weshalb er hingerichtet werde.

Rhode war 2000 wegen dreifachen Mordes zum Tod verurteilt worden. Im April 1998 war er mit seinem Komplizen Daniel Lucas nach einem Einbruch in ein Wohnhaus gerade dabei gewesen, die Zimmer nach Wertgegenständen zu durchsuchen, als der Besitzer überraschend nach Hause kam. Der 37-Jährige versuchte, die beiden Einbrecher mit einem Baseballschläger in die Flucht zu schlagen. Er und seine beiden elf und fünfzehn Jahre alten Kinder wurden von Rhode und Lucas erschossen.

Rhodes Komplize Daniel Lucas, der in einem gesonderten Verfahren schuldig gesprochen wurde, wartet noch auf seine Hinrichtung.

"Wir können die Verwendung eines unserer Produkte nicht gutheißen"

Wie schnell Georgia die nächsten Exekutionen wird ausführen können, ist momentan nicht absehbar - wie bei den 34 anderen US-Bundesstaaten, die Todeskandidaten per Giftspritze töten, gibt es auch dort einen Lieferengpass beim Betäubungsmittel Sodium Thiopental, einem der drei Medikamente des Giftcocktails.

So musste in Oklahoma eine für August angesetzte Hinrichtung bereits verschoben werden, Kentuckys Gouverneur Steve Beshear hat die Todesurteile für zwei Häftlinge noch nicht unterschreiben können.

Der Hersteller des Stoffes, die Firma Hospira aus Illinois, ist das einzige Unternehmen, das die US-Justizvollzugsanstalten mit Sodium Thiopental beliefert - ein Alleinstellungsmerkmal, über das die Firma nicht unbedingt frohlockt. "Wir können die Verwendung eines unserer Produkte bei Maßnahmen des Strafvollzuges nicht gutheißen", formulierte ein Sprecher des Unternehmens unlängst in einem Schreiben an die Regierung des Bundesstaats Ohio.

In Ohio wie auch in Washington wird Sodium Thiopental sogar ausschließlich in der letalen Injektion verwendet. Erst im Januar soll das Mittel wieder lieferbar sein.

Auf andere Medikamente auszuweichen, ist für die Justizvollzugsanstalten keine Option, da die Entscheidung über die Ingredienzen des Giftcocktails in den siebziger Jahren das Ergebnis einer juristischen Feinabstimmung war; eine neue Zusammenstellung der Medikamentenkombination würde langwierige und teure Gerichtsverfahren erforderlich machen.

"Opfer warten schon mehr als 20 Jahre auf Vollzug der Strafe"

Mit Zulieferungen etwa aus Krankenhäusern lässt sich der Sodium-Thiopental-Mangel ebenfalls nicht beheben - medizinisches Personal darf sich in den USA in keiner Weise am Vollzug von Hinrichtungen beteiligen.

Nicht wenige Politiker halten die Abhängigkeit von nur einem Medikamenten-Zulieferer für fahrlässig - eben weil es deshalb zu Engpässen bei der Vollstreckung von Todesurteilen kommen kann. "In vielen der Fälle warten die Opfer schon mehr als 20 Jahre auf Vollzug der Strafe", sagte Senator Jim Tracy aus Tennessee.

17 Hinrichtungen per Giftspritze sind bis Ende Januar in insgesamt neun US-Bundesstaaten angesetzt, momentan ist offen, ob sie ausgeführt werden können.

Selbst der um Distanz zum Hinrichtungsbetrieb bemühten Firma Hospira scheint dies denn doch unangenehm.

