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18. Februar 2013, 19:24 Uhr

Vorwürfe aus Russland

Dreijähriger stirbt nach angeblicher Misshandlung durch US-Adoptiveltern

In den Vereinigten Staaten soll erneut ein russisches Adoptivkind zu Tode gekommen sein. Laut der Regierung in Moskau wurde der dreijährige Maxim misshandelt und mit Psychopharmaka ruhiggestellt. Ein ähnlicher Fall hatte zuletzt für massive diplomatische Verstimmung gesorgt.

Moskau - Der dreijährige gebürtige Russe Maxim Kusmin soll von seinen Adoptiveltern im US-Bundesstaat Texas misshandelt und zudem mit starken Psychopharmaka behandelt worden sein. Dies teilte der Sonderbeauftragte des Kremls für Kinderrechte, Pawel Astachow, am Montag via Twitter mit. "Ein dreijähriges russisches Kind ist in Texas von seiner Adoptivmutter getötet worden", so der Vorwurf von Astachow.

Der kleine Maxim sei noch vor der Ankunft in einer Notaufnahme gestorben, nachdem seine Adoptivmutter einen Krankenwagen gerufen hatte. Man habe zahlreiche Verletzungen der inneren Organe sowie Hämatome an Kopf und Beinen festgestellt, sagte Astachow. Der Menschenrechtsbeauftragte des russischen Außenministeriums Konstantin Dolgow sagte, die an der Leiche festgestellten Verletzungen könnten nur von heftigen Schlägen herrühren.

"Außerdem kam heraus, dass die Adoptiveltern Maxim regelmäßig ein starkes Medikament gegen Psychosen verabreichten, das Erwachsenen zur Behandlung einer schweren Form von Schizophrenie verabreicht wird, aber niemals Kindern. Es handelt sich um ein sehr starkes Mittel, das ein kindlicher Organismus nicht verträgt", so Dolgow.

Bruder des toten Dreijährigen noch in Obhut der Familie

Der Vorfall habe sich Ende Januar ereignet und sei der russischen Botschaft in den USA bekannt geworden. Die US-Behörden hätten der russischen Botschaft keine Informationen zur genauen Todesursache gegeben, bemängelte Moskau laut "Interfax".

Dem Sonderbeauftragten zufolge lebt auch Maxims älterer Bruder in derselben Familie. Der Adoptivmutter sei es vorübergehend untersagt, sich seiner Erziehung zu widmen, sie dürfe ihn aber einmal in der Woche sehen. Laut Astachows Twitter-Account durften russische Diplomaten die Lebensumstände des zweijährigen Kirill genau unter die Lupe nehmen und die Wohnung der Adoptiveltern inspizieren.

Die russische Regierung hat "Interfax" zufolge das Recht, eine Rückführung des Jungen in seine Heimat zu fordern. US-Gesetze sehen in einem solchen Fall allerdings die Unterbringung des Jungen in einer neuen Familie vor Ort vor.

Adoptionsverbot und schwarze Listen

Das Parlament in Moskau hatte erst Ende 2012 ein Adoptionsverbot für US-Bürger beschlossen, das seit der Jahreswende in Kraft ist. Zuvor war es zu Fällen von Vernachlässigung und dem Tod eines Kindes gekommen, was die russische Öffentlichkeit aufgebracht hatte.

Etwa 60.000 Kinder sollen in den vergangenen 20 Jahren aus Russland in die Vereinigten Staaten vermittelt worden sein. Die russische Regierung spricht von 19 Todesfällen seit 1996.

Das Ende 2012 beschlossene russische Gesetz sieht neben einem Adoptionsverbot auch die Erstellung einer "schwarzen Liste" von US-Bürgern vor, die wegen der Verletzung der Rechte russischer Bürger in Russland unerwünscht sind. Zudem verbietet das Gesetz politische Organisationen in Russland, die mit Mitteln aus den USA finanziert werden oder US-Bürger als Mitglieder haben.

Das Gesetz trägt den Namen Dima Jakowlew - eine Erinnerung an einen russischen Jungen, der im Jahr 2008 als Adoptivkind in die USA ausreiste und in einem Auto verdurstete, in dem er von seinem Adoptivvater bei großer Hitze zurückgelassen worden war.

Das russische Gesetz war vor allem eine Reaktion auf den kürzlich von US-Präsident Barack Obama unterzeichneten "Magnizki Act", ein Gesetz das den Namen des Anwalts Sergej Magnizki trägt. Der Jurist starb am 16. November 2009 unter ungeklärten Umständen in einem Moskauer Untersuchungsgefängnis. Offenbar hatte man ihm monatelang eine ärztliche Behandlung verwehrt, außerdem soll er von Gefängnispersonal misshandelt worden sein. Das Gesetz ermöglicht es, russische Staatsbürger mit Einreiseverboten und Vermögenssperren zu belegen, die in den Tod Magnizkis oder in andere Menschenrechtsverletzungen verwickelt waren.

Die nach dem Tod des Anwalts eingesetzte Untersuchungskommission befand Ende 2009, Magnizki sei "physischem und psychischem Druck" ausgesetzt worden, die Haftbedingungen seien "grausam und unmenschlich" gewesen. Auch nach fast einem Jahr Untersuchungshaft konnte ihm die vorgeworfene Beihilfe zur Steuerhinterziehung nicht nachgewiesen werden. Magnizki war 2008 festgenommen worden, nachdem er Beamten des russischen Innenministeriums Verwicklung in einen Betrugsfall in einer Größenordnung von umgerechnet 130 Millionen Euro vorgeworfen hatte.

Sein Tod löste weltweit Empörung aus. 2010 wurde ein Dokumentarfilm mit dem Titel "Justice for Sergej" veröffentlicht, der in sieben Parlamenten gezeigt wurde.

ala/dpa/AFP

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