30 Tage Haft für Missbrauch einer Schülerin: Mildes Urteil gegen Lehrer empört Amerikaner

Missbrauchsfall in Montana: Proteste gegen mildes Urteil Fotos
AP

Zehntausende Menschen fordern den Rücktritt eines Richters im US-Bundesstaat Montana. Er hatte einen Lehrer, der eine 14-Jährige sexuell missbrauchte, nur zu einem Monat Haft verurteilt. Die Begründung: Das Mädchen habe älter ausgesehen.

San Francisco - Auliea Hanlon ist entsetzt. Entsetzt über Richter G. Todd Baugh. Die Mutter kann nicht fassen, dass der 71-Jährige den Vergewaltiger ihrer Tochter lediglich zu 30 Tagen Haft verurteilt hat. Noch weniger fassen kann sie seine Erklärung für die Milde: Die 14-jährige Cherice Moralez habe älter gewirkt als sie gewesen sei.

"Cherice war noch nicht mal alt genug, um einen Führerschein zu machen", erklärt Hanlon, "aber Richter Baugh, der sie nie getroffen hat, begründet sein erbärmliches Urteil damit, dass sie älter gewirkt habe." Mit dem Urteil gegen den Lehrer ihrer Tochter habe der Richter "das Gesetz gebrochen", sagt sie. Die Mutter ist nicht die Einzige, die sich über den Richterspruch empört.

Das Urteil hat landesweit Proteste ausgelöst. Zehntausende Menschen forderten den Rücktritt des Richters in Billings, einer 100.000-Einwohner-Stadt im dünn besiedelten US-Bundesstaat Montana. Auf der Petitionsplattform "MoveOn" unterschrieben bis Freitag mehr als 37.000 Befürworter diesen Aufruf. Hunderte protestierten am Donnerstag vor dem Gerichtsgebäude der Stadt. Auf Transparenten forderten sie unter anderem "Justice 4 Cherice" ("Gerechtigkeit für Cherice").

Staatsanwälte kämpfen gegen das Urteil

Widerstand kommt auch von der Anklage, die 20 Jahre Gefängnis für den Täter gefordert hatte: Er sei mit dem Urteil absolut nicht einverstanden, sagte Staatsanwalt Scott Twito dem TV-Sender CNN. Er werde für das Opfer kämpfen. "Dieser Fall ist sehr wichtig." Die Mindeststrafe seien zwei Jahre Haft, schrieb er an die Generalstaatsanwaltschaft Montanas, die das Urteil derzeit überprüft.

Der Fall begann 2008. Cherice Moralez, damals 14 und Schülerin an der Billings Senior High School, wurde von ihrem Lehrer Stacey Rambold missbraucht. Die Schule erfuhr davon, Rambold gab seinen Job auf, später wurde er wegen nicht einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs in drei Fällen angeklagt. Den Gesetzen Montanas zufolge können Unter-16-Jährige keine Einwilligung zum Geschlechtsverkehr geben. Vor Gericht räumte der heute 54-Jährige Sex mit der Minderjährigen ein.

Cherice Moralez nahm sich drei Jahre nach der Tat das Leben - nach Überzeugung der Mutter als Folge der Vergewaltigung. Nach dem Suizid des Mädchens war die Strafverfolgung des Lehrers gemäß einer Absprache zunächst unterbrochen worden, wie die Tageszeitung "Billings Gazette" berichtete. Dieser Deal sah vor, den Prozess drei Jahre zu vertagen, wenn sich der Lehrer in dieser Zeit einer Therapie unterziehe.

"Einige wirklich dämliche Bemerkungen"

Doch Rambold verstieß gegen die Auflagen, daher wurde der Prozess im Dezember 2012 wieder aufgenommen. Am vergangenen Montag folgte nun das umstrittene Urteil von Richter Baugh. Er entschied, dass Rambolds Verstöße nicht schwerwiegend genug gewesen seien, und verurteilte ihn zu 15 Jahren Haft. Doch dann erließ er dem Lehrer fast die komplette Strafe - abgesehen von einem Monat.

Das Mädchen habe die Situation "genauso unter Kontrolle gehabt" wie der Lehrer, begründete Baugh seine Entscheidung, sie habe älter als 14 gewirkt. Der Richter hatte während des Prozesses Videoaufzeichnungen von zwei Befragungen des Opfers gesehen.

Baugh hat sich inzwischen für seine Formulierung entschuldigt: Er habe "einige wirklich dämliche Bemerkungen gemacht" und wisse nicht, was er sich dabei gedacht habe. "Was ich gesagt habe, ist eine Erniedrigung für alle Frauen." An seinem Urteil hält der Richter trotzdem fest. Seine Äußerungen seien "irrelevant für den Schuldspruch" gewesen. Auch einen Rücktritt von seinem Amt schließt er aus.

