Bibelsprüche gegen Krieg Nonne Megan Rice, 83, bricht in US-Atomlager ein

Sie will ein Zeichen setzen gegen Krieg: Die 83-jährige amerikanische Nonne Megan Rice bricht in eine Uran-Anlage ein und besprüht sie mit Bibelsprüchen. Jetzt drohen ihr 20 Jahre Haft. Unglücklich ist sie deswegen nicht.

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Megan Rice: "Ich bedauere, dass ich damit 70 Jahre gewartet habe"
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Megan Rice: "Ich bedauere, dass ich damit 70 Jahre gewartet habe"


Zweieinhalb Stunden hat das Gericht am Mittwoch beraten, dann erklärte es Megan Rice für schuldig. Schuldig, die nationale Sicherheit gefährdet zu haben. Schuldig, weil sie in den Y-12 National Security Complex eingedrungen ist, eine Atomanlage im amerikanischen Oak Ridge, Tennessee. Megan Rice ist 83 Jahre alt, etwas kurzatmig und Nonne. Vielleicht muss sie bald 20 Jahre ins Gefängnis.

Schwester Megan hatte sich anstiften lassen von Anne Montgomery, ebenfalls Nonne, ebenfalls alt: Die stieg mit 83 Jahren in einen Marinestützpunkt ein. Das muss Schwester Megan imponiert haben, wollte sie sich doch auch engagieren gegen Krieg. Wie kann ich mitmachen, habe sie gefragt, berichtet die "Washington Post" in einem ausführlichen Dossier. Ruf Greg Boertje-Obed an, antwortete Schwester Anne.

Greg Boertje-Obed, 56, Maler, stand an diesem Mittwoch ebenfalls vor Gericht. Genau wie Michael Walli, 61, Vietnam-Veteran. Die drei hatten sich zusammengetan für ihren großen Coup, der weltweit Aufsehen erregte.

Geleitet von Gott und Google Maps

Samstagnacht, am 28. Juli 2012, knipsten die drei ihre Taschenlampen an und marschierten los, geleitet von Gott und Google Maps. Im Rucksack: Schnüre, Streichhölzer, eine Bibel, drei Hämmer, sechs Sprühdosen, drei Protestplakate, ein Brief für die Mitarbeiter des Lagers, ein frischgebackenes Brot und sechs Flaschen menschliches Blut, als Zeichen für all jene, die im Krieg gestorben sind.

Zwei Stunden brauchten sie bis zum Y-12 National Security Complex, wo Uran gelagert wird. Zwischendrin machten sie immer wieder eine Pause, Schwester Megan atmete durch. Irgendwann standen sie vor dem ersten Zaun, davor ein gelbes Schild: Betreten verboten! 100.000 Dollar Strafe! Bis zu ein Jahr Gefängnis!

Sie durchtrennten den Zaun und gingen weiter. Kein Alarm, kein Streifenwagen. Schwester Megan beteuerte, berichtet die "Washington Post", sie könne keinem Lebewesen was zuleide tun. Hätten Wachhunde sie angefallen, sagt sie, sie hätte nicht einmal die Arme gehoben, um sich zu wehren.

Es gab aber keine Hunde. Auch nicht, als sie den letzten Zaun überwunden hatten. Auch nicht, als sie vor dem Gebäude standen, als sie es mit biblischen Sprüchen besprühten, als sie das Blut aus der Flasche spritzen ließen. Dann warteten sie auf ihre Festnahme.

Nach ein paar Minuten kam ein Wachmann, irgendwann war irgendwo doch der Alarm losgegangen. Danach musste die Anlage zwei Wochen geschlossen werden. Eine Gefahr für die Bevölkerung habe zu keiner Zeit bestanden, versichern Offizielle.

"I wish to live without war"

Sie habe kein schlechtes Gewissen, sagte Schwester Megan laut Nachrichtenagentur AP vor Gericht. Im Gegenteil zeige sie sich hocherfreut, so weit gekommen zu sein. Nein, sie habe auch wegen dieser Aktion nicht den katholischen Bischof um Erlaubnis bitten müssen. Ob das nicht anständiger gewesen wäre, fragte der Staatsanwalt. "Ich habe mir in meinem Leben schon viel Unhöfliches zuschulden kommen lassen", antwortete Schwester Megan.

Beschädigung von Staatseigentum, unerlaubtes Betreten der Anlage, fehlende Reue - auf diese Unhöflichkeiten stehen maximal 20 Jahre Gefängnis. Noch ist über das Strafmaß nicht entschieden. Der Anwalt der Angeklagten fürchtet, das Gericht könnte eine Exempel statuieren: "Die Sicherheitsmängel auf einem der gefährlichsten Plätze dieses Planeten haben viele Menschen schockiert", sagte er. "Sie sehen hinter mir drei Sündenböcke."

Der Anwalt sagte, die Tat sei ein symbolischer Akt, weg von der Atomkraft, hin zu gewaltfreien Initiativen. Der Staatsanwalt sagte: "Wenn man Y-12 beeinträchtigt, beeinträchtigt man die Verteidigung der Vereinigten Staaten. Würden Sie entschuldigen, was ein Einbrecher getan hat, nur weil der Hausbesitzer etwas lax mit der Sicherheit umgegangen ist?"

Als die Geschworenen am Mittwoch den Gerichtssaal verließen, begannen Zuschauer leise zu singen: "Love, love, love, love. People we are made for love." Schwester Megan trug an dem Tag ein T-Shirt, darauf der Aufdruck: "I wish to live without war". Ich wünsche, ohne Krieg zu leben. Sie lächelte und verbeugte sich.

Schwester Megan sagte, sie bereue an ihrer Tat eigentlich nur eins: "Dass ich damit 70 Jahre gewartet habe."

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insgesamt 113 Beiträge
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Seite 1
kaiserudo 09.05.2013
1. super sache
Zitat von sysopAPSie will ein Zeichen setzen gegen Krieg: Die 83-jährige amerikanische Nonne Megan Rice bricht in ein Uran-Anlage ein und besprüht sie mit Bibelsprüchen. Jetzt drohen ihr 20 Jahre Haft. Unglücklich ist sie deswegen nicht. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/usa-ordensschwester-megan-rice-bricht-in-atomlager-y-12-ein-a-898960.html
tolle idee. und als nonne ist sie einzelhaft ja gewohnt. hoffentlich findet das nachahmer bei den christen.
snickerman 09.05.2013
2. Tolle Sicherheit!
Wenn überhaupt, müsste die alte Dame und ihre beiden Mitstreiter einen Orden von der Regierung bekommen, weil sie mit ihrer Aktion eine gravierende Sicherheitslücke aufgedeckt haben! Wenn es SO einfach ist, in eine derart gefährliche Anlage einzudringen, sollten die Verantwortlichen auf Knie dafür danken, dass keine Terroristen auf diese Idee gekommen sind!
LorenzSTR 09.05.2013
3.
Das sind die Aufrechten, die Helden, die Denkenden - nicht die dämlichen Marktbrüller, Absahner, Egotypen und Kriegstreiber, die heute überall gehyped werden. Chapeau! (Auch wenn mein Weltbild eher weniger von der Bibel geprägt sein mag)
katrasenforense 09.05.2013
4. Respekt...
...mehr Worte braucht es nicht.
spon_2294391 09.05.2013
5. Ist doch prima,
wenn der Sicherheit so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird.
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