Von Utøya und aus Oslo berichtet Anna Reimann
Wie spürt man das Grauen, hier, zwischen den Birken, den Beerensträuchern, bei den kleinen Holzhäusern? Wo in der Insel-Cafeteria noch Duschgel, Haargummis, Zahnpasta zum Verkauf angeboten werden? Wo noch ein Essensplan für das Sommerlager 2011 hängt?
Anders Behring Breivik ist an dieser Stelle abgebogen, hat den Weg nach links genommen, ist in die Cafeteria eingedrungen, hat geschossen.
Marcel Gleffe, 33, deutet den Hang hinunter. Die Büsche und Farne sind hoch, man muss sich einige Dutzend Meter durch sie hindurch schlagen, um das klitzekleine Häuschen zu sehen, das Pumpenhaus. In ihm tötete Breivik 14 Jugendliche. Für sie gab es kein Entrinnen, steile Felswände begrenzen die Minibucht. "30 Meter entfernt war ich", sagt Gleffe und zeigt auf den Fjord.
Der 22 Juli 2011: Im Wasser schwimmen Jugendliche, sie weinen. Auf dem Wasser ist Gleffe mit seinem kleinen roten Boot, der "Pioner 15", deutscher Dachdecker, ausgewandert nach Norwegen. Gleffe und seine Eltern machen Urlaub auf dem Campingplatz Utvika, der auf dem Festland gegenüber von Utøya liegt. Es ist ein kühler Tag. In die Stille hallen am Abend Schüsse. Gleffe ahnt, dass etwas nicht stimmen kann, er läuft zur Mole herunter, macht sein kleines Boot los. "Ich sah, wie Menschen ins Wasser sprangen. Sie sprangen jeden Tag, aber etwas war anders als sonst. Sie sind auf den Felskanten aufgeprallt."
"Sie schrien: 'Was willst du von uns?'"
20 bis 30 Jugendliche hat Gleffe mit seinem Boot aus dem Wasser gezogen. In Deutschland zeichnete ihn der damalige Bundespräsident Christian Wulff dafür mit dem Bundesverdienstkreuz aus.
Was hat der 22. Juli mit Gleffe gemacht? Er ist schmaler geworden, aber wirkt wie jemand, der einen Weg gefunden hat, mit dem unvorstellbar Schrecklichen umzugehen. Er kann reden über diese Stunden, die sich seitdem jeden Tag einen Weg bahnen in seine Gedanken. "Mir ging es mies. Ich denke noch immer, was Gott sich dabei gedacht hat?"
Utøya wurde nach Breiviks Tat wieder freigegeben. Gleffe legt mit einem weißen Motorboot auf der Insel an. Er steht auf dem Kiesweg, den Breivik hochging, bevor er sein erstes Opfer erschoss: Monica Bosei, die Lebensgefährtin des Kapitäns, der Breivik mit seiner Fähre auf die Insel gebracht hatte.
Gleffe sagt, dass er Glück hatte, weil die Rettung so gut lief, weil es so etwas wie Menschlichkeit gab in diesen entsetzlichen Minuten. "Was mich positiv stimmt, ist, dass ich keine Entscheidung treffen musste - ich musste nicht wählen, wen ich ins Boot nehme und wen nicht. Die Jugendlichen, die im Wasser schwammen, haben gesagt: 'Hol erst das Mädchen neben mir, ich bin ein guter Schwimmer, ich halte durch, bis du wiederkommst!' Die haben aufeinander geachtet und sich organisiert!" Es habe aber gedauert, bis sie Zutrauen zu ihm gefunden hätten.
"Sie schrien: 'Was willst du von uns, willst du uns töten?' Sie wollten nicht Richtung Festland, sie dachten, hier ist Krieg. Sie hatten von dem Anschlag in Oslo gehört", sagt Gleffe. Niemand wusste in diesen Abendstunden, wer Feind war und wer Helfer, nachdem der Mann in der Polizeiuniform zu schießen begonnen hatte. "Erst als ich die Schwimmwesten ins Wasser warf, glaubten sie mir", erzählt Gleffe. Die Wochen danach seien hart für ihn gewesen. "Es hat geholfen, dass ich seitdem mehrmals auf der Insel war. Ich weiß zwar nicht, was ich mitgenommen oder dagelassen habe, aber es hat was gebracht. "
"Es war eine furchtbare Wahl"
Oddvar Hansen, 42, brauchte beinahe ein halbes Jahr, bis er sich wieder aufs Wasser traute. Der Mann, der ein Boot hat und am Fjord lebt. Hansen war am 22. Juli früher von der Arbeit gekommen, es war ein ruhiger Tag mitten in den Sommerferien. Hansens Lebensgefährtin hörte die Schüsse über den Fjord hallen. Beide handelten rasch, nahmen ihr Boot, fuhren heraus und retteten Jugendliche aus dem Wasser. Zu diesem Zeitpunkt mordete Breivik noch immer, direkt hinter Hansen schlug eine Kugel ins Wasser. Schließlich brachte er auch die Polizisten nach Utøya, sie hatten Probleme mit ihrem Boot.