Auliea Hanlon kann Baugh mit seiner Entschuldigung nicht besänftigen. Er wolle damit "doch nur seinen Arsch retten", sagte die Mutter des Opfers.

wit/dpa/AP

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insgesamt 81 Beiträge
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1.
sahnekefir 30.08.2013
Was jetzt? Vergewaltigung oder einvernehmlicher Verkehr? Bei Vergewaltigung ist 30 Tage natürlich viel zu wenig. Bei einvernehmlichen Verkehr (nur aus formalen Gründen eine Vergewaltigung) sind die geforderten 20 Jahre natürlich genauso absurd.
2. Was
biddebidde 30.08.2013
hat denn das mit dem Alter zu tun?Der GV war NICHT einvernehmlich egal ob frau 10,15 oder 25Jahre alt ist!!!
3. Deutschland
bluemetal 30.08.2013
Nunja, auf den Internet-Bildern sieht die damals 14Jährige Jugendliche mehr als volljährig aus und wollte ja den einvernehmlichen Sex. Da man aber als Jugendlicher in diesem US Bundesstaat so etwas verwerfliches wie Sex gar nicht wollen kann/darf wird statt einer Dummheit beider eine schwere Straftat draus Aber auch in Deutschland wäre kein anderes Urteil entstanden, zwar sieht das StGB für sexuellen Missbrauch Schutzbefohlener 3 Monate bis 5 Jahre vor, aber: (4) In den Fällen des Absatzes 1 Nr. 1 oder des Absatzes 2 in Verbindung mit Absatz 1 Nr. 1 kann das Gericht von einer Bestrafung nach dieser Vorschrift absehen, wenn bei Berücksichtigung des Verhaltens des Schutzbefohlenen das Unrecht der Tat gering ist. Der Lehrer wäre hier wohl entweder völlig straffrei ausgegangen oder mit einer Bewährungsstrafe.
4. Wie bei Polanski
lemmy01 30.08.2013
Das ist doch wie im "Polanski-Fall". Unter einem bestimmten Alter ist es automatisch Vergewaltigung. Das wird in dem Artikel doch gut beschrieben. Unter einem bestimmten Alter kann der/die Jugendliche gar nicht laut Gesetz sein Einverständnis erklären. Folglich ist es dann Vergewaltigung. Im Grunde ist dieses Vorgehen auch nicht falsch, auch wenn es etwas "skurril" wirkt. Jugendliche können teilweise nicht erfassen, was eine Einwilligung bedeutet. Der zentrale Punkt ist daher die Festlegung der Altersgrenze. Darüber lässt sich wohl endlos streiten.
5. 16 !
joshuaschneebaum 30.08.2013
Zitat von sahnekefirWas jetzt? Vergewaltigung oder einvernehmlicher Verkehr? Bei Vergewaltigung ist 30 Tage natürlich viel zu wenig. Bei einvernehmlichen Verkehr (nur aus formalen Gründen eine Vergewaltigung) sind die geforderten 20 Jahre natürlich genauso absurd.
Das ist die stringente US-Logik, die tatsächliche Gewaltverbrechen lächerlich aussehen lässt, anstatt für klare Linien zu sorgen: Es gibt keinen einvernehmlichen Sex mit Menschen unter 16 Jahren, folglich ist jeder Sex mit unter 16-Jährigen eine Vergewaltigung und muss auch derart strafrechtlich verfolgt werden. Vollkommen egal, ob es unter den Sternen im zärtlichen Einvernehmen geschah oder durch brutale Gewalt in einem Kellerloch. Dass hier ein Richter sich nicht beirren ließ, ist zu loben! Er machte sich die Mühe, den tatsächlichen Verlauf der Geschichte zu rekonstruieren und kam wohl aufgrund von Videos zu dem Ergebnis: Da war keine Vergewaltigung im Sinne einer körperlichen Gewalt, sondern etwas, dass es per Gesetz nicht geben darf: Gewaltfreies Einverständnis. Wieso brachte sich das Mädchen aber drei (!) Jahre nach dem Verhältnis zum Lehrer um? Hier überhaupt eine Kausalität herzustellen ist schon verwegen (wir wissen wenig über ihr weiteres Leben), vielleicht war das Mädchen ja auch den öffentlichen und familiären Druck, insbesondere den der Mutter, leid. Das würde das schlechte Gewissen der Mutter erklären.
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