Forscher stiehlt im US-Nationalarchiv Der dreiste Herr D.

Antonin D. ist ein Weltkriegsexperte - und ein Dieb: Er verhökerte Hunderte Erinnerungsstücke toter Soldaten, die er im Nationalarchiv gestohlen hatte. Ein Richter spricht von einem "abstoßenden Verbrechen".

National Archives in College Park (Archivbild)
AP

National Archives in College Park (Archivbild)


Er wusste seine Expertise durchaus zu nutzen: In Nachrichten an potenzielle Kunden brillierte Antonin D. mit detaillierten Beschreibungen der Ware; viele Sammler von Weltkriegsmemorabilia dürfte er damit schwer beeindruckt haben. Und entsprechend groß war sein Erfolg nicht nur als Historiker - sondern eben auch als Händler.

Die Geschichte, über die unter anderem die "Washington Post" berichtet, hat jedoch einen Haken: Die historischen Erinnerungsstücke aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs durfte Antonin D. gar nicht verkaufen, sie gehörten ihm nämlich gar nicht. Der französische Geschichtsforscher, ein anerkannter Experte der alliierten Invasion 1944 in Frankreich, hatte sie gestohlen.

Und zwar im Nationalarchiv der Vereinigten Staaten.

Die illegalen Umtriebe des Wissenschaftlers im Gebäude der National Archives in College Park, Bundesstaat Maryland, sind aufgeflogen - nach fünf Jahren. Wegen der systematischen Diebstähle Hunderter meist persönlicher Gegenstände von US-Soldaten hat ein Gericht in Greenbelt, Maryland, D. nun zu einem knappen Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Zudem steht der 33-Jährige für acht Monate unter Hausarrest.

291 Marken, 134 Dokumente

Unter anderem soll D. bei Besuchen in einem Studienraum zwischen 2012 und 2017 fast 300 Identifikationsmarken, sogenannte Dog Tags, stibitzt haben - um sie in den meisten Fällen wie gebrauchtes Spielzeug auf Ebay zu verkaufen. Zugang zu den Artefakten hatte er sich dem Urteil zufolge mit einem Ausweis für Wissenschaftler verschafft.

David S. Ferriero, ein Archivar des Nationalarchivs, zeigte sich erleichtert über das Urteil. "Seine Verurteilung sendet eine klare Botschaft an andere, die erwägen, die Geschichte unserer Nation zu stehlen", sagte er. Allein die Recherche sowie die Überprüfung aller gestohlenen Gegenstände habe Zehntausende Dollar gekostet, sagte Ferriero laut einer Mitteilung des Gerichts. Wie groß der tatsächliche Verlust sei, werde man vielleicht nie wissen.

Das Urteil listet 291 Identifikationsmarken sowie 134 Dokumente auf, darunter persönliche Briefe, Fotos und kleine Stücke von abgeschossenen US-Militärflugzeugen. D. verkaufte demnach jedoch nicht alle gestohlenen Gegenstände: Einige der Artefakte fanden Ermittler bei einer Durchsuchung von D.s Wohnung in College Park. Eine Identifikationsmarke eines im Krieg gestorbenen Piloten habe er auch an ein Museum verschenkt - im Tausch gegen die Erlaubnis, einmal ins Cockpit eines Kampfflugzeugs aus den Vierzigerjahren zu steigen.

Richter Theodore Chuang wählte deutliche Worte: Es handele es sich um "ein ungeheuerliches, moralisch abstoßendes Verbrechen".

mxw

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