"Wir freiwilligen Retter waren als Erste vor Ort, wir haben wohl am meisten gesehen", sagt Hansen. Er sitzt bei einem schwarzen Kaffee in seinem Transportunternehmen am Rande Oslos und erzählt mit leiser Stimme von Dutzenden Jugendlichen, die tot auf den Felsen lagen. "Es war eine furchtbare Wahl, du rettest den einen und den anderen nicht, und du weißt, dass der, den du nicht genommen hast, gleich tot sein könnte."
Psychologen sind vertraut mit diesen Vorwürfen, die sich Überlebende und Retter nach Katastrophen machen. "Sie denken an die Menschen, die sie im Wasser lassen mussten, weil diese nicht mehr ins Boot passten - nicht an die anderen, die sie gerettet haben", sagte im vergangenen Jahr die Psychiaterin Kirsti Oscarson. Sie hatte die Helfer betreut.
Der AUF-Chef flüchtete mit der Fähre
Im Prozess gegen Breivik sagte Hansen als Einziger der freiwilligen Retter als Zeuge aus. Er beschrieb, wie Hilferufe von der Insel kamen und wie er und seine Freundin entschieden, stattdessen Leute zu retten, die bereits im Wasser waren, weil auf der Seite der Insel der Abstand zum Land so groß ist, dass es schwimmend keiner ans Ufer hätte schaffen können.
Hansen hat sich in den Wochen nach der Tat regelmäßig mit anderen Anwohnern und Campern getroffen, die mit ihren Booten Jugendliche gerettet hatten. "Das hat mir am meisten geholfen, weil sie es verstehen." Es gehe auf und ab mit ihm und seinen Gefühlen, sagt Hansen. Er habe weniger Lebenskraft und Energie als früher.
Hansen und Gleffe haben ihr Leben riskiert. Gleffe sagt, er fühle sich nicht wohl, wenn er als Held bezeichnet werde. Hansen lebt damit, dass in seinem Zuhause, mitten in der Idylle, der Horror einkehrte.
Eskil Pedersen muss mit etwas anderem leben. Pedersen war als Vorsitzender der AUF, der norwegischen Jusos, auf Utøya. Er hat das Attentat überlebt, weil es die Fähre "MS Thorbjørn" gab, mit der Breivik auf die Insel gekommen war und die am Anleger lag. Pedersen schaffte es auf das kleine Schiff. Zusammen mit acht anderen an Bord legte die "MS Thorbjørn" mit voller Geschwindigkeit ab - das Schiff, auf das Dutzende gepasst hätten. Die Flüchtenden an Bord dachten, sie seien die einzigen Überlebenden.
Laut Polizei wollte der Kapitän, der auch mit auf der Fähre war, umkehren, weil von der Insel flehende Hilferufe zu hören waren. Aber die anderen überredeten ihn weiterzufahren.
AUF-Chef Pedersen, der selbst Breiviks Opfer war und um Freunde trauerte, musste Kritik einstecken. "Er war der Leiter der Gruppe auf der Insel, es ist, als hätte der Kapitän das sinkende Schiff verlassen", sagte der Juso Bjørn Ihler, dem es gelang, sich auf der Insel vor Breivik zu verstecken. Die Fähre sei für viele die einzige Hoffnung gewesen, schrieb der Überlebende Adrian Pracon in einem Buch.
Pedersen verteidigte sich in einem Interview: Er habe reagiert, wie man eben instinktiv reagiere. Was hätte er machen sollen? Breivik habe ihn auch als Ziel auserkoren. Auch Pedersens Dilemma handelt davon, Opfer zu sein, Überlebender, voller Panik - und trotzdem so etwas wie Schuld zu spüren, durch die Tat fast selbst zu einem Täter zu werden.
Ein Jahr später liegt die "MS Thorbjørn" am Anleger vor Utøya. Oddvar Hansen bekommt zum Jahrestag Besuch von zwei Jugendlichen, die er gerettet hat. Sie werden bei ihm übernachten und am Sonntag zusammen in den Gedenkgottesdienst in Hole gehen. Es sind neue Freundschaften entstanden nach dem Grauen, das Breivik über das Land brachte.
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