"Wir arbeiten mit Hochdruck daran", heißt es dort, "das Medikament für unsere Kunden so schnell wie möglich wieder erhältlich zu machen."

pad/AP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Unfassbar
Klo, 28.09.2010
Zitat von sysopMehrere Hinrichtungen von Todeskandidaten durch Gift sind in den USA verschoben worden*- weil*ein für für die Infektion benötigtes Mittel nicht lieferbar ist. Für Brandon Rhode hat es noch gereicht: Der 31-Jährige wurde nun exekutiert, wenige Tage nach einem Selbstmordversuch. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,720126,00.html
Die Praxis, einen Todeskandidaten nach einem Selbstmordversuch wochenlang auf einen Stuhl zu fesseln, ehe man ihn auf brutalste Weise exekutiert, ist an Perversität kaum noch zu überbieten. Und das in einer Nation, die sich auf Jesus Christus beruft. Da steht die USA nun auf einer Stufe mit Nordkorea, nein, unter Nordkorea, denn dort werden die Leute wenigsten kurz und schmerzlos beseitigt.
2. Infektion?
roger-x 28.09.2010
Das ist mal eine ganz neue Hinrichtungsmethode...
3. ...
michaxl 28.09.2010
Zitat von sysopMehrere Hinrichtungen von Todeskandidaten durch Gift sind in den USA verschoben worden*- weil*ein für für die Infektion benötigtes Mittel nicht lieferbar ist. Für Brandon Rhode hat es noch gereicht: Der 31-Jährige wurde nun exekutiert, wenige Tage nach einem Selbstmordversuch. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,720126,00.html
Hier ist doch sicher Injektion gemeint. Den Delinquenten vor seiner Hinrichtung noch zu infizieren, wäre ja absurd.
4. Duden
Zyklotron, 28.09.2010
Zitat von sysopMehrere Hinrichtungen von Todeskandidaten durch Gift sind in den USA verschoben worden*- weil*ein für für die Infektion benötigtes Mittel nicht lieferbar ist. Für Brandon Rhode hat es noch gereicht: Der 31-Jährige wurde nun exekutiert, wenige Tage nach einem Selbstmordversuch. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,720126,00.html
Injektion, nicht Infektion.
5. der Spigel ißt nicht mer daß wass es mal wahr
Er-Na 28.09.2010
Zitat von sysopMehrere Hinrichtungen von Todeskandidaten durch Gift sind in den USA verschoben worden*- weil*ein für für die Infektion benötigtes Mittel nicht lieferbar ist. Für Brandon Rhode hat es noch gereicht: Der 31-Jährige wurde nun exekutiert, wenige Tage nach einem Selbstmordversuch. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,720126,00.html
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Wie Menschen hingerichtet werden
Giftspritze
AP
Bei der Hinrichtung mit einer Giftspritze werden dem Verurteilten in der Regel drei Substanzen verabreicht: ein Narkosemittel, damit der Todgeweihte nichts spürt, ein Lähmungsmittel, damit sein Körper nicht zuckt, und schließlich das Salz Kaliumchlorid, damit das Herz aufhört zu schlagen. Dieses geschieht binnen zwei Minuten. Anfangs wurden die Substanzen manuell gespritzt, mittlerweile kommen Injektionsmaschinen zum Einsatz.

Bei der angeblich besonders "humanen" Hinrichtungsart können jedoch Probleme auftreten. Werden die Substanzmengen falsch berechnet oder die Mittel zu früh gemischt, verlängert sich der Sterbevorgang. Verzögert sich die Wirkung des Betäubungsmittels, ist das Opfer möglicherweise noch bei Bewusstsein, wenn die Lähmung der Lunge eintritt. Zudem kommt es vor, dass statt in eine Vene in Muskelfleisch injiziert wird - das Opfer erleidet dann starke Schmerzen.
Elektrischer Stuhl
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Die Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl wurde 1888 in den USA mit der Begründung eingeführt, sie sei humaner als das Erhängen. Das Opfer wird auf einen eigens dafür gebauten Stuhl geschnallt. Am Kopf und an den Beinen des Häftlings befestigen die Vollstrecker die Elektroden. Der Verurteilte wurde an diesen Stellen zuvor rasiert, damit ein optimaler Kontakt zwischen Elektroden und Körper besteht. Anschließend löst der Henker starke Stromstöße aus. Das Opfer stirbt durch Herzstillstand und Lähmung der Atemwege.

