Uups! - et orbi Die lebende Reliquie

Nach 17 Jahren im Koma ist die Italienerin Eluana Englaro endlich beigesetzt worden. Zuvor waren die Wogen der Empörung in ihrer Heimat noch hoch geschlagen. Es war ein unwürdiger Streit, wie Alexander Smoltczyk findet.


Rom - Im Jahr 1027 lebte in den umbrischen Bergen ein Eremit namens Romuald. Er hatte erst den Orden der Kamaldulenser gegründet, sich dann in die Nähe des Dorfes Fabriano zurückgezogen und führte nun ein heiligmäßiges Leben. Die Dorfbewohner sahen dem mit Wohlgefallen zu, denn ein potentieller Heiliger ist immer gut für den Ruf und auch die Ökonomie eines Dorfes.

Und so geschah es: Als bekannt wurde, dass Romuald die Absicht hatte, die Gegend zu verlassen, fürchteten die Bewohner, nicht nur den Heiligen, sondern auch dessen wertvolle sterbliche Überreste zu verlieren. Sie taten sich zusammen und beschlossen, ihn gemeinsam zu ermorden. Denn ein Eremit ist nicht unbegrenzt haltbar. Reliquien dagegen sind von ewigem Wert. Bis heute liegt Romuald in der Dorfkirche S. Biagio in Fabriano begraben, hochverehrt.

Knapp tausend Jahre später wurde wieder um einen Nochnicht-Leichnam gestritten, unwürdiger noch als damals. Es ist der Fall der Eluana Englaro, jener am Montagabend endgültig verstorbenen Koma-Patientin aus Lecco am Comer See. Eluana ist in den vergangenen Wochen zu einer lebenden Reliquie geworden, über deren malträtierten Körper sich die Politiker und Priester ganz Italiens hermachten.

Die Geschichte ist bekannt. Nach einem Autounfall im Alter von 22 ist Eluana 17 Jahre lang nicht aus dem Koma erwacht. Ihr Herz schlug, aber sie musste künstlich ernährt werden. Der Körper wurde alle zwei Stunden gewendet, um ein Wundliegen zu vermeiden. Eluanas Vater Beppino wehrte sich gegen diese Behandlung seiner Tochter. Es sei gegen ihren Willen gewesen. Aber weil Eluana kein entsprechendes "biologisches Testament" aufgesetzt hatte, weigerten sich die Ärzte, die Behandlung abzubrechen.

Der Vater, der für den Tod seiner Tochter kämpfen musste

So wurde Beppino Englaro zu einem Vater, der für den Tod seiner Tochter kämpfte. Er hatte viele Gegner, aber sein mächtigster Gegner war der Vatikan. Die Kirche war der Auffassung, es handele sich um eine lebenserhaltende Therapie, nicht um eine lebensverlängernde, daher sei ein Abbruch nicht mit dem fünften Gebot zu vereinbaren.

Nach jahrelangen Verfahren entschied das Berufungsgericht in Mailand im Oktober 2007, dass Eluanas Zustand "irreversibel" sei. "Vorherige Erklärungen, Persönlichkeit und Lebensstil" von Eluana legten nahe, dass auch sie gegen eine künstliche Verlängerung ihres Lebens gewesen wäre. Somit dürfe Eluana sterben. Das Urteil löste einen Kulturkampf aus, eine Debatte über Leben und Tod.

Die antiklerikale Partei der "Radicali" demonstrierte für das Recht auf Sterben, und hielt Transparente hoch mit dem letzten Satz des sterbenden Johannes Paul II.: "Lasst mich gehen zum Haus des Vaters." Lebensschützer organisierten Gegen-Demos und sprachen von Euthanasie und richterlich legitimiertem Mord. Der Gesundheitsminister verkündete, jedem öffentlichen Krankenhaus die Mittel zu sperren, das Eluanas Ernährung abbrechen würde. Der Europäische Gerichtshof wurde angerufen und bestätigte die Auffassung der Mailänder Richter.

In aller Heimlichkeit wurde der Körper Eluanas nach Udine im Nordosten Italiens gebracht. Dort hatte sich eine Klinik bereitgefunden, die künstliche Ernährung langsam zu stoppen. Es sei Christenpflicht, die "Mörderhand" zu stoppen, sagte Kardinal Javier Barragan, der Gesundheitsexperte des Vatikan. Er meinte Eluanas Vater.

Frei erfundene Wundergeschichten

Elternverbände schoben schwerbehinderte Kinder vor die Klinik und erklärten, sie alle liebten das Kreuz, das Er ihnen auferlegt habe. Zeugen berichteten unter Tränen, Eluana sei an der Hand der Pflegerinnen im Park spazieren gegangen und könne selbstständig schlucken. Manchmal lächele sie auch. Allesamt frei erfundene Wundergeschichten.

Vor der Klinik warteten Leute mit Brot und Wasserflaschen, als gelte es, einen Hungerstreik zu beenden. Sie riefen die Polizei auf, das Krankenhaus zu stürmen und Eluana zu befreien. Um genau das zu ermöglichen, setzte das Kabinett in einer Eilsitzung ein Dekret auf und verlangte vom Staatspräsidenten, es gegenzuzeichnen. Als der sich weigerte, sprach das Land von "Verfassungskrise".

Der Vatikan zeigte sich enttäuscht. Es gab Sit-ins vor dem Parlament, Plakate an allen Straßenecken, Udine wurde als "Stadt der Euthanasie" bezeichnet. Die katholische Tageszeitung "Avvenire" warnte vor Zuständen, in denen Eltern für ihre Kinder zum "Richter und Henker" werden könnten. Der Gipfel der Obszönität wurde im Alleingang von Silvio Berlusconi erreicht, als er erklärte, "Eluana könnte Kinder haben." Die meisten Italiener äußerten Verständnis für die Entscheidung von Beppino Englaro. Aber für die anderen war er ein Mörder und Henker und von der Herzenswärme eines KZ-Arztes.

Sie sah aus wie eine Gekreuzigte

Zuletzt, am vergangenen Sonntag, bat Englaro eine Reporterin der RAI in das Behandlungszimmer. Die Journalistin sah eine Eluana, die nichts mehr gemein hatte, mit den Bildern von ihr, die überall hochgehalten wurden. Das Bild eines fröhlichen Mädchens beim Skiausflug. Aber jetzt sah Eluana aus wie der Gekreuzigte, nur mit einem schlagenden Herzen. Die Ohren seien vom Liegen dunkel und verformt gewesen, der Körper ausgezehrt und mit Schläuchen und Röhren intubiert, die Augen starr. Es sei viel schlimmer gewesen als die Fotos von Terry Schiavo, der amerikanischen Komapatientin.

Wenige Stunden nach dem Besuch starb Eluana Englaro, schon zu Lebzeiten Reliquie der Lebensschützer. Am Donnerstagnachmittag wurde sie auf dem Friedhof von Paluzza, an der Grenze zu Österreich, beigesetzt.


Wieso gibt es im Vatikan ein Standesamt, und warum ist die Kriminalitätsrate dort höher als in São Paulo? Und wie komme ich an der Schweizergarde vorbei? SPIEGEL-ONLINE-Vatikanist Alexander Smoltczyk hat durchs Schlüsselloch des päpstlichen Apartments geblickt und beantwortet gnadenlos alle Fragen, die andere noch nicht einmal zu stellen wagen: "Vatikanistan - Eine Entdeckungsreise durch den kleinsten Staat der Welt" ist jetzt im Buchhandel.

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