Die Stromschläge haben Verbrennungen der inneren Organe des Opfers zur Folge. "Oft werfen die Stromstöße den Gefangenen nach vorn in die angelegten Haltegurte; er uriniert, entleert den Darm oder erbricht Blut", berichtet Amnesty International. Die Luft sei vom Geruch verbrannten Fleisches erfüllt.
Gaskammer
Das Opfer wird in einer luftdichten Kammer an einen Stuhl geschnallt. Anschließend leiten Vollstreckungsbeamte Giftgas in den Raum, zum Beispiel Zyanid. Weil Zyanid ein Enzym in der Zellatmungskette hemmt, verhindert es die Sauerstoffversorgung des Körpers, der Betroffene erstickt.

Wenn der Todeskandidat das Zyanid jedoch nicht einatmet, weil er die Luft anhält, verzögert sich das Verfahren. Er kann auch langsamer atmen. Laut Amnesty International können lebenswichtige Organe noch für kurze Zeit weiter funktionieren, unabhängig davon, ob der Gefangene bereits bewusstlos ist oder nicht.
Strang
Der Gefangene bekommt eine Schlinge um den Hals gelegt und fällt anschließend in die Tiefe. Durch den Ruck des Stranges bricht das Genick, das Opfer wird bewusstlos. Diese Art der Hinrichtung erfordert ein hohes Maß an Erfahrung. Der Henker muss die Länge des Strickes so berechnen, dass der Fall des Körpers zu einem Genickbruch und damit zu einem schnellen Tod führt. Ansonsten kann der Kopf beim Fall auch abgetrennt werden - oder aber der Verurteilte erleidet einen grausamen Erdrosselungstod.

Nach Informationen von Amnesty International starben manche Opfer erst, nachdem die Wärter sie an den Beinen nach unten gezogen hatten.
Erschießen
DPA
Entweder eine Person oder ein ganzes Exekutionskommando schießen auf das Opfer. Dieses stirbt durch Verletzungen lebenswichtiger Organe wie beispielsweise des Herzens, durch Schädigung des zentralen Nervensystems oder durch Verbluten. Nach Angaben von Amnesty International ist der Kopfschuss in asiatischen und arabischen Ländern die am häufigsten angewandte Methode.

Bei gezielten Kopfschüssen wird das Opfer sofort bewusstlos. Treffen die Schützen jedoch stattdessen zuerst den Rumpf, ist es möglich, dass der Todgeweihte länger bei Bewusstsein bleibt.
Enthauptung/Guillotine
Diese Exekutionsmethode wird hauptsächlich in arabischen Ländern angewandt. Der Henker trennt mit einem Schwert den Kopf des Opfers ab. Wenn die scharfe Klinge die Wirbelsäule umgehend durchtrennt, wird der Verurteilte augenblicklich bewusstlos. Mitunter sind aber mehrere Hiebe notwendig, da das Schwert eine verhältnismäßig leichte Waffe ist. Die Dauer der Hinrichtung und damit auch der Qualen für den Hingerichteten hängt deshalb von der Kraft und Genauigkeit des Henkers ab.

Das Fallbeil, nach dem französischen Erfinder Guillotine genannt, wurde bereits im 18. Jahrhundert eingeführt - als "humane" Tötungsmaschine. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden Menschen in Frankreich mit der Guillotine hingerichtet
Steinigung
Die Steinigung wird vor allem zum Vollzug von Todesstrafen auf Basis des islamischen Scharia-Rechts angewandt - etwa wegen Ehebruchs. In Iran ist die Steinigung als Hinrichtungsmethode gesetzlich vorgesehen. Das Opfer wird in der Regel vorher bis zum Hals in die Erde eingegraben. Der Tod tritt durch Ersticken oder durch Verletzungen am Kopf oder an anderen Körperteilen ein. Weil ein Mensch unter Umständen mehrere Steinwürfe übersteht, ohne das Bewusstsein zu verlieren, kann eine Steinigung ein langsames Sterben bewirken, konstatiert Amnesty International